Typ 2-Diabetes

Drohende Herz-Kreislaufkomplikationen abwenden

Bei dem Begriff Diabetes denkt man zuerst an den Blutzucker. Doch Diabetiker versterben üblicherweise nicht am Diabetes selbst, sondern an Herz-Kreislaufkomplikationen. Diesen gilt es frühzeitig vorzubeugen.

Bei der Behandlung des Typ 2-Diabetes – früher salopp oft auch als Alters-Diabetes bezeichnet – wird derzeit alles daran gesetzt, den Blutzucker möglichst normgerecht einzustellen, um Folgekomplikationen der Erkrankung zu vermeiden. Dabei richtet sich das Augenmerk vor allem auf die Nieren, die Augen und die Durchblutung in den Extremitäten. Es gilt, die nach wie vor hohe Rate an Amputationen, an Erblindungen und an Dialysebehandlungen bei Diabetikern nachhaltig zu senken. Vor diesem Hintergrund darf aber nicht vergessen werden, dass mehr als 60 Prozent der Diabetiker durch kardiovaskuläre Komplikationen, zumeist durch einen Herzinfarkt, versterben. Die Experten fordern deshalb ein Umdenken und verstehen zumindest den Typ 2-Diabetes mittlerweile auch als Herz-Kreislauferkrankung.

Alle Optionen gegen das Infarktrisiko nutzen

Allgemeine Maßnahmen zur Risikoreduktion, wie eine Gewichtsnormalisierung, der Verzicht auf das Rauchen, eine gesunde Ernährung und viel Bewegung, sind nach Hanefeld deshalb unerlässlich für Diabetiker. Mit ihnen alleine aber wird man nach seinen Worten dem hohen Infarktrisiko nicht beikommen. Professor Dr. Markolf Hanefeld aus Dresden plädiert deshalb dafür, die medikamentöse Behandlung so auszurichten, dass sie gleichzeitig zu einem Schutz von Herz und Gefäßen führt.

Dass dies möglich ist, belegen die Daten der MeRIA-Studie (Metaanalysis of Risk Improvement under Acarbose). Bei dieser handelt es sich um eine Metaanalyse von sieben Studien mit mehr als 2 000 Diabetikern, die mindestens ein Jahr lang neben ihrer Standardtherapie entweder mit Acarbose oder Placebo behandelt wurden. Das Ergebnis spricht eindeutig für das geprüfte Präparat: „Die Rate an Herz-Kreislaufkomplikationen war bei Diabetikern unter Acarbose um 35 Prozent niedriger und Herzinfarkte traten sogar 64 Prozent seltener auf als in der Kontrollgruppe“, sagte der Diabetologe bei der Veranstaltung, die im Zusammenhang mit der Tagung der Hochdruckliga in Bonn stand. Das Antidiabetikum Acarbose wirkt nach seinen Worten somit nicht nur günstig auf die diabetische Stoffwechsellage, sondern hat auch protektive Effekte auf das Gefäßsystem.

Spitzen nach der Mahlzeit – Keulenschlag für das Gefäß

Dieses Resultat steht im Einklang mit den Daten der STOP NIDDM-Studie (Study TO Prevent Non-Insuline Dependend Diabetes Mellitus), einer Untersuchung, an der 1 429 Personen teilnahmen, die zwar keinen Diabetes aufwiesen, wohl aber Veränderungen der Glukoseaufnahme, die durchaus als Vorstufe einer Diabetes-Erkrankung angesehen werden. Es handelt sich um eine so genannte gestörte Glukosetoleranz, ein Phänomen, das durch normale Nüchternwerte des Blutzuckers bei gleichzeitig erhöhten Werten nach der Nahrungsaufnahme (postprandial) charakterisiert ist. Die resultierenden postprandialen Blutzuckerspitzen, also das Hochschnellen der Blutzuckerwerte nach der Mahlzeit, scheinen die Blutgefäße „massiv“ zu schädigen. „Die postprandiale Hyperglykämie ist wie ein Keulenschlag für das Gefäß“, so Hanefeld.

Die STOP NIDDM-Studie belegt aber, dass sich die Gefahr von Herz- Kreislaufkomplikationen bei Personen mit gestörter Glukosetoleranz erheblich senken lässt, wenn Medikamente wie die Acarbose gegeben werden, die vorwiegend den postprandialen Blutzuckeranstieg verhindern. So entwickelten in der behandelten Gruppe innerhalb von drei Jahren nicht nur ein Drittel weniger Personen einen Diabetes als in der Placebogruppe, es war auch die Rate an kardiovaskulären Komplikationen um die Hälfte geringer, und Herzinfarkte traten sogar um 90 Prozent seltener auf, so hieß es in Königswinter.

Diese Daten rufen neben den Diabetologen beim Typ 2-Diabetes zunehmend auch die Kardiologen auf den Plan. Denn es gibt zudem Beobachtungen, wonach ungewöhnlich viele Patienten mit akuten Herz- Kreislaufkomplikationen Unregelmäßigkeiten im Kohlenhydrat-Stoffwechsel, wie eine gestörte Glukosetoleranz, aufweisen, wenn man gezielt nach diesen fahndet.

Prof. Dr. Matthias Leschke, Esslingen, stellte zur Diskussion, ob nicht generell Menschen mit hohem Risiko für Herzkreislauferkrankungen oder mit bekannter Koronarer Herzerkrankung genauer hinsichtlich eines Diabetes oder einer gestörten Glukosetoleranz untersucht werden müssten. Zeigen sich dabei Auffälligkeiten, so muss laut Leschke streng genommen die Behandlung mit Acarbose erwogen werden, obwohl das Medikament für eine solche Situation bislang nicht zugelassen ist.

Die Schutzwirkung des Antidiabetikums dürfte nach den Worten des Mediziners auf verschiedenen Effekten des Wirkstoffs beruhen: Dieser mindert nicht nur die postprandiale Hyperglykämie, sondern beeinflusst auch die Blutfette günstig, verbessert die Mirkozirkulation und senkt in geringem Umfang den Blutdruck. Zusammen genommen summieren sich die Wirkungen nach Leschke offenbar zu einer umfassenden Gefäß- und Kardioprotektion, die sich insbesondere beim Diabetiker in einer deutlich geringeren Infarktgefahr niederschlägt.

Christine Vetter
Merkenicherstraße 224
50735 Köln

Weitere Bilder
Bilder schließen