50. Zahnärztetag Westfalen-Lippe

Wissenschaft am Wendepunkt

Es war ein Fortbildungs-Jubiläum mit Rekordteilnehmerzahlen, medizinisch interdisziplinärer Schwerpunktthematik und einem politisch-analytischen Festvortrag von Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, der die Einbindung und Verantwortung der Zahnärzteschaft in unserer Gesellschaft treffend symbolisierte. Die freiwillige Fortbildung des 50. Zahnärztetages der Kammer Westfalen-Lippe zog vom 25. bis 27. März rund 4400 Teilnehmer in die Gütersloher Stadthalle.

„Unsere qualitativ hochwertige Freiwillige Fortbildung wird von der Gesellschaft anerkannt,“ konstatierte Westfalen-Lippes Zahnärztekammer-Präsident Dr. Walter Dieckhoff in seiner Begrüßung vor gefülltem Kongresssaal. Er legte Wert auf die Feststellung, dass die Zahnärzte „schon immer und auf hohem Niveau in Eigenverantwortung unabhängig, freiwillig und auf eigene Kosten in der Freizeit“ ihrer Fortbildung nachgekommen seien. Dass die Politik mit dem GMG einen Zwang zur Fortbildung geschaffen hat, habe wohl „mit anderen Berufsgruppen zu tun“. „Die Zahnärzte“, so zitierte Dieckhoff die rheinland-pfälzische Sozialministerin Malu Dreyer zum Thema, „waren nicht gemeint“. Auch Rot/Grün-Berater Prof. Lauterbach habe der Zahnmedizin – im Gegensatz zu anderen gesundheitlichen Berufsfeldern – zugestanden, „dass hier der ‘Mercedes’ bezahlt und auch ausgeliefert werde.“ Veranstaltungen wie der westfälischlippesche Zahnärztetag führten jedenfalls, so der Kammerpräsident, „die Unterstellungen und den Sinn des dirigistischen Eingreifens des Staates ad absurdum“.

Auch die Staatssekretärin im NRW-Gesundheitsministerium, Cornelia Prüfer-Storcks, forderte, die Freiwilligkeit der Fortbildung zu erhalten: „In der Einführung der Zwangsfortbildung sehe ich mehr Nachteile als Vorteile, sie setzt nur die körperliche Anwesenheit voraus“, kritisierte die Staatssekretärin. Prüfer-Storcks würdigte ausdrücklich die be-Bedeutung der freiwilligen zahnärztlichen Fortbildung und ihren Beitrag für die Qualität in der zahnmedizinischen Versorgung. CDU-Europa-Parlamentarier Elmar Brok betonte den hohen Wert der zahnärztlichen Selbstverwaltung für Europas Gesellschaft. Gerade Deutschlands Kammerwesen gelte auf der politischen Bühne Europas „als Beweis für das Funktionieren einer freiberuflichen Selbstverwaltung“.

„Die Qualität und Quantität der zahnärztlichen Fortbildung kann sich sehen lassen“, bekräftigte auch Bundeszahnärztekammer-Präsident Dr. Dr. Jürgen Weitkamp in seinem Grußwort zum Festakt. „Man würde sich von unseren Gesundheitspolitikern wünschen, dass sie sich die zahnmedizinischen Prinzipien der Verantwortung gegenüber den Patienten, des ‘nihil nocere’ und des ‘utilis esse’, ebenfalls zu eigen machen.“ Mehr Eigenverantwortung, wie sie die Zahnärzteschaft mit dem Modell der präventionsorientierten Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde mit Kostenerstattung und diagnoseorientierten Festzuschüssen anstrebe, sei erforderlich: „Das ‘Alles für Alle’ zum Einheitsstandard und Einheitspreis hat seine Gültigkeit verloren“, mahnte der BZÄK-Präsident.

Ein qualitativ hohes Niveau

Die wissenschaftliche Fortbildung des 50. Zahnärztetages der Kammer Westfalen-Lippe bestätigte Dieckhoffs Ankündigung des qualitativ hohen Niveaus: Unter der wissenschaftlichen Leitung der Professoren Dr. Thomas F. Flemmig, Münster, und Dr. Andrea Mombelli, Genf, bot das Thema „Relevanz der biomedizinischen Forschung für die ZahnMedizin“ einen Blick über den Tellerrand bisherigen Schaffens hinweg. Nach der Wende von der restaurativen zur präventiven Zahnheilkunde eröffne, so stellte Dieckhoff fest, „die Weiterentwicklung der klinischen Zahnmedizin im Zusammenhang mit den bahnbrechenden Erkenntnissen der biomedizinischen Forschung der letzten Jahre“ einen neuen Wechsel.

Die Möglichkeiten, durch Schaden verlorengegangenes Gewebe im Zahn-, Mundund Kieferbereich biologisch wieder herzustellen, zogen sich als roter Faden durch die wissenschaftlichen Vorträge und Seminare der Fortbildungstage. In seinem Eingangsvortrag verdeutlichte Prof. Mombelli am Beispiel der Parodontologie, dass die Multikausalität oraler Erkrankungen künftig eine weitaus differenziertere patienten-, stellen-, und erregerspezifische Therapieplanung erfordern wird. Dr. Gudrun Schneider, Münster, verdeutlichte den Stellenwert und die Möglichkeiten der Patienten-Compliance für den Behandlungserfolg. Von Bedeutung für die Arbeit in den Praxen sei die Erkenntnis, dass insbesondere für die Mundhygiene bei Kindern die Aufklärung durch Eltern und einfache Chair-Side-Aufklärung durch den Zahnarzt genauso effektiv sei wie aufwändigere Verfahren. Dr. Wolfram Kreß, Würzburg, referierte über genetische Aspekte als Hintergrundfaktoren für parodontale Erkrankungen. Kreß machte anhand des aktuellen Forschungsstandes deutlich, dass die Untersuchung der Patienten auf Risikodaten im Moment keine therapeutischen Konsequenzen nach sich zieht. Anders sei die Situation bei monogenen Erkrankungen, die durchaus über eine Mutationsanalyse abgeklärt werden müssten.

Auf große Beachtung stieß der Beitrag von Oberfeldarzt Dr. Dr. Richard Werkmeister, Koblenz, der zu „Ursachen und Früherkennung maligner Tumoren in der Mundhöhle“ referierte. Angesichts von zirka 2 500 Todesfällen durch Mundhöhlenkarzinome pro Jahr komme der Früherkennung durch den Zahnarzt und einer schnellen Überweisung an Chirurgen eine hohe Bedeutung zu. Erforderlich sei eine genaue Dokumentation auch scheinbar harmloser Schleimhautveränderungen. Werkmeister regte an, ähnlich wie bei anderen Krebsarten auch für den Bereich oraler Tumoren eine spezifische Vorsorgeuntersuchung anzugehen. Die Forderung, während zahnmedizinischer Kongresse ein grundsätzliches Rauchverbot zu erlassen, sei für ihn ebenso folgerichtig wie die Etablierung eines „Monats für Mundhöhlenkrebs“ zur Aufklärung der Bevölkerung.

Einen ganzen Nachmittag widmete die Fortbildung dem Themenbereich parodontogener und kariogener Bakterien sowie des oralen Biofilms: Von der Erregerspezifität oraler Infektionen (Prof. Dr. Sirkka Asikainen, Schweden) über das Leben im Biofilm (Prof. Dr. Dr. Andreas Podbielski, Rostock) und die chemische und mechanische Behandlung des parodontalen Biofilms (Prof. Dr. Georg Conrads, Aachen). Dr. Markus Gaubitz, Münster, gab einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand in der Therapie chronischer Entzündungskrankheiten mit Cytokinen. Dr. Dr. Thomas Beikler, Münster, berichtete über die Veränderung der immunologischen Situation bei der Parodontitistherapie. Alternative Therapieformen, die durch Immunmodulation eine Entzündungsreduktion bewirken, bieten inzwischen, so Beikler, eine interessante ergänzende Therapieoption.

Einen Sachstandsbericht über den Forschungsstand der Kariesprävention durch Impfstrategien oder Ersatztherapien gegen die Karies erregenden Mutans-Streptokokken bot Prof. Dr. Ulrich Schiffner, Hamburg-Eppendorf. Schiffner erklärte, dass es bisher keine Studie gebe, die nachweisen konnte, dass die Immunisierung von Streptokokkus mutans weniger Karies beim Menschen zur Folge hat: „Hier besteht noch eine Forschungslücke.“ Sein Resümee zur Kariesprophylaxe durch aktive oder passive Impfung: „Kurzfristig ändert sich hier noch nichts.“

Professor Holmstrup, Kopenhagen, bot den Teilnehmern einen Überblick zur Diagnose und Therapie oraler Manifestation mukokutaner Erkrankungen (Lichen planus, Schleimhaut-Pemphigid und Pemphigus vulgaris), Prof. Dr. Dr. Norbert Kübler, Düsseldorf, referierte zum Thema „Wachstumsund Differenzierungsfaktoren bei der rekonstruktiven Chirurgie“ (PRP, BMP). Vorträge zum „Tissue-Engineering“ (Prof. Dr. Dr. Schmelzeisen), der Entwicklung von Medikamenten (Dr. Sonja Trapp, Gaba-Forschung in Lörrach) sowie der „Integration klinischer Forschungsergebnisse (Dr. Frank Krummenauer, Mainz) rundeten das Fortbildungsangebot ab.

Eine ganz andere Welt

Höhepunkt des Festaktes zum 50-jährigen Jubiläum des Zahnärztetages war ein eindrucksvoller Vortrag des Alt-Bundeskanzlers Helmut Schmidt: „Die ganz andere Welt des 21. Jahrhunderts“ mit ihren Herausforderungen durch die Beschleunigung des Fortschritts, zunehmende Globalisierung der Technik und der Finanzkräfte sowie massive Bevölkerungsexplosion werde eine grundlegende Änderung des Weltgefüges bewirken. Die bisherigen Weltmächte USA, China und Russland und die bisherigen wirtschaftlichen Gewinner des globalen Kräftespiels, darunter vor allem die USA und die leistungsfähigen Industriestaaten in Nordamerika und Westeuropa sowie einzelne Staaten aus dem ostasiatischen Raum, werden, so Schmidt in seinen Ausführungen, künftig mit weiteren Nationen rivalisieren. Vor allem China, aber auch Indien und später Brasilien sind nach Ansicht von Altbundeskanzler Schmidt die gewichtigen künftigen Staaten unserer Welt. Zu weltweit bedeutenden Währungen der kommenden Jahrzehnte würden neben dem US-Dollar vor allem der Euro und der chinesische Yuan.

Schmidt erachtete vor allem die weitere Konsolidierung der Europäischen Union nicht nur in wirtschafts-, sondern auch sicherheits- und außenpolitischen Fragen als wichtige Voraussetzung für das zukünftige Wohl Europas. Der Alt-Bundeskanzler sieht die EU in einer Stillstandskrise.

Die Bundesrepublik Deutschland, die an einer seit 1990 strukturell verfestigten, selbstgemachten Arbeitslosigkeit, einer fulminanten Überregulierung aller Lebensbereiche und überbordenden Soziallasten kranke, könne sich an Staaten wie Holland oder Dänemark, die diese Probleme in idealer Weise gelöst haben, ein Beispiel nehmen. Deutschlands Handikap, die dringende Notwendigkeit, die Leistungsfähigkeit der 18 Millionen Ostdeutschen an die des Westens heranzuführen, komme in dieser Frage erschwerend hinzu. Keine leichte Aufgabe, aber, so Schmidts Aufforderung am Schluss des beachtlichen Vortrags, „es bedarf keines Wunders, sondern eines realistischen Urteils und des Willens, die Dinge in die Hand zu nehmen“. mn

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