Seltene Manifestationen odontogener Tumoren

Komplexes Odontom im posterioren Oberkiefer

Kasuistik

Auf einem Kontroll-Orthopantomogramm (OPG) unter kieferorthopädischer Behandlung fiel bei einem xx-jährigen jugendlichen Patienten eine wolkige, unscharf begrenzte Verschattung im posterioren linken Oberkiefer mit Ausdehnung in die Kieferhöhle auf (Abbildung 1). Der zweite Molar dieses Quadranten war nicht zeitgerecht durchgebrochen. Der Befund des OPG ließ unter anderem an eine fibröse Dysplasie denken. Die erweiterte Bildgebung mittels Computertomographie zeigte einen inhomogenen, vom knöchernen Alveolarfortsatz in die Kieferhöhle hereinragenden Tumor. Die Hartgewebsanteile dieses Tumors zeigten im CT teilweise die Dichte von Schmelz, teilweise war die Dichte mit Dentin oder auch mit dem umgebenden Knochen vergleichbar. Neben diesen Hartgewebsstrukturen war auch ein Weichgewebsanteil des Befundes erkennbar. Die dem Tumor unmittelbar benachbarte Kieferhöhlenschleimhaut zeigte keine reaktiven Veränderungen. Dorsal des Befundes war die Anlage eines Mikrodens 28 erkennbar (Abbildung 2 a und b).

Unter der Verdachtsdiagnose eines komplexen Odontoms erfolgte die transantrale Entfernung des Tumors, wobei der mit dem Befund verbackene 27 und der Mikrodens ebenfalls entfernt wurden. Abbildung 3 zeigt den von reizloser Kieferhöhlenschleimhaut bedeckten Hartgewebsanteil des Tumors nach Fensterung der anterioren und lateralen Kieferhöhlenwand. Der Tumor wölbt sich in das Lumen der Kieferhöhle vor. Das Operationspräparat (Abb. 4) zeigt die unterschiedlich dichten Anteile des komplexen Odontoms und den im Zusammenhang entfernten Zahn 27 sowie den Mikrodens 28.

Diskussion

Odontome sind die häufigsten odontogenen Tumoren und betreffen bevorzugt den posterioren Unterkiefer und den anterioren Oberkiefer. Sie werden heute überwiegend als entwicklungsbedingte Anomalien (Hamartome) der embryonalen Zahnleiste und nicht als echte Neoplasien angesehen [Sciubba et al. 2001; Neville et al. 2002]. Die WHO-Klassifikation führt Odontome weiterhin unter der Gruppe der neoplastischen Läsionen auf der Basis „odonotogenen Epithels mit odontogenem Ektomesenchym mit oder ohne Zahnhartsubstanzbildung“ auf [Reichart und Philippsen 2003]. Während die so genannten „zusammengesetzten Odontome“ aus zahlreichen zahnähnlichen Gebilden bestehen, stellen „komplexe Odontome“ Konglomerate aus variablen Anteilen von Dentin, Zement, reifem Schmelz, Schmelzmatrix und pulpaähnlichem Bindegewebe dar. Odontome stehen regelmäßig in Beziehung zu Zähnen der zweiten Dentition, eine Assoziation mit Milchzähnen ist ausgesprochen selten [Hisatomi et al. 2002] Die Mehrzahl der Odontome bleibt klinisch asymptomatisch und wird entweder anlässlich einer radiologischen Routinediagnostik oder auf der Suche nach der Ursache einer Zahnretention entdeckt. Auch im vorliegenden Fall verhinderte das Odontom den regelhaften Durchbruch des Zahnes 27. Die Therapie besteht aus der schonenden operativen Entfernung des Befundes, wobei die assoziierten Zähne, wie in diesem Fall, häufig mit entfernt werden müssen [Miki et al. 1999]. Für die zahnärztliche Praxis demonstriert dieser Fall die Bedeutung einer vollständigen Darstellung der Kieferregion und der Nachbarstrukturen insbesondere bei der Suche nach den Ursachen einer Zahnretention.

PD Dr. Dr. Martin Kunkel
Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert
Klinik für Mund-, Kieferund
Gesichtschirurgie
Johannes-Gutenberg-Universität
Augustusplatz 2
55131 Mainz

Fazit für die Praxis

• Odontome werden überwiegend als entwicklungsbedingte Anomalien (Hamartome) der embryonalen Zahnleiste betrachtet.

• Odontome sind regelmäßig mit Zähnen der zweiten Dentition assoziiert und bilden häufig ein Durchbruchshinderniss.

• Unklare pathologische Veränderungen der Kieferregion erfordern grundsätzlich eine vollständige Bildgebung und die nachfolgende histologische Sicherung.

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