Unbegründete Angst oder echte Bedrohung

Aktuelles zur Vogelgrippe

Täglich gibt es neue Schreckensmeldungen aus Asien. Die Angst ist groß, Gesundheitsämter und öffentliche Einrichtungen rüsten sich, die Labors arbeiten fieberhaft. Lesen Sie hier einen Hintergrund zur Vogelgrippe. Wie sieht die Gefahr wirklich aus? Muss sich der Zahnarzt besonders schützen?

Seit Wochen schon wütet in Asien die Vogelgrippe, Millionen von Hühnern, Enten und Puter wurden geschlachtet. Ob damit die Infektion einzudämmen und die Gefährdung für Menschen abzuwenden ist, bleibt fraglich. Gefürchtet werden insbesondere Mutationen, die dem Virus eine Mensch-zu-Mensch-Infektion ermöglichen. In einem solchen Fall wäre jeder – und durch den engen Kontakt zum Patienten in besonderem Maße die Zahnärzte – bedroht. Eine Pandemie ähnlich der Spanischen Grippe, die rund 40 Millionen Todesopfer weltweit forderte, wäre denkbar. Notfallpläne werden derzeit auch für Deutschland erarbeitet.

Die Wellen schlugen hoch, als eine Frau im Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin mit allen Symptomen einer Grippe vorstellig wurde und angab, gerade aus Thailand gekommen zu sein. Inzwischen wurde Entwarnung gegeben, weil sie „nur“ mit herkömmlichen Influenza-Viren infiziert war. Doch durch den Fall wurde mit einem Schlag auch der breiten Bevölkerung die Bedrohung bewusst, die von der derzeit in Asien grassierenden Vogelgrippe ausgehen kann.

Denn dem Virus, das ursprünglich nur Vögel befallen hat, ist es gelungen, die Artengrenze zu überschreiten und nun auch Menschen zu befallen. Die Menschen infizieren sich – soweit bislang bekannt – jedoch lediglich bei infizierten Tieren. Noch ist kein Fall bekannt, bei dem eine Übertragung des Virus von Mensch zu Mensch gesichert worden ist. Wäre eine solche Übertragung möglich, so könnte das Virus sich ungehindert über den gesamten Erdball ausbreiten. Es wäre ebenso schnell wie unsere Flugzeuge und könnte innerhalb weniger Stunden nach Europa eingeschleppt werden, wo es auf eine immunologisch weitgehend ungeschützte Bevölkerung treffen dürfte.

Denkbar ist ferner, dass durch Mutation eine Art „Super-Virus“ entsteht, das beim Menschen zu bedrohlichen Infektionen mit hoher Todesrate führen könnte. Solche Szenarien sind offensichtlich nicht weit hergeholt, wenn man bedenkt, dass das Robert Koch-Institut sich, so Angaben des Spiegel, derzeit mit einem Notfallplan auf den Ausbruch einer besonders tödlichen Grippe-Epidemie in Deutschland vorbereitet.

Influenza-A-Viren – hohe Variabilität

Ursache der Grippe – aber nicht der Erkältung, die durch viele verschiedene Viren ausgelöst werden kann – sind Influenzaviren. Es handelt sich um RNA-Viren, die den wissenschaftlichen Namen Myxovirus influenza tragen. Man unterscheidet drei verschiedene Virustypen und zwar Typ A, B und C. Erreger der Grippe beim Menschen ist zumeist das Influenza-A-Virus. Es zeichnet für mehrere Pandemien verantwortlich und löste kurz nach dem ersten Weltkrieg die so genannte „spanische Grippe“ aus, an der den Schätzungen zufolge weltweit 500 Millionen Menschen erkrankten und vermutlich mehr als 22 Millionen Menschen verstarben. Auch die „Hongkong-Grippe“, eine Pandemie, die 1968 von Hongkong ausging, wurde durch Influenza-Viren vom Typ A verursacht.

H5N1 analog der Oberflächenstrukturen

Das Vogelgrippe-Virus ist ebenfalls ein Influenza-A-Virus. Es unterscheidet sich von den Viren, die den Menschen infizieren, durch Oberflächenstrukturen, und zwar speziell beim Hämagglutinin und beim Enzym Neuraminidase, bei denen Varianten bekannt sind. Den speziellen Oberflächenstrukturen verdankt das Virus, das derzeit in Asien grassiert, seinen Namen H5N1, es trägt auf seiner Oberfläche die fünfte bekannte Variante des Hämagglutinin (H5) sowie die erste Variante der Neuraminidase (N1). Dagegen ist das den Menschen normalerweise infizierende Virus ein Influenza-A-Virus vom Typ H1N1 oder H3N2.

Ein Charakteristikum der Influenza-A-Viren ist ihre hohe Variabilität. Sie können leicht ihre Oberflächenstrukturen ändern, ein Phänomen, das als Antigendrift bezeichnet wird. Die Antigendrift ist der Grund dafür, dass durch eine Impfung gegen Influenza-Viren ein dauerhafter immunologischer Schutz nicht zu erzielen ist. Die verfügbaren Impfstoffe werden deshalb jährlich an das aktuelle Virus angepasst, weshalb auch jährlich geimpft werden muss, um eine sichere Schutzwirkung zu erzielen.

Mix des Erbguts könnte zur Gefahr werden

Neben der Antigendrift gibt es bei den Influenza-Viren ein zweites Phänomen, das dem Menschen gefährlich werden kann: Treffen zwei unterschiedliche Virustypen – beispielsweise Viren, die üblicherweise nur Schweine infizieren und Influenza-Viren des Menschen – zusammen, so kann sich ihr Erbgut mischen. Das würde allerdings voraussetzen, dass sich ein Mensch mit dem Influenzavirus des Menschen und gleichzeitig zum Beispiel mit dem Vogelgrippe-Virus infiziert.

Dann aber kann ein neuer Erreger entstehen, gegen den keine Immunität in der Bevölkerung gewappnet ist und gegen den die bisherigen Impfstoffe nicht wirken. Dieser Erreger könnte sich ungehindert in der Bevölkerung ausbreiten, und zwar mit höherer Pathogenität – und folglich höheren Sterberaten – als das bisherige Influenza-A-Virus. Es ist nicht auszuschließen, dass Millionen von Menschen einem solchen Virus zum Opfer fallen könnten.

Endemien in Tierbeständen

Dass es sich um eine reale Gefahr handelt, geht unter anderem aus einer Information des Robert Koch-Institutes hervor. Das Amt erläutert, dass Influenza-Viren nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Tieren, und hier insbesondere bei Schweinen, Pferden und Vögeln, vorkommen. Dabei gibt es speziell bei den Vögeln ein hoch pathogenes Influenzavirus, weshalb immer wieder auch von der Geflügelpest gesprochen wird. Das Virus führt zum Verenden zahlreicher Tiere, wenn es sich in einer Population endemisch ausbreitet. Endemien in Tierbeständen hat es immer wieder gegeben, zuletzt im vergangenen Jahr in den Niederlanden, von wo die Geflügelpest auf Belgien überging. Damals war auch ein Bauernhof in Deutschland betroffen.

Übertragung vom Tier auf den Menschen

Eine Übertragung auf den Menschen ist möglich, wie 1997 erstmals zweifelsfrei dokumentiert wurde. Damals wurden in Hongkong 18 Infektionen bei Tierhaltern nachgewiesen, sechs von ihnen verstarben. Die Virus-Übertragung erfolgt offenbar über den Kot der Tiere, mit dem auch Viren ausgeschieden werden. Über kontaminierte Staubpartikel kann das Virus dann per Inhalation in den menschlichen Körper gelangen und auch bei mangelnder Händedesinfektion ist eine Übertragung möglich. Das erklärt die Infektionen und Todesfälle in Asien, vor allem in Vietnam, wo das Virus bereits länger grassiert. Es handelte sich in der Mehrzahl der Fälle um Menschen, die mehr oder weniger direkt mit infizierten Hühnern zu tun hatten. Über den Verzehr von gegartem Geflügelfleisch oder Eiern wird das Virus nach derzeitiger Kenntnis dagegen nicht übertragen. Die Gefahr der Bildung eines „Super-Virus“ ist ernst zu nehmen, denn zurzeit rollt wie jedes Jahr um diese Zeit eine Influenza-Welle auf Asien zu. Dort aber ist die Vogel-Grippe längst außer Kontrolle geraten und niemand kann die Zahl der infizierten Menschen auch nur abschätzen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Menschen sich sowohl mit dem normalen Influenza-Erreger wie auch mit dem Vogelgrippe-Virus infizieren – und damit die Grundlage für die Entstehung eines neuen, besonders pathogenen Grippe-Virus bilden.

Impfstoffentwicklung läuft auf Hochtouren

Fieberhaft wird deshalb derzeit an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Vogelgrippe-Virus H5N1 gearbeitet. Es dürfte nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jedoch mindestens noch sechs Monate dauern, ehe ein solcher Impfstoff verfügbar ist.

Doch auch unabhängig von der Impfstoffentwicklung werden alle Chancen genutzt, das Virus in seiner Verbreitung einzudämmen. Dazu gehört das Schlachten aller potenziell infizierten Tiere sowie das bestehende Einfuhrverbot für Geflügel, Geflügelprodukte und für Ziervögel aus den betroffenen Ländern.

Neuraminidasehemmer als einzige Therapieoption

Solange eine vorbeugende Impfung nicht möglich ist, bleibt im Falle des Falles lediglich die Therapie. Es gibt dabei praktisch nur die Möglichkeit, mittels eines Neuraminidasehemmers die Vermehrung der Viren zu unterbinden. Zwei Präparate sind in Deutschland im Handel, und zwar die Wirkstoffe Zanamivir und Oseltamivir.

Laborversuche mit diesen Neuraminidasehemmern Ende der 90er Jahre an isolierten H5N1-Viren lassen vermuten, dass die Präparate auch bei dieser Virusform wirksam sind. Sicher belegt ist dies jedoch nicht.

Notfallplan für Deutschland

Vorsorglich bereiten sich die deutschen Gesundheitsbehörden nach Informationen des Spiegel nunmehr mit einem Notfallplan auf einen möglichen Ausbruch einer Pandemie mit dem potenziellen „Super-Grippe-Virus“ vor. Im Fall des Falles würden zunächst Ärzte, Krankenschwestern und weitere Mitglieder des Gesundheitsdienstes mit einem Neuraminidasehemmer, wie dem von Hoffmann-LaRoche hergestellte Zanamivir (Tamiflu®), versorgt. Im zweiten Schritt würde das Medikament an die Polizei und wichtige Verwaltungsmitarbeiter verteilt, um das Aufrechterhalten der öffentlichen Ordnung gewährleisten zu können. In einem dritten Schritt soll das Mittel dann für Menschen mit Atemwegserkrankungen, also beispielsweise für Asthmatiker, bereit gestellt werden.

Insgesamt müssten damit, so die Hochrechnungen, allein in Deutschland im Ernstfall 20 Millionen Bundesbürger den Neuraminidasehemmer erhalten – eine Situation, die ohne Bevorratung des Medikamentes kaum zu bewerkstelligen sein dürfte. Verhandlungen mit dem Hersteller sollen bereits laufen, wobei dieser angekündigt hat, im Bedarfsfall innerhalb kurzer Zeit sogar eine neue Produktionsstätte für den Neuraminidasehemmer bauen zu können.

Für die derzeitige Situation gibt das Auswärtige Amt bekannt, dass Reisen in von der Geflügelpest betroffene Länder wohl als unbedenklich anzusehen sind. Vorsichtshalber sollte der enge Kontakt zu erkrankten Tieren aber vermieden werden, und vom Besuch von Vogel- und Geflügelmärkten rät das Amt ab.

Christine Vetter
Merkenicherstraße 224
50735 Köln

INFO

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Die Bundeszahnärztekammer warnt vor diesem Hintergrund vor Panikmache, verweist jedoch auf die gängigen Hygienevorschriften, die für jede Zahnarztpraxis gelten. Bei Einhaltung der vom Robert Koch-Institut vorgegebenen Hygieneempfehlungen hat der Praxisinhaber derzeit alles erdenklich Mögliche zur Infektionsvermeidung getan.


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