Krankmacher Burnout

Kleine Taschenlampe brenn

Stress und Hektik zehren im Praxisalltag an den Nerven, Zukunftsängste lassen den Zahnarzt auch nachts nicht los. Wann konnte er den wohl verdienten Feierabend zuletzt richtig genießen? Selbst für die Skatrunde ist der Kopf einfach nicht mehr frei. „Ausgebrannt“ lautet die Diagnose. Doch es gibt Wege, die leeren Akkus wieder aufzuladen.

Behandler, Unternehmer, Finanzexperte, Controller, Psychologe und Teamchef in einem – die Tätigkeit des Zahnarztes erschöpft sich bei Weitem nicht in der zahnmedizinischen Versorgung der Patienten. Das Wirkungsfeld ist komplex, die Anforderungen sind hoch. Wie gut ein Zahnarzt diese vielfältigen Aufgaben bewältigen kann, hängt entscheidend von seinem gesundheitlichen Zustand ab. Dabei kommt es nicht nur auf die körperliche Fitness an – auch die innere Ausgeglichenheit muss stimmen. Denn wer gestresst zur Arbeit geht, kann keine volle Leistung bringen.

Stimmung auf dem Nullpunkt

Doch fühlt sich nicht jeder einmal schlapp und leer? Wann ist also die Grenze erreicht, wann das Maß voll? Grundsätzlich gilt: Hält der negative Zustand über einen längeren Zeitraum an, droht ein Burnout.

Die Symptome sind verschieden und teilweise diffus. Sie umschließen

emotionale Erschöpfung:

der Betroffene erlebt im Alltag keine Höhen und Tiefen mehr, alles scheint ihm gleichgültig,

körperliche Erschöpfung:

die Kranken fühlen sich müde und schlaff, finden aber auch nachts keine Ruhe, sind rastlos,

innerliche Zerrissenheit:

Arbeit und Freizeit werden nicht mehr als zwei verschiedene Bereiche erlebt. Abschalten fällt immer schwerer,

Überforderung: die Burnout-Kranken glauben, mit immer mehr Energieaufwand immer weniger zu erreichen, bürden sich mehr und mehr Arbeit auf, trauen sich weniger zu, reagieren oft ängstlich, zum Teil zynisch,

Vereinsamung: Menschen, die unter dem Burnout-Syndrom leiden, ziehen sich zunehmend von ihren Mitmenschen zurück, sie werden depressiv, sind verzweifelt, des Lebens überdrüssig und haben Selbstmordgedanken,

der Körper spielt nicht mehr mit:

Langzeiterkrankungen an Herz, Kreislauf, Magen, Darm, Muskeln und Skelett sind die Folge.

Gefährdet sind besonders Menschen, die auf vielen Baustellen gleichzeitig arbeiten. Wer Familie und Kinder hat, setzt sich beruflich vielleicht mehr unter Druck als ein ungebundener Single: Die Praxis muss laufen! Wie soll das neue Haus sonst abbezahlt werden? Zahnärztinnen erledigen nicht selten einen Fulltimejob in der Praxis, regeln überdies den Haushalt und kümmern sich noch um die Kinder. Auf Dauer sind diese Anforderungen kaum unter einen Hut zu bringen. Oft dauert es lange, bis sich die Betroffenen dem Problem stellen: Wer mag heutzutage schon zugeben, dass er sich total überfordert fühlt? Aber nicht jeder Mensch ist gleich: Manch einer fühlt sich in Situationen gestresst, die ein anderer ganz relaxt managt. Ausgebrannt fühlen sich nicht nur die Älteren, die auf ein langes Berufsleben zurückblicken können. Auch 50- und 60-Jährige leisten ihre Arbeit mit Freude, zugleich gehen Jüngere kaputt. Der Schlüssel liegt in der Persönlichkeit: Menschen die dazu neigen, stressige Erlebnisse geistig wiederzukäuen, halten diese auch am Leben und verlängern dadurch den Stresszustand.

• „Ausgebrannte“ stellen außerdem häufig überzogene Ansprüche an sich selbst,

• leiden unter Zeitdruck – ihr Arbeitsrahmen ist zu eng gesteckt für das Pensum,

• auf ihnen lastet große Verantwortung,

• sie quält ein bedrückendes Arbeitsklima,

• die Arbeitsabläufe sind unübersichtlich und zu komplex,

• sie haben Terminnot,

• ihre Arbeitszeiten stehen dem inneren Rhythmus entgegen.

Die Veränderung beginnt im Kopf

Die meisten Betroffenen ignorieren den Druck, den Frust, die Angst um den Job und die Einsamkeit. Auch der Wunsch nach Geselligkeit, Erholung und Zeit für sich selbst wird ausgeblendet. Immer ist etwas anderes wichtiger: die Kinder, die Arbeit, die Anerkennung. In der Regel ist der Leidensdruck ins Unerträgliche gestiegen bevor der Betroffene an den Punkt kommt: „So geht es nicht weiter!” Das ist der erste Schritt, denn die Veränderung beginnt im Kopf.

„Ausgebrannte“ müssen lernen, „Nein“ zu sagen. Dazu ist es wichtig, dass sie ihre eigenen Grenzen kennen lernen und respektieren. Die körperliche Gesundheit ist ebenso elementar für das innere Gleichgewicht wie das seelische Wohlbefinden. Ohne Sport klingt die innere Aufruhr nämlich langsamer ab und erschwert es uns, abzuschalten. Wer joggt, verbessert also nicht nur seine Kondition, sondert reagiert sich ab.

Reserven auftanken

Generell sollten Betroffene bewusst auf sich achten: Urlaub, Wellness, gesunde Ernährung, Gespräche und Entspannungsübungen lenken den Blick aufs Ich. Am Anfang hilft eine Therapie. Die Heilung erfolgt Schritt für Schritt: Die Erkrankten lernen nur langsam, wieder Abstand von Beruf, Sorgen & Co. zu gewinnen. Allmählich aber verschiebt sich das Gewicht zu Gunsten von Freunden, Hobbys und Familie. Die Lampe brennt wieder. Willkommen im Leben!

INFO

Burnout, ausgebrannt – den Begriff prägte der New Yorker Psychoanalytiker Herbert Freudenberger in den 70ern. Die Betroffenen fühlen sich leer und antriebsarm, sind erschöpft und reagieren extremer auf Stress. Das Burnout-Syndrom beschreibt einen schleichenden Prozess –ein Teufelskreis aus Überarbeitung und innerer Überforderung. Ursprünglich kommt der Ausdruck aus der Kernenergie und bezeichnet das Durchbrennen von Reaktorbrennstäben.

Etwa 6,6 Prozent der Krankmeldungen gehen auf kranke Seelen zurück, berichtete die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bereits 2001. Mittlerweile belaufen sich die Kosten für die Wirtschaft auf über 2,5 Milliarden Euro im Jahr. Mehr Arbeitstage gehen durch psychische als durch physische Krankheiten verloren, meldet die Weltgesundheitsorganisation WHO. Psychische Probleme sind in Deutschland die Hauptursache für einen vorzeitigen Berufsausstieg wegen Arbeitsunfähigkeit.

INFO

Zahnärzte – Eins-A-Kandidaten für den Burnout

Zahnärzte zählen zu den besonders gefährdeten Berufsgruppen: Ihre Suizidrate liegt weltweit sechs bis acht Mal so hoch wie bei der restlichen Bevölkerung. Ausgebrannte Praxisinhaber sind am Anfang ihrer Karriere übermäßig begeistert, doch nach den ersten Enttäuschungen ziehen sie sich zurück. Aufgrund äußerer Zwänge fühlen sie sich machtlos, die erhoffte Dankbarkeit der Patienten bleibt aus. Sie greifen verstärkt zu Alkohol, Nikotin, Kaffee und Psychopharmaka. Schließlich resignieren sie. Am Ende stehen existenzielle Verzweiflung und Selbstmordgedanken.

Seit den 80er Jahren sind niedergelassene Zahnärzte zunehmend unzufriedener mit staatlichen Reglementierungen. Sie empfinden die wachsenden Verwaltungsaufgaben mehr und mehr als Last. Das ergab eine Studie des Instituts der Deutschen Zahnärzte (IDZ) aus dem Jahr 2001. Stress, Erschöpfung und die Anspannung durch die berufliche Verantwortung nahmen in den letzten 20 Jahren ebenfalls stark zu. Je länger ein Zahnarzt seinen Beruf ausübt, desto stressiger empfindet er seine Arbeit.

Fast 90 Prozent der befragten Zahnärzte klagten über Nacken- und Rückenschmerzen, etwa 45 Prozent litten unter Hautproblemen.

Mit einer höheren Belastung durch Verwaltungsaufgaben stiegen auch die Wirbelsäulenbeschwerden. Je mehr Möglichkeiten zur Stressbewältigung zur Verfügung standen, umso geringer machten sich die Wirbelsäulenbeschwerden bemerkbar. Aber nicht nur Stress löst Hautreaktionen und Rückenschmerzen aus: Auch der umgekehrte Effekt ist denkbar, vermuten die Autoren. Unabdingbar sei jedoch, sich gezielt mit der Situation auseinanderzusetzen.

aus: Institut der Deutschen Zahnärzte (Hg.), Arbeitsbelastungen bei Zahnärzten in der niedergelassenen Praxis. Eine arbeitsmedizinische Bestandsaufnahme zu Wirbelsäulenbelastungen, Berufsdermatosen und Stressfaktoren, Köln 2001. In Kürze bringen Dr. Thomas Schneller und Enno E. Faridani eine Studie zum Burnout bei niedersächsischen Zahnärzten heraus, im Spitta- Verlag publiziert Dr. Peter Macher eine Arbeit zum Zahnarztburnout.

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