Die Erfindung der Zahnbürste

Vom Außenseiter zum Topmodell

Der Siegeszug der Zahnbürste schritt Ende des 19. Jahrhunderts rasant voran. Doch bereits 150 Jahre früher haben sich Menschen die Zähne geputzt. Das beweist ein Fund in Quedlinburg, Sachsen-Anhalt: Bei Grabungen fanden Archäologen im Mai 2003 die älteste Zahnbürste Europas.

Neben kiloweise Austernschalen, Scherben etlicher Wein- und Portweinflaschen sowie Bruchstücken zeittypischer Tonpfeifen gruben die Forscher im Innenhof des Quedlinburger Barockpalais Salfeldt auch eine neun Zentimeter lange Zahnbürste aus.

Sie besteht aus Schweineknochen, der Kopf ist im Vergleich zur Gesamtgröße ungewöhnlich lang. Insgesamt ähnelt die Bürste den Modellen von heute, ist aber kürzer. Vor allem fehlt das Wichtigste: die Borsten. Sie sind im Laufe der Zeit verwest.

Pulver statt Pasta

Untersuchungen ergaben, dass diese Bürste in der Mitte des 18. Jahrhunderts Verwendung fand: Eigentümer des seltenen Objekts war der reiche Quedlinburger Ratsherr und Kämmerer Röttger Salfeldt. Er benutzte vor rund 250 Jahren allerdings noch keine Zahncreme. Stattdessen wurde ein Pulver auf die Bürste gestrichen, das nach Spezialrezept gefertigt wurde.

Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, erwachte ein neues Gesundheitsbewusstsein. Das erstreckte sich auch auf die Pflege der Zähne. Im Jahr 1737 veröffentlichte der Franzose Bruzen de la Martinière, dessen Vater als Zahnarzt den französischen Hochadel behandelte, ein Buch mit dem Titel „L’art de conserver les dents“ – Die Kunst, seine Zähne zu erhalten.

Damals schienen selbst manche zahnheilkundigen Ärzte die tägliche Reinigung für übertrieben bis gefährlich gehalten zu haben. Philipp Pfaff, Arzt am preußischen Hof zur Zeit König Friedrichs II. (reg. 1740-1786), schrieb Mitte des 18. Jahrhunderts: „Durch das übertriebene fleißige bürsten wird das Zahnfleisch gereitzet und locker gemacht. Mit der Zeit wird der Zahn vom Zahnfleisch entblößt.“

Teilweise hatte er sogar recht, denn so lange die Borsten auf trockenem Pulver über Zähne und Zahnfleisch rieben, stellten sich leicht Entzündungen des Zahnfleisches ein. Zahnpflege und Mundhygiene waren in der Vergangenheit ein höchst intimes Thema, daher erstaunt es nicht, dass darüber so wenig bekannt geworden ist.

Tatsächlich weiß man aber schon seit längerer Zeit, dass sich zumindest Angehörige der „besseren Häuser“ im 18. Jahrhundert die Zähne putzten. Das schien mehr als notwendig – gerade die Zähne des Adels waren besonders gefährdet: Während das einfache Volk sich mit Schwarzbrot, Kartoffeln und Äpfeln begnügen musste, schwelgten die Reichen in ausgesuchten Süßspeisen. Berühmt geworden ist der Ausspruch der französischen Königin Marie-Antoinette (1755-1793), die auch in Hungerzeiten schlemmte: „Wenn das Volk kein Brot hat, soll es doch Kuchen essen“. Dafür musste sie in den Wirren der Französischen Revolution büßen: Die Jakobiner ließen sie per Guillotine köpfen.

Zahnpflege hatte in der Vergangenheit aus zwei Gründen nicht dieselbe hohe Bedeutung wie heute. Erstens aßen die Europäer im 18. und noch im 19. Jahrhundert im Durchschnitt sehr viel weniger Zucker als wir: Vor 200 Jahren verspeisten die Deutschen pro Kopf weniger als ein Kilogramm im Jahr – gegenwärtig sind es mehr als 30 Kilogramm.

Zweitens war die Lebenserwartung bis etwa 1880 nur ungefähr halb so hoch. Selbst wenn man die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit mitbedenkt, starb doch die große Mehrzahl zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr. War das Gebiss vieler Menschen zum Zeitpunkt ihres Todes auch schadhaft: Die Zähne reichten für ihr deutlich kürzeres Leben in der Regel aus.

Erst im frühen 19. Jahrhundert gelangte man zu der Überzeugung, dass tägliches Zähneputzen wichtig sei: Der fürstliche Hofzahnarzt Carl Schmidt forderte die Eltern auf, bereits Kinder zum täglichen Zähneputzen mit der Bürste anzuhalten. Ende des Jahrhunderts kam ein neues Mittel der Zahnpflege auf: die Zahnpasta. Gegen die Wirkung der sich zersetzenden Milchsäure gelang dem deutschen Zahnarzt Carl Erhardt 1874 mit Hunden der Nachweis, dass Fluorid geeignet war, den Zahnschmelz zu stärken. Spätere Versuche mit Kindern, die Wasser mit höherem Fluoridgehalt tranken, bestätigten diese Annahme. Fluoridhaltige Zahnpasten fanden nun vermehrt Verwendung.

Verkauf im großen Stil

Viele kleine Entwicklungen, vor allem in den USA, konnten die Zahnpflege gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbessern. Die Verpackungsindustrie feierte große Erfolge: Anno 1879 entstand ein neuer Industriezweig, der Tuben herstellte. 1892 erfand ein Zahnarzt aus dem US-Bundesstaat Connecticut die Zahnpasta in der Tube, und wenig später stellte die US-Firma Colgate Zahnpasta im großen Stil her.

Mit der Erfindung des Nylons startete 1938 schließlich die Massenherstellung von Zahnbürsten. Davor wurden sie hauptsächlich aus Schweineborsten und Fuchshaar hergestellt.

Doch erwies sich die erste Nylon-Generation noch als so hart, dass sie das Zahnfleisch verletzte. Die Zahnärzte weigerten sich, die neue Bürste zu empfehlen. Erst 1950 war weicheres Nylon verfügbar, das Zähne und Zahnfleisch sanft zu reinigen und pflegen vermochte. Heute werden allein in Deutschland rund 200 Millionen Stück pro Jahr in allen Farben und Formen verkauft. Dennoch verbraucht jeder Bundesbürger im Schnitt jährlich nur knapp zwei Zahnbürsten (1,86 Handzahnbürsten, 0,12 elektrische Zahnbürsten, GABA Forschungsbericht 2002).

Dr. Manfred Vasold
Veilchenstr. 7
83101 Rohrdorf

Dr. Manfred Vasold beschäftigt sich vor allem
mit Medizingeschichte. Im September 2003
erschien sein Buch „Die Pest – Ende eines
Mythos“.

Noch ein Sensationsfund – das Mindener Kombimodell

Nur ein paar Monate später, im November 2003, entdeckten Archäologen im ostwestfälischen Minden ebenfalls eine mindestens 250 Jahre alte Zahnbürste – mit ihr reinigte der Benutzer nicht nur seine Zähne. Am Stielende befindet sich ein Ohrlöffelchen: Mit der einen Seite putzte man sich die Zähne, mit der anderen hielt man sich die Ohren sauber.

Abgesehen von dieser „Zusatzfunktion“ sind sich die Bürsten aus Quedlinburg und Minden aber so ähnlich, dass die Forscher sogar dieselbe Herstellerwerkstatt für möglich halten. „Dann würden sie entweder aus einer Großproduktion mit großem Absatzgebiet stammen oder von einem reisenden Bader“, so Dr. Alexandra Pesch, Westfälisches Museum Minden. Denkbar sei aber auch, dass die damaligen Modetrends für die Übereinstimmung verantwortlich sind. ck


Weitere Bilder
Bilder schließen