24. FVDZ-Presseseminar Berlin

Raus aus „DDR de luxe“

Das Gesundheitsmodernisierungsgesetz war keine Reform. Soweit herrschte auf dem 24. FVDZ-Presseseminar (23. und 24. Januar in Berlin) zwischen Parteivertretern, Versicherungsfachleuten und Zahnärzten absolute Einigkeit. Selbst SPD-Vertreter Horst Schmidtbauer räumte ein, das GMG sei nur ein „Reformkompromiss“. Die Konsequenz daraus? Zum Generalthema „Generationengerechtigkeit in der Krankenversicherung“ boten insbesondere zwei Querdenker aus der Krankenversicherung Diskussionsstoff.

„Raus aus dem System der ‘DDR de luxe’, rein in das, was die Menschen wollen“ forderte Dr. Claus Michael Dill, Vorstandsvorsitzender der AXA Konzern AG und Mitglied der Rürup-Kommission vor der versammelten Journalistenrunde, die der FVDZ zum 24. Mal für das traditionelle zweitägige Hintergrund- Seminar eingeladen hatte. Angesichts der ernüchternden Analyse, die die Gesundheitspolitiker Michael Kauch (MdB FDP), Hildegard Müller (MdB CDU) und Horst Schmidtbauer (MdB SPD) im gegenseitigen Schlagabtausch zur aktuellen Situation nach In-Kraft-Treten des GMG geliefert hatten, mahnte der PKV-Vertreter, das Demografie- Problem unserer Gesellschaft endlich nachhaltig anzugehen. Die bisher erfolgten Lösungsansätze der Kostendämpfung seien absurd, weil im Gesundheitswesen, einem der wenigen Wachstumsbereiche, Arbeitsplätze verhindert werden. Dill forderte „mehr Wettbewerb und Effizienz“.

Für eine nachhaltige Generationengerechtigkeit sei das Prinzip der Kapitaldeckung gerecht. Vom Grundsatz her müsse jeder Bürger im jeweiligen Lebenszyklus für sich selbst zahlen, wenn die ererbten Schulden für die nächste Generation nicht noch gesteigert werden sollen. Denn schon im Jahr 2030 müssten nach heutigem Umlageverfahren 100 „Aktive“ statt heute 30 dann 78 Rentner tragen. Im Gesundheitswesen könne durch rigorose Anwendung des PKVSystems nur ein Drittel der Steigerung aufgefangen werden. „Das ist aber besser als nichts“, meinte Dill und forderte ein Ende der „netten Party“ der heutigen Gesellschaft.

Ab unter die Ladentheke

Eine Argumentation, die der Vorsitzende der Deutschen BKK, Ralf Sjuts, zur Überraschung der Teilnehmer weitgehend mittragen konnte. Sjuts kritisierte die von Rot- Grün durch eine Bürgerversicherung in Aussicht gestellte GKV-Beitragssenkung auf elf Prozent: „Dazu fehlt mir jegliche Phantasie.“ Der GKVler mutmaßte vielmehr, dass der Beitrag – anders als mittels GMG angestrebt – bis Jahresende gen 15 Prozent steigen werde.

Zur Zahnersatz-Regelung des GMG ab 2005 erklärte der BKK-Chef, dass er die Regelversorgung „am liebsten streichen oder nur unter der Ladentheke anbieten“ und durch eine eigene, in Zusammenarbeit mit einer PKV erarbeitete Lösung ersetzen würde. Sjuts’ Vision: Die Einführung der Kapitaldeckung in der Krankenversicherung durch „die Hintertür“ – mittels Zusatzversicherungen. Damit könne man über eine andere „Spielwiese“ in „eine neue Welt“ gelangen. „Angst vor der Zusammenarbeit mit der PKV habe ich nicht“, resümierte der GKV-Vordenker. Sjuts erwartet eine zunehmende Individualisierung der Versicherungsangebote: „Es ist eine Frage des Marktes, des Preises, von Angebot und Nachfrage.“ Und Dill unterstützte: „Es wird in der Branche einen Blumenstrauß der Zusammenarbeit geben.“

Der FVDZ-Bundesvorsitzende Dr. Wilfried Beckmann forderte dazu auf, bei derartig neuen Formen der Zusammenarbeit genau zu prüfen, „ob eine echte Veränderung stattfindet oder nur Scheinehen zwecks Erhaltung alter Strukturen getroffen werden, die den Versicherten nichts bringen“. Beckmann warnte davor, Noteingriffe in das Gesetz mit zukunftsgreifenden Diskussionen gleichzusetzen. Einen richtigen Weg, nämlich die Einführung der Kostenerstattung, auf deren Basis die Selbstbeteiligung besser zu regeln sei als durch Instrumente wie die Praxisgebühr, habe der Gesetzgeber durch Einschränkungen zur „Ente“ verkommen lassen.

Deutlich wurde für die teilnehmenden Journalisten, dass Deutschlands Zahnärzte ihren Beitrag zur „Generationengerechtigkeit“ ernst nehmen. Vorträge zur Zahnmedizinischen Fortbildung (Dr. Bernhard Fuchs), zahnmedizinische Präventions- und Therapiekonzepte für Kinder und Jugendliche (Prof. Dr. Ulrich Schlagenhauf, Dr. Kerstin Löwe) und für die Alterszahnheilkunde (Dr. Klaus-Dieter Bastendorf, Dr. Karl-Heinz Sundmacher) verdeutlichten den erfolgreichen Weg, den die Zahnmedizin in den letzten Jahrzehnten für eine lebenslange Prävention und damit zur Besserung der Mundgesundheit in Deutschland eingeschlagen hat.

Beckmanns Resümee: „Diese Reform war keine Reform. Die Generation, die nach uns kommt, erfordert Wichtigeres.“