37. Jahrestagung der Neuen Gruppe

Rund um die Ästhetik

Das diesjährige Tagungsthema „Panorama der Ästhetik – Von der Kieferorthopädie bis zur plastischen Chirurgie“ war die Fortsetzung der Vorjahrestagung „Schöne Zähne – Form, Funktion, Faszination“.

Das wissenschaftliche Programm begann mit dem Vortrag „Zur Biologie des Schönen“ durch Dr. Reiner W. Heckl, Karlsbad, der den Wurzeln der Wahrnehmung des Schönen in der Evolutionsbiologie nachging. Obwohl ein Schönheitsempfinden bei Tieren nicht sicher nachweisbar sei, so lasse sich dennoch etwa bei Rabenvögeln eine Bevorzugung symmetrischer Muster im Vergleich zu unregelmäßigen feststellen. Darüber hinaus sei bei Menschenaffen eine gewisse Begabung in der Anfertigung von Gemälden mit Fingerfarbe zu erkennen.

Schönheitsempfinden ist eine Million Jahre alt

Das erste Schönheitsempfinden bei Vorstufen des Menschen sei bereits vor einer Million Jahren, angefangen beim Homo erectus, anhand der Symmetrie von Faustkeilen bis hin zu den Höhlenmalereien der Neuzeitmenschen („Cro Magnon“) vor etwa 100 000 Jahren nachweisbar. Ausschlaggebend für die Wahrnehmung der Ästhetik beim Menschen sei die Erkennung symmetrischer Muster, welche ein Wohlgefühl erzeugten. Dies stelle einen Überlebensvorteil dar, denn alle Pflanzen und Tiere könnten als symmetrische Gestalten vor einem unregelmäßigen „chaotischen“ Hintergrund differenziert werden. Hinzu komme, dass durch die unbewusste Wahrnehmung unvollständig sichtbare Gestalten anhand eines schon früher gespeicherten Bildes zur Gesamtgestalt ergänzt werden könnten. Diese Fähigkeit zur Abstraktion werde vom menschlichen Gehirn bei Erkennung geordneter Strukturen mit dem damit verbundenen Ästhetikempfinden belohnt.

Den „Einfluss der Kieferorthopädie auf die Gesichtsästhetik“ erläuterte Dr. Karin Habersack, Weilheim. Als Grundlage für eine erfolgreiche Therapie diene eine umfangreiche Diagnostik im Hinblick auf die Stellungskorrektur, insbesondere der Inzisivi, unter Berücksichtigung der Kieferbasen in Abhängigkeit von Gesichtstyp, tiefer oder offener Basenrelation sowie Wachstumsrichtung und -potential. Besonders eingegangen wurde auf die Entscheidungsfindung zwischen Extraktions- und Non-Extraktionstherapie im Hinblick auf Art und Richtung der zu verankernden Behandlungsapparaturen.

Anschließend wurde der Stellenwert der „Implantate in der Kieferorthopädie“ von Prof. Dr. Dr. Heiner Wehrbein, Mainz, unter dem Gesichtspunkt der Ästhetik durch die Kombination von orthodontischen und implantologischen Maßnahmen erörtert. Wichtig sei, die ästhetische Beeinträchtigung des Patienten zu minimieren und optimale Behandlungsergebnisse durch die Kombination beider Fachgebiete zu erzielen. Die dabei verwendeten minimalinvasiven Gaumenimplantate waren längen- und durchmesserreduziert, um keine benachbarten Strukturen zu verletzen. Eine Positionstiefe von drei Millimetern bei einer zehnwöchigen Einheilungszeit erweise sich als ausreichend stabil. Die Hauptvorteile dieser Behandlungsmethode sieht der Referent im erweiterten Therapiespektrum, der verbesserten Ästhetik für den Patienten („unsichtbares“ Implantat) sowie in der erhöhten Vorhersagbarkeit des Therapieerfolges aufgrund der Unabhängigkeit von Desmodont und Patientencompliance. Denn die desmodontale Verankerungskapazität werde durch das Implantat ergänzt. Besonderes Augenmerk wurde auch hier auf ein interdisziplinäres Behandlungskonzept gelegt.

Gesichtskorrekturen sind in der Praxis immer häufiger

Dr. Dr. Wolfgang Kater, Bad Homburg, berichtete über die Vervierfachung ästhetischer Eingriffe in seiner Praxis im Zeitraum von 1997 bis 2001. Je regelmäßiger die Gesichtszüge eines Menschen seien, desto mehr entsprächen sie unserem natürlichen Sinn für Harmonie und erzeugten einen positiven Gesamteindruck.

Generell verwies der Referent auf die Dimensionsproblematik bei Prämolarenextraktionen zur Verbesserung der Kieferrelationen im Vergleich zur präzisen und individuellen chirurgischen Vorgehensweise bei der Distraktionsosteogenese. Seiner Erfahrung nach wirke sich eine operative Korrektur der Kiefer nicht negativ auf das Kiefergelenk aus. Vielmehr führe der so gewonnene Raum zu mehr Platz für die Zunge und so zu einer verbesserten Atmung und wirke einem Zungenhabit mit Rezidivgefahr entgegen.

Hervorzuheben ist die vom Referenten bei orthognather Chirurgie angewendete Schnittführung nach Schlössmann, die den Knochen des Unterkiefers im aufsteigenden Ast durchtrennt und somit beispielsweise eine Weisheitszahnextraktion prae operationem nicht zwingend erforderlich macht. Ferner resultiere aus dieser Vorgehensweise ein geringeres Risiko einer Verletzung des Nervus alveolaris inferior. Die ausreichende Stabilisierung durch spezielle Mini-Osteosyntheseplatten ermögliche den Verzicht auf eine breite Knochenanlagerungsfläche wie bei Obwegeser – Dal Pont sowie die weniger häufige Anwendung einer bimaxillären Fixation. Abgerundet wurde der Vortrag durch die Präsentation zahlreicher Fallbeispiele, wobei besonders die Therapie komplexer Dysgnathien vorgestellt wurde.

Ganz im Sinne der roten Ästhetik

Ein Konzept für eine optimierte Rote Ästhetik in der „Parodontalen plastischen Chirurgie“ stellten die Referenten Dr. Matthias Mayer, Frankfurt a. M., und Dr. Peter R. Then, Portland, Maine, USA vor. In ihrem Vortrag gingen sie detailliert auf die Möglichkeiten und Limitationen der Parodontalchirurgie ein.

Einleitend boten die Referenten einen Überblick über bewährte mukogingivalchirurgische Eingriffe anhand zahlreicher Fallbeispiele (freies Gingivatransplantat, Bindegewebstransplantat, lateraler und koronaler Verschiebelappen) sowie die Vorgehensweise zur Behandlung des „gummy smile“ verschiedener Klassifikationen unter Berücksichtigung interdisziplinärer Vorgehensweisen. Ferner wurde die Behandlung verschiedener Extraktionsdefekte mit anschließender Implantation erläutert. Abschließend wurde auf die Möglichkeiten zur Gestaltung des Emergenzprofils sowie Operationstechniken zum Hart- und Weichgewebsaufbau eingegangen.

Gesichtschirurgie ganz auf dem Vormarsch

Prof. Dr. Dr. Heinz G. Bull, Krefeld, leitete folgenden Kongresstag mit seinem Vortrag über den „Aktuellen Stand der ästhetischen Gesichts-Chirurgie“ ein. Anhand von umfassendem Bildmaterial wurde das Procedere beim Face-Lifting, Stirn-Brauen-Lifting, bei der Ober- und Unterlidplastik, Rhinoplastik und Otoplastik präsentiert. Neben der Dysgnathie-Chirurgie wurden auch ästhetische Verfahren zur Korrektur des unteren Gesichtsdrittels und des Halses erläutert (Genioplastik und cervikale Liposuktion). Abschließend wurden Verfahren zur Hautverjüngung und -straffung (Dermabrasion und -ablation; Co2-Laser) vorgestellt.

Auch die Dermatologie kam nicht zu kurz

Eine Bereicherung des zahnmedizinischen Kongressprogramms aus dermatologischer Sicht stellte der Vortrag zur „Bedeutung der Weichteilaugmentation im Rahmen des menschlichen Alterungsprozesses“ von Dr. Gerhard Sattler, Darmstadt, dar. In seinen Ausführungen bot der Referent einen Überblick über aktuelle Trends ästhetischer Korrekturmöglichkeiten speziell im Gesichtsbereich unter Berücksichtigung einer dem Alter entsprechenden Attraktivität. Dabei wurde insbesondere auf gering invasive Operationstechniken (mit Widerhaken versehene Straffungsfäden) sowie neue Methoden der Augmentation mit Kollagen und der Oberflächentherapie, beispielsweise mit Vitamin-A-Säure, eingegangen. Für die Durchführung einer bindegewebsschonenden Liposuktion wurden die Vorteile der Verwendung von Tumeszenzlösung hervorgehoben, um die Trabekel in der Dermis zu schonen. Ferner wurden die Anwendungsmöglichkeiten von Botulinum-Toxin und die Applikation von Eigenfett zur Gewebsaugmentation aufgezeigt. Dieser Vortrag ergänzte die Konzepte zur Vollendung des zahnärztlichen Behandlungsergebnisses im Rahmen ästhetischer Behandlungsmethoden auf ansprechende Weise.

Make-up und schöne Zähne

Über den zahnmedizinischen Rahmen hinaus wurde „gutes Aussehen durch Make-up“ zur Optimierung des äußeren Erscheinungsbildes von Uschi und Achim Eberle, Baden Baden, präsentiert. Anschaulich wurde die Wirkung von Make-up durch eine geschminkte Gesichtshälfte im Vergleich zur ungeschminkten Gesichtshälfte an einem Model aus dem Publikum demonstriert.

Zum Schluss stellte der Make-up Artist Georg Korpás, München, die Verwandlungsmöglichkeiten des äußeren Erscheinungsbildes anhand einer Präsentation seiner Fähigkeiten als Maskenbildner im Showgeschäft dar.

Am Ende der Fortbildung stand wie auch im Vorjahr die Verleihung des Neue Gruppe Preises. Die beiden ersten Preise des Wettbewerbs unter dem diesjährigen Motto „Unsere Praxis /Unser Labor stellt sich vor“ gingen an die Gemeinschaftspraxis Nicole Bujara & Pia Di Cristofano, Mainz, und Dr. Oliver Hartmann, Köln, für die innovativ gestalteten Flyer.

Stefan Scholz
Pascal Marquardt
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Abteilung Poliklinik für zahnärztliche Prothetik
Hugstetter Str. 55
79106 Freiburg im Breisgau

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