Repetitorium:

Plötzlicher Kindstod

Kaum ein Thema ist in der Medizin emotional so belastet wie der plötzliche Kindstod, und fast jeder kennt eine Familie, in der ein Fall von plötzlichem Kindstod vorgekommen ist. Noch immer sind die genauen Ursachen dieser so dramatischen Ereignisse letztlich ungeklärt. Es gibt jedoch vernünftige Theorien, und vor allem Möglichkeiten, die Gefahr eines plötzlichen Kindstodes bei Säuglingen zu minimieren.

Rund 800 bis sogar 1 000 Säuglinge versterben jährlich in Deutschland an SIDS, dem „Sudden Infant Death Syndrom". Der plötzliche Kindstod, auch Krippentod genannt, ist damit die häufigste Todesursache bei Kindern im ersten Lebensjahr. Er macht rund 40 Prozent der Todesfälle in diesem Lebenszeitraum aus. Die Kinder versterben während des Schlafens und erfreuen sich vorher bester Gesundheit.

Häufigkeit des SIDS

Dennoch ist ein solches Ereignis, relativ betrachtet, selten. Die Inzidenz lag in den frühen 90er Jahren bei rund 1,8 pro Tausend Lebendgeborenen. Durch intensive Bemühungen um eine Reduktion der Risikofaktoren konnte sie auf eine Rate von nunmehr 0,5 auf Tausend Lebendgeborene gesenkt werden. Konkret bedeutet das, dass derzeit rund eines von 2 000 Kindern, die zur Welt kommen, am plötzlichen Kindstod verstirbt. Dies geschieht zumeist zwischen dem zweiten und dem vierten Lebensmonat, und in rund 60 Prozent der Fälle sind Jungen betroffen.

Eine Vielzahl dieser Todesfälle wäre nach Einschätzung des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales durch eine bessere Information der Bevölkerung und den Abbau von Risikofaktoren vermeidbar.

Ursachen noch unbekannt

Die genaue Ursache des plötzlichen Kindstodes ist bislang noch unbekannt. Es wird eine genetische Prädisposition diskutiert. Tritt diese zusammen mit Risikofaktoren auf, so kann das offensichtlich zu einem plötzlichen Todesfall bei den Säuglingen führen. Meist geschieht dies innerhalb der ersten sechs Lebensmonate, dagegen nur noch selten nach dem ersten Lebensjahr.

Andererseits lässt sich durch eine Vermeidung der Risikofaktoren die Häufigkeit des plötzlichen Kindstodes erheblich reduzieren, wie die Beobachtungen in den vergangenen Jahren belegen.

Risikofaktoren für den plötzlichen Kindstod

Es gibt verschiedene Risikofaktoren, die die Gefahr für einen plötzlichen Kindstod erhöhen. Als wohl wichtigster Risikofaktor ist das Schlafen des Kindes in Bauchlage zu nennen. Bekannt ist auch, dass die Gefahr steigt, wenn die Mutter raucht, wenn das Kind im Schlaf zu warme Kleidung trägt und wenn es regelmäßig im Bett der Eltern schläft.

Eine erhöhte Gefahr für einen SIDS wurde außerdem gesehen bei Müttern unter 21 Jahren sowie bei Müttern mit geringer Schulbildung. Dies hat aber wohl keine biologischen Gründe, sondern liegt einfach daran, dass sehr junge Mütter sowie solche mit nur geringer Schulbildung wenig über die Zusammenhänge und die Risikofaktoren des plötzlichen Kindstodes wissen und diesem folglich nicht vorbeugen.

Risikofaktor Bauchlage

Der Rückgang der Häufigkeitsrate des SIDS um etwa 50 Prozent in den vergangenen Jahren hat wesentlich damit zu tun, dass in der Öffentlichkeit vermehrt darüber informiert wurde, Säuglinge möglichst nicht in der Bauchlage zum Schlafen zu legen. Denn die Bauchlage ist Studien zufolge mit einem 4,6fach höheren SIDS-Risiko verbunden als die Rückenlage. Besonders hoch ist die Gefahr (Steigerung um das 19fache) laut einer Studie aus Neuseeland bei Kindern, die in Bauchlage schlafen, aber nicht an diese Lagerung gewöhnt sind. Gründe für die erhöhte Gefährdung der Kinder in der Bauchlage könnten darin liegen, dass so die Wärmeabgabe über den Kopf schwieriger ist und es eher zu einer Verlegung der Atemwege kommt, wenn die Kinder direkt auf dem Gesicht liegen. Die Gesichtslage scheint besonders gefährlich zu sein, etwa ein Drittel der verstorbenen Kinder wird in dieser Lage aufgefunden.

Doch auch die Seitenlage ist nicht unproblematisch, sie ist ebenfalls mit einem zweibis sechsfach höheren SIDS-Risiko verbunden. Das dürfte daran liegen, dass die Seitenlage relativ instabil ist und die Kinder sich aus ihr leicht in die Bauchlage drehen können. Bei der Lagerung in der Seitenlage sollte der untere Arm deshalb stets vor dem Bauch liegen, und das Kind sollte am besten durch eine kleine Rolle vor dem Bauch davor geschützt werden, aus der Seitenlage in die Bauchlage abzukippen.

Risikofaktor Bettzeug

Auch die Bedeckung des Kopfes durch Bettzeug ist ein Faktor, der mit dem Krippentod in Verbindung gebracht wird. Denn, wenn das Kind unter das Bettzeug rutscht, kann dies zur Rückatmung von Kohlendioxid führen und damit möglicherweise zu einer reduzierten Sauerstoffsättigung des Blutes führen sowie zu einer direkten Verlegung der Atemwege durch die Bettdecke.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken. So wird immer wieder empfohlen, Säuglinge und Kleinkinder ohne Kissen schlafen zu lassen, um zu verhindern, dass sie sich so ins Kissen drehen, dass ihre Atmung behindert wird. Säuglinge können außerdem so gelagert werden, dass sie mit den Füßen an das Bettende stoßen und nicht mehr nach unten rutschen können. Eine Alternative wäre, die Kinder in einen Schlafsack zu betten, so dass automatisch der Kopf frei ist.

Risikofaktor Überwärmung

Das Schlafen im Schlafsack verhindert nicht nur, dass das Kind unter das Bettzeug rutscht, sondern erlaubt auch eine bessere Wärmeabgabe über den Kopf. Das aber scheint wichtig zu sein, denn auch eine Überwärmung des kindlichen Organismus im Schlaf kann einen SIDS auslösen, wie britische Untersuchungen nahelegen. So ist gezeigt worden, dass Kinder unter stark wärmedämmenden Decken besonders gefährdet sind, und auch ein zu warmes Anziehen des Kindes sowie ein stark beheiztes Schlafzimmer können offensichtlich den Krippentod begünstigen.

Deshalb sollte man Säuglinge nicht in überheizten Räumen schlafen lassen, sie nicht mit Kopfbedeckung zu Bett legen und sie generell nicht zu warm anziehen. Auch ein Schaffell, Spuckwindeln oder Tücher haben nichts in einem Kinderbett verloren. Außerdem können Kuscheltiere und andere lose Gegenstände die Atmung des Kindes behindern und sollten deshalb aus dem Kinderbett verbannt werden.

Als Raumtemperatur werden 16 bis 18 Grad Celsius empfohlen. Am besten schläft das Kind auf einer festen Matratze, nicht bis zum Kinn, sondern nur bis zur Brust zugedeckt, und das Oberbett soll leicht sein und keine Federn enthalten. In aller Regel reicht eine dünne waschbare Bettdecke, besser noch ist es, das Kind schläft im Schlafsack. Wenn man prüfen will, ob das Kind für die Nacht warm genug angezogen ist, gibt es einen kleinen Trick: Man fühlt kurz auf die Haut zwischen den Schulterblättern: Sie sollte warm, aber nicht verschwitzt sein.

Bett der Eltern – ebenfalls ein Risikofaktor

Einer Studie aus Neuseeland zufolge soll auch das Schlafen des Kindes im Bett der Eltern die Gefahr des plötzlichen Kindstods erhöhen. Schläft das Kind dagegen im Kinderbett, so ist das Risiko um ein Fünftel geringer, wie die neuseeländischen Mediziner herausgefunden haben. Eine englische Studie hat die Daten jüngst bestätigt, auch auf der britischen Insel waren Säuglinge, die regelmäßig im Bett der Eltern schliefen, häufiger betroffen als diejenigen im Kinderbett.

Die Ursachen dieser Beobachtungen sind nicht klar. Vermutet wird, dass es beim Schlafen der Kinder im elterlichen Bett eher zur Überwärmung kommt und dass andererseits Eltern, deren Kind in ihrem Schlafzimmer schläft, Veränderungen im Atemrhythmus unbewusst eher wahrnehmen.

Risikofaktor Rauchen

Es gibt verschiedene Studien, die darauf hinweisen, dass Kinder rauchender Eltern verstärkt gefährdet sind, an SIDS zu versterben. Raucht der Vater während der Schwangerschaft, so steigt das Risiko des Kindes für einen Krippentod deutlich an. Gravierender noch ist dies, wenn die werdende Mutter raucht oder wenn sogar Vater und Mutter regelmäßig zum Glimmstängel greifen. Und selbstverständlich sollte den Kindern auch nach der Geburt generell eine möglichst rauchfreie Umgebung zugestanden werden.

Der Einfluss des Rauchens kann daran liegen, dass Nikotin Interaktionen mit Rezeptoren im Gehirn eingeht, die das Atmen während des Schlafs und das Erwachen steuern. Das deuten Untersuchungen von Wissenschaftlern im Pasteur-Institut in Paris an.

Sie konnten bei Mäusen nachweisen, das diejenigen Tiere, denen ein bestimmter Nikotin-Rezeptor fehlt, bei eingeschränkter Sauerstoffversorgung schlechter erwachen als normale Mäuse. Eine reduzierte Sauerstoffversorgung aber ist typisch für Atempausen während des Schlafs, eine so genannte Apnoe, die ihrerseits immer wieder mit SIDS in Verbindung gebracht wird. Daraus schließen die französischen Wissenschaftler, dass möglicherweise schon durch das Rauchen in der Schwangerschaft die Nikotinrezeptoren beeinflusst werden, was später zu Störungen bei der Atemkontrolle und im schlimmsten Falle zu den fatalen Folgen des SIDS führen könnte.

Eine weitere Ursache könnte darin liegen, dass Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft rauchen, weniger gut ausgebildete Atemwege besitzen, was den SIDS begünstigen könnte. Auch ist denkbar, dass solche Kinder generell eher an eine mangelnde Sauerstoffsättigung im Blut quasi adaptiert sind und diese „tolerieren" ohne durch solch einen „Reiz" zentral aus dem Schlaf aufgeweckt zu werden.

Weitere Risikofaktoren

Unabhängig von den genannten Faktoren gibt es möglicherweise weitere Ursachen für einen plötzlichen Kindstod. Immer wieder werden dabei auch Infektionen in die Diskussion gebracht.

Das gilt unter anderem für den Botulismus, weshalb davor gewarnt wird, der Milch von Säuglingen Honig zuzusetzen. Denn unerhitzter Honig kann Bakterien-Sporen enthalten, die für den Erwachsenen ungefährlich sind, für den Säugling wegen der Toxinbildung im Darm aber durchaus zum Problem werden können. Denn durch das Botulinumtoxin wird der Darm gelähmt, so dass sich die Bakterien ungehindert vermehren können. Sie breiten sich via Blutbahn im gesamten Körper aus und können eine zunehmende Lähmung der Muskeln und damit auch der Atmungsmuskulatur bewirken, was, so die Theorie, dann ein Auslöser für SIDS sein kann.

Auch andere Bakterien, wie der Helicobacter pylori, werden im Zusammenhang mit SIDS als Auslöser genannt. Es wird ins Feld geführt, dass virale Infektionen den plötzlichen Kindstod begünstigen können.

Schützende Faktoren

Doch es scheint auch schützende Faktoren zu geben, wobei in erster Linie das Stillen angeführt wird, wenngleich zu dieser Frage eindeutige Studienergebnisse nicht vorliegen. Auch dem Schnuller wird immer wieder ein gewisser Schutzfaktor zugesprochen. Testversuche bei Säuglingen – 36 schliefen mit, 20 ohne Schnuller – haben gezeigt, dass Kinder, die mit Schnuller schlafen, eine akustisch niedrigere Arousal-Schwelle haben, also leichter aufweckbar sind. Ob sich daraus eine Schutzwirkung ableiten lässt, ist fraglich. Zumindest scheint der Schnuller beim Einschlafen dem Kind nicht zu schaden.

Risikokinder frühzeitig erkennen

Besonderer Aufmerksamkeit bedürfen Kinder, bei denen ein erhöhtes Risiko für einen plötzlichen Kindstod gegeben ist. Davon ist auszugehen, wenn Säuglinge im Schlaf sehr stark schwitzen oder wenn sie durch längere Atempausen auffallen. Dann muss unverzüglich der Kinderarzt konsultiert werden. Das gilt ebenso, wenn den Eltern auffällt, dass die Arme und Beine des Kindes im Schlaf blau anlaufen oder wenn das Kind ungewöhnlich blass ist.

Als hoch gefährdet gelten außerdem Kinder, die bereits ein akut lebensbedrohliches Ereignis überlebt haben sowie Kinder aus Familien, in denen früher bereits SIDS aufgetreten ist.

Bei solchen Hochrisikokindern ist unter Umständen eine besonders intensive Überwachung mittels spezieller Überwachungssystemen, also einem Monitor, der Herzfrequenz und Atmung kontrolliert, indiziert. In Absprache mit dem betreuenden Arzt kann auch erwogen werden, ob die Eltern nicht in einem speziellen Kurs die Herzmassage sowie die Mund-zu-Mund-Beatmung erlernen, um im Ernstfall das Kind am Leben erhalten zu können, bis der Notarzt eintrifft.

Die Autorin der Rubrik „Repetitorium“
ist gerne bereit, Fragen zu ihren Beiträgen
zu beantworten

Christine Vetter
Merkenicher Str. 224
50735 Köln

Weitere Bilder
Bilder schließen