Editorial

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Liebe Leserinnen und Leser,

„Sicher fahren – gesund ankommen“ lautet das eingedeutsche Motto des Weltgesundheitstages am 7. April dieses Jahres. Die Aufgabe, die Zahl der 6 600 Verkehrstoten und über 460 000 Verletzten (2003) hierzulande weiter zu reduzieren, ist wichtig und berechtigt. Kontinuierliche Aufklärung und die Einführung sicherheitsförderlicher Maßnahmen im Verkehrssystem sind – auch gegen Einsicht und Gewohnheiten in der Bevölkerung – selbstverständlich. Sie sind diskussionslos akzeptierte, politisch wohlverstandene Pflichten, die Vater Staat sich bereitwillig etwas kosten lässt.

Für den Straßenverkehr gilt, privat wie öffentlich: Gesundheit geht vor Ökonomie. Eine beispielhafte Haltung für andere Länder, deren Unfallzahlen zeigen, dass dieses Denken nicht unbedingt überall „gang und gäbe“ ist.

Abgleichbar mit anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ist diese ethisch berechtigte Grundhaltung allerdings nicht. Im Gesundheitssystem löst die Position, Gesundheit gehe vor Ökonomie, gesellschaftspolitische Diskussionen aus, die zu denken geben. Das immer noch waltende Prinzip des „Alles für Jeden“ lässt keine offenen Wege für andere Denkweisen.

Die präventive Eigenverantwortung, die Deutschlands „Gurtmuffeln“ über Jahrzehnte eingebleut wurde, finden im Gesundheitssystem kaum ihr Pendant. Für den Straßenverkehr trifft Vater Staat die wesentlichen Vorgaben, gezahlt werden Airbags, Gurte und Co aber privat. Zusätzliche Knautschzonen, ABS und mehr sind – ganz schlicht – nicht hinterfragte Eigenleistung. Niemand käme auf den Gedanken, die gesundheitlich wichtigen Sicherheitsvorkehrungen im Auto durch den Staat zu finanzieren. Aufklärung durch die öffentliche Hand provoziert ohne Aufhebens Einsicht zur eigenverantwortlich geleisteten Sicherheit.

Eine Übertragung dieses Denkrasters auf das Krankenversicherungssystem Deutschlands, auf die deutsche Gesundheitspolitik, scheint mit Blick auf die gegenwärtige gesundheitspolitische Diskussion fast schon häretisch. Die Forderung, zur Grundsicherung zu verpflichten, das wo und wie der Eigenverantwortung dem Bürger ebenso zu überlassen wie das persönlich gewünschte Sonderpaket an zusätzlicher Sicherheits- und Qualitätsausstattung, ist in der gegenwärtigen deutschen Gesundheitspolitik nicht gewollt.

Die Mündigkeit des Bürgers unterliegt in dieser Gesellschaft immer noch unterschiedlichen Maßstäben. Statt dem Einzelnen die Möglichkeit zu verschaffen, sein Gesundheitsziel selbst zu verfolgen, fährt man lieber das System für alle an die Wand. „Sicher fahren – gesund ankommen“ – für die Gesundheitspolitik muss dieses Motto augenscheinlich erst noch akzeptiert werden.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur