Repetitorium

Hörstörungen

Störungen des Hörvermögens sind in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Doch wie geht man um mit Patienten, die einen kaum verstehen? Was sind die Ursachen von Hörverlusten? Und was ist zu tun, wenn das Hörvermögen plötzlich nachlässt?

Hörstörungen nehmen an Häufigkeit deutlich zu. Das hat gute Gründe. Zum einen ist das der langsam schleichende Hörverlust, den viele Menschen mit zunehmendem Alter erleben. Bei einer immer älter werdenden Gesellschaft steigt damit zwangsläufig die Zahl derjenigen, die schlecht hören. Wer also vorwiegend ältere Patienten in seiner Praxis betreut, für den dürfte es zum Alltag gehören, den Patienten fast anschreien zu müssen, damit er versteht, was gesagt wurde.

Doch auch die allgemein zunehmende Lärmbelastung und speziell dröhnende Musik in der Disco legen oft schon in der Jugend die Basis für spätere Hörschäden. Und auch akute Hörstörungen wie der Hörsturz werden immer häufiger berichtet. Gefäßveränderungen und Durchblutungsstörungen sind die Ursache, und nicht selten besteht zudem ein Zusammenhang zu vorangegangenen Stressbelastungen, fast schon ein Charakteristikum unserer modernen Zeit.

Das Hören – Grundlage der Kommunikation

Hörstörungen sind ernst zu nehmende Gesundheitsstörungen. Denn wer schlecht hört, ist deutlich eingeschränkt in der Wahrnehmung seiner Umwelt und auch in den Möglichkeiten, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Das schafft Probleme am Arbeitsplatz und in Freizeit und Familie, sodass oft auch Probleme bei der sozialen Integration die Folge sind. Kein Kino, kein Radio, kein Telefonieren und kein Debattieren mit Freunden – wer auffällig schlecht hört, sich mit seiner Umwelt nicht mehr auseinander setzen kann, nicht mehr mitkriegt, was gesprochen wird, zieht sich leicht zurück und lebt – so geht es vor allem vielen alten Menschen – schließlich weitgehend isoliert.

Dabei unterscheidet man allgemein zwischen gehörlos und ertaubt. Gehörlos sind Menschen, die hochgradig schwerhörig oder taub geboren sind, und ertaubt ist ein Mensch, wenn er erst nach dem Spracherwerb im Laufe seines Lebens taub geworden ist.

Schwerhörigkeit – betrifft auch viele junge Menschen

Auch wenn das Risiko mit zunehmendem Alter steigt: Die Schwerhörigkeit betrifft keineswegs nur alte Menschen. So weisen epidemiologischen Studien zufolge fast 30 Prozent aller 20-Jährigen einen deutlichen Hörverlust von 25 Dezibel (dB) und mehr auf. Die Ursachen sind, wie Experten immer wieder betonen, Lärmbelastungen, und das schon in früher Kindheit oder Jugend.

Lautes Kinderspielzeug, wie Knackfrösche oder Spielzeugpistolen, legt oft den Grundstein für die Schwerhörigkeit in späteren Jahren. Auch das laute Musikhören über den Walkman und die dröhnenden Rhythmen in der Disco haben langfristig für viele Ohren fatale Folgen. Zwar wird nicht jeder, der seine Jugend weitgehend in der Disco verbringt, später ertauben. Besteht jedoch eine entsprechende Disposition, so sind Hörverluste im späteren Leben der Preis für die lauten Vergnügungen in der Jugend.

Nicht unterschätzen sollte man nach Prof. Dr. Patrick Zorowka aus Innsbruck das Problem der Hörstörungen bei Neugeborenen. Im Mittel weisen nach seinen Worten zwei von 1000 Kindern, die auf die Welt kommen, eine Innenohrschwerhörigkeit auf. Der Mediziner plädiert deshalb für ein generelles Hörscreening bei Neugeborenen und Kleinkindern, weil sich diese Kinder nur bei einer adäquaten und rechtzeitigen Versorgung mit einem Hörgerät normal entwickeln. Allerdings dauert es in der Regel derzeit noch 16 bis 20 Monate, ehe die Hörstörung der Kinder erkannt wird.

Hier beginnt der Gehörschaden

Ob das Gehör geschädigt wird oder nicht, hängt im Wesentlichen vom auftreffenden Schalldruck ab. Dieser ist gering beim Blätterrauschen, das etwa zehn dB bedingt, während Flüstern schon mit 30 dB und ein normales Gespräch mit 60 dB zu Buche schlagen.

Der Straßenverkehr verursacht etwa 80 dB, ein LKW oder das normale Hören von Musik mit dem Walkman rund 90 dB. Solche Belastungen können auf Dauer bei empfindlichen Menschen bereits zu Schäden führen. Die Gefahr steigt zwangsläufig bei stärkeren Belastungen, etwa beim Vorbeifliegen eines Düsenjets mit einem Schallpegel von 140 dB. Lärmimpulse mit einem Schalldruck von 120 bis 140 dB verspüren wir als Schmerz im Ohr, und ab 150 dB ist eine akute Schädigung unausweichlich, man spricht von einem Knalltrauma oder bei längerer Exposition auch von einem Explosionstrauma.

Nicht nur der akute Knall ist riskant, auch Dauerbelastungen geringerer Intensität steigern die Gefahr von Hörminderungen. Während akute Knalltraumata bei praktisch jedermann das Gehör schädigen, ist es von der persönlichen Prädisposition abhängig, ob und wie das Gehör auf Dauerbelastungen, beispielsweise das unablässige Summen des Bohrers in der Praxis, reagiert.

Die Empfindlichkeit des Hörsinns ist dabei individuell in den Genen festgelegt. Die Verstädterung in unserer Gesellschaft hat letztlich auch dazu geführt, dass der Geräusch- und Lärmpegel um uns herum erheblich angestiegen ist. Den Autoverkehr nehmen wir kaum mehr wahr, und auch die Flugzeuge, die am Himmel ihre Bahn ziehen, sind selbst in Flughafen nahen Gegenden zur Normalität geworden.

Viele Menschen sind zudem durch ihren Beruf – auch ohne den berüchtigten Presslufthammer – einem hohen Lärmpegel ausgesetzt. Die beruflich bedingte Lärmschwerhörigkeit ist eine durchaus häufige anerkannte Berufskrankheit. Auch unser Freizeitverhalten steigert den Geräuschpegel in unmittelbarer Umgebung.

In vielen Familien laufen Fernseher und Radio oder CD-Player fast ununterbrochen. An manchem Arbeitsplatz wird das Telefon durch sein ständiges Klingeln nicht nur zur Nervensäge, sondern auch zur direkten Belastung für die Ohren.

Auch die Ohren brauchen ab und an Pause

Auch wenn ein solcher Geräuschpegel nicht unmittelbar zu akuten Hörschäden führt, kann er doch das Gehör auf Dauer beeinträchtigen. Die sensiblen Innenohren brauchen gelegentlich Ruhe, um sich von den fast pausenlos auf sie einstürmenden akustischen Signalen zu erholen und zu regenerieren. Für unsere Augen sind solche Ruhepausen selbstverständlich.

Denn wir schließen die Augen, wenn das Licht zu grell wird, und auch während der Nacht findet das Sinnesorgan Auge zur Ruhe. Anders bei den Ohren, man kann sie nicht verschließen, und auch während des Schlafs nehmen sie jedes Flugzeug am Himmel und jedes Straßenbahngebimmel vor der Tür wahr, selbst wenn der Organismus solche Wahrnehmungen gar nicht bis in unser Bewusstsein vordringen lässt.

Das Ohr braucht jedoch ebenso Erholung von Dauerbelastungen wie andere Körperorgane, es braucht den Wechsel zwischen Geräuschen und Stille, um sich immer wieder regenerieren zu können. Erhält es die notwendige Erholung nicht, so können offenbar die Geräuschreize im Ohr akkumulieren und sich fast unbemerkt zu einer enormen Belastung auswachsen, die dann ihrerseits Schädigungen zur Folge hat und beispielsweise zum Auftreten von Hörgeräuschen (Tinnitus) führt.

Die meisten Menschen haben solche Hörgeräusche in Form eines Klingelns oder Pfeifens im Ohr nach starken Lärmbelastungen bereits am eigenen Leibe erfahren. Erhält das Ohr anschließend die benötigte Ruhe, so kann es sich erholen. Bleibt die Lärmbelastung bestehen, sind Hörminderungen oder ein dauernd quälender Tinnitus die Folge.

Der Hörsturz

Unter einem Hörsturz versteht man eine plötzlich und zunächst ohne erkennbare Ursache auftretende, in aller Regel einseitige Schwerhörigkeit, die unter Umständen von Hörgeräuschen begleitet sein kann. Häufige Begleiterscheinungen sind ferner Schwindel und Druckgefühle oder sogar Schmerzen im Ohr. Die Störung tritt zumeist aus völligem Wohlbefinden heraus auf und wird von den Betroffenen als recht dramatisch empfunden. Ihre Häufigkeit liegt bei rund 30 Fällen pro 100 000 Einwohnern.

Ausgelöst werden kann ein plötzlicher Hörsturz durch Infektionen, durch Tumore oder Intoxikationen, aber auch durch einen Pfropf von Ohrenschmalz sowie durch psychogene Ursachen. Der akute Hörsturz wird dabei zumeist mit einer gestörten Durchblutung in Zusammenhang gebracht. Die resultierende Hörstörung kann mild oder moderat sein und bis an die Ertaubung reichen.

Es können außerdem verschiedene Frequenzen ausfallen und so zu einer Hochton-Schwerhörigkeit (Fehlen der hohen Frequenzbereiche) oder einer Tiefton-Schwerhörigkeit (Fehlen der tiefen Frequenzen) führen.

Behandlung: von „Hörhygiene“ bis Hörgerät

Die Behandlung von Hörstörungen richtet sich nach deren Art und Ausmaß. Außerdem wird stets versucht, die Ursache zu ergründen und entsprechend zu beheben. Beim akuten Hörsturz wird primär versucht, die Durchblutung zu optimieren und Entzündungsprozessen entgegenzuwirken. Es wird mit Antioxidantien, Vasodilatatoren und Glukokortikoiden sowie gegebenenfalls mit einer Hämodilation behandelt, und begleitend sind entspannende Verfahren zum Stressabbau angezeigt. Durch solche Maßnahmen bessert sich die Hörstörung meist innerhalb weniger Tage, wobei es bei jedem dritten Patienten zu einer vollständigen Heilung kommt, während bei den übrigen Einbußen des Hörvermögens bestehen bleiben. Keine ursächliche Behandlung gibt es bei chronischen Innenohrschäden, denn der Hörverlust ist in solchen Fällen irreversibel. Es muss versucht werden, durch eine adäquate „Hörhygiene“ weiteren Schädigungen vorzubeugen, und in gravierenden Fälle ist die Anpassung eines Hörgerätes indiziert.

Hörgeräte – noch nicht das Nonplusultra

Bei den Hörgeräten hat es in den vergangenen Jahren eine enorme technische Weiterentwicklung gegeben und es gibt inzwischen leistungsstarke Geräte, die die Kommunikation auch für Schwerhörige erheblich erleichtern. Allerdings müssen die Geräte durch einen HNO-Arzt respektive einen Hörakkustiker angepasst werden, damit im individuellen Fall eine optimale Versorgung gewährleistet ist. Welches Hörgerät gewählt wird, hängt auch von der Form der Hörstörung ab, beispielsweise von der Frage, ob die Schallübertragung vom äußeren Gehörgang über das Trommelfell und die Gehörknöchelchen auf das Innenohr gestört ist oder zum Beispiel die Schallübertragung innerhalb des Innenohres.

Das Hörgerät besteht im Wesentlichen aus Mikrophon, Hörer und Verstärker, wobei diese drei Elemente in einem kleinen Gehäuse vereinigt sind, das in aller Regel hinter dem Ohr (HdO-Geräte) getragen wird. Alternativ gibt es Im-Ohr-Geräte (IO), bei denen das Gehäuse in der Ohrmuschel oder im Gehörgang getragen wird. Die IOGeräte erlauben ein besseres Richtungshören, da sich der Hörer nicht wie beim HdO-Gerät hinter der Ohrmuschel befindet. Doch auch bei optimaler Anpassung kann kein Hörgerät der Welt das Klangbild eines gesunden Ohres imitieren. Denn die Hörgeräte können nicht hörbare Frequenzen des Schalls nicht hörbar machen, sondern sie können lediglich die hörbaren Töne verstärken. Der Hörgeschädigte hört damit genauso wie ohne Hörgerät, das aber deutlich lauter, das Sprach- und Klangverständnis wird folglich nicht gebessert. Das dürfte mit ein Grund dafür sein, dass viele Schwerhörige sich weiterhin mit ihrem Hörverlust quälen, während ihr Hörgerät in der heimischen Nachttischschublade schlummert.

Besser wäre eine frühzeitige Versorgung mit einem Hörgerät, dann also, wenn noch mehr Frequenzen gehört werden, sowie ein frühzeitiges Hörtraining, bei dem die Betroffenen spezielle Hörtaktiken lernen, um so mit ihrer Schwerhörigkeit besser zurechtzukommen.

Einfache Regeln für die Kommunikation

In der Zahnarztpraxis hat die Schwerhörigkeit durchaus Auswirkungen: Denn schwerhörige Patienten haben häufig Schwierigkeiten, Gesagtes zu verstehen, und werden leicht als „schwierig“ in der Praxis empfunden. Betroffenen Patienten muss daher besonders sorgfältig erklärt werden, was an Diagnostik und Therapie notwendig und geplant ist. Dabei sollte man sich dem Patienten zuwenden und langsam, laut und deutlich sprechen. Denn Menschen mit Hörstörungen müssen, um wahrzunehmen, was gesprochen wird, ihre Aufmerksamkeit gezielt auf das Hören richten. Sie sind darauf angewiesen, unverstandene Wortbruchstücke sinnvoll zu ergänzen, sodass das Gesagte einen Sinn ergibt. Wendet man ihnen den Rücken zu, so werden sie in schweren Fällen kaum merken, dass überhaupt etwas gesagt wurde. Sie haben zudem keine Gelegenheit, Lücken beim Hören durch das Zusammenreimen gehörter Inhalte zu kompensieren.

Anders ist das, wenn man ihnen zugewendet spricht. Sie erkennen dann schon an den Mundbewegungen, dass gesprochen wird. Spricht man langsam und deutlich, so können Defizite des Hörens zumindest partiell auch durch ein Ablesen der Worte über die Mundbewegungen ausgeglichen werden.

Die Autorin der Rubrik „Repetitorium“ ist gerne bereit, Fragen zu ihren Beiträgen zu beantworten
Christine Vetter
Merkenicher Str. 224
50735 Köln

Medizinisches Wissen erlangt man während des Studiums. Inzwischen hat sich in allen Bereichen viel getan, denn Forschung und Wissenschaft schlafen nicht. Wir wollen Sie mit dieser Serie auf den neuesten Stand bringen. Das zm-Repetitorium Medizin erscheint in der zm-Ausgabe zum Ersten eines Monats.

INFO

Tipps für den Umgang mit schwerhörigen Patienten in der Zahnarztpraxis

• Sprechen Sie nur dann mit dem Patienten, wenn Sie ihm auch ins Gesicht schauen.
• Geht dies nicht immer, dann erfassen Sie die Hand des Patienten und drehen ihn zu sich herum.
• Sprechen Sie langsam, deutlich und artikuliert.
• Lassen Sie den Patienten Anweisungen deutlich wiederholen, um zu sehen, ob er auch alles verstanden hat.
• Bei Patienten mit Hörhilfe: Vor dem Bohren fragen, ob der Patient das Gerät abstellen möchte. Dann daran denken, dass der Patient nun nichts mehr hören kann. Mit Zeichen operieren ( vorher absprechen!).
• Verfassen Sie Merkzettel (in großer Schrift, denn oft sind auch die Augen schlecht), die Sie dem Patienten mit nach Hause geben.
• Bei Gehörlosen ohne Begleitperson immer mit Zetteln arbeiten oder anschließend mit Angehörigen telefonieren.

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