Fibromyalgie

Die Krankheit mit den "psychogenen Narben"

Die Fibromyalgie ist ein belastendes Krankheitsbild, dessen Ursachen bis heute unverstanden sind. Die Schmerzforscher gehen inzwischen weniger von einer „Erkrankung der Muskeln und Sehnen“ aus als mehr von einer „zentralen Stress- und Schmerzverarbeitungsstörung“, wie beim Deutschen Schmerzkongress in Münster deutlich wurde.

Patienten mit Fibromyalgie klagen über vielfältige diffuse Beschwerden. Diese sind oft kaum zuzuordnen, die Schmerz-Lokalisation variiert sehr stark, und viele Betroffene geben an, Schmerzen „am ganzen Körper“ zu haben. Sie stehen meist unter enormem Leidensdruck und fühlen sich unverstanden, wenn klare Befunde nicht zu erheben sind. Dann suchen sie häufig Hilfe im paramedizinischen Bereich, etwa bei Heilpraktikern, Akupunkteuren und Osteopathen. Viele scheuen sogar vor obskuren alternativen Verfahren nicht zurück, ohne jedoch langfristig eine wirkungsvolle Linderung ihrer Beschwerden zu erfahren.

Grundlage der Fibromyalgie ist nach dem bisherigen Verständnis der Medizin eine überstarke Empfindlichkeit bestimmter Spannungspunkte, der so genannten „Tender points“. Die Störung galt lange Zeit im Wesentlichen als Erkrankung der Sehnen und Muskeln. „Dieses Krankheitsverständnis aber wird dem Krankheitsbild keineswegs gerecht“, mahnte Privatdozent Dr. Markus Gaubitz aus Münster dort beim Deutschen Schmerzkongress 2003.

Laut Kongress-Präsidentin Privatdozentin Dr. Ingrid Gralow aus Münster hat sich das Krankheitsverständnis bei der Fibromyalgie in jüngster Zeit enorm gewandelt. So wurde lange diskutiert, ob es sich um eine rein körperliche Störung handelt oder eher um eine Art Befindlichkeitsstörung mit psychosomatischen Anteilen. Die Schmerzen entstehen nach ihren Worten nicht aufgrund einer peripheren Reizung. Auslöser sind hingegen Traumata, und zwar sowohl psychische als auch körperliche Traumata in der Vorgeschichte, die der Patient offenbar nicht adäquat verarbeitet hat und die sich als chronische Schmerzerkrankung im Bereich der Muskeln, Sehnen und Sehnenansätze manifestieren.

Spektrum an chronischen Schmerzerkrankungen

Streng genommen handelt es sich nach Gaubitz nicht einmal um eine Krankheitsentität, sondern um ein Spektrum an chronischen Schmerzerkrankungen mit zum Teil eher typischen als auch atypischen Patienten mit deutlichen Übergängen zu anderen Krankheitsbildern. Diese liegen vorwiegend im psychiatrischen Bereich.

Mit einem „biopsychosozialen Krankheitsmodell“ kommt man nach seinen Worten der Fibromyalgie zurzeit am nächsten, zumal die meisten Patienten in der Vorgeschichte unter erheblichen psychosozialen Belastungssituationen gestanden haben, die quasi als „psychogene Narben“ fortbestehen. Das reicht nach Gaubitz bin hin zu Vergewaltigungserfahrungen.

Stress wird nicht mehr adäquat verarbeitet

Die psychosozialen Belastungen können durchaus Störungen der zentralen Stressverarbeitung zur Folge haben, wie Professor Dr. Ulrich T. Egle von der Psychosomatischen Universitätsklinik Mainz darlegte. Vor allem in der Kindheit kann nach seinen Angaben das genetisch determinierte Stressverarbeitungssystem durch überfordernde Umweltfaktoren geschädigt und somit lebenslang in seiner Funktionsfähigkeit eingeschränkt werden. Solche biologischen „Narben“ können entwicklungsphysiologisch zu einem beeinträchtigten Selbstwertempfinden führen. Es kann zu unreifen Konfliktbewältigungsstrategien kommen, zur Überaktivität und weitreichender Anpassung an die Erwartungen Anderer. Die Betroffenen neigen zur Selbst-Überforderung bei gleichzeitig biologisch erhöhter Stressvulnerabilität. Das aber öffnet nach Egle einen Teufelskreis, an dessen Ende die Fibromyalgie stehen kann.

Die Fibromyalgie ist kein Hirngespinst

Das neuen Krankheitsverständnis gibt nach Gaubitz einen neuen Zugang zu der Störung und kann mit dazu beitragen, dass die Behandlung künftig für Arzt und Patient vielleicht weniger frustran verläuft. Denn es besteht mit der gestörten Stress- und Schmerzverarbeitung erstmals ein organisches Korrelat der Erkrankung. „Die Fibromyalgie ist nicht eingebildet, und das gilt es, dem Patienten klar zu machen“, so der Rheumatologe. Wichtig ist nach seinen Worten ein ganzheitlicher Ansatz, ein multimodales Therapiekonzept, das der individuellen Situation des Patienten gerecht wird. Wichtig ist die sorgfältige Diagnostik, zum einen, um nicht eine andere Erkrankung zu übersehen, zum anderen aber auch, weil der Patient Sorgen hat, schwer körperlich erkrankt zu sein und möglicherweise im Rollstuhl zu enden.

Therapeutisch stehen nach wie vor die Antidepressiva im Vordergrund, nicht nur weil die Patienten sich unter diesen Medikamenten allgemein besser fühlen, sondern auch weil Antidepressiva die Schmerzschwelle steigern.

Vielen Betroffenen hilft eine Physiotherapie, und sie sollten darüber hinaus zu regelmäßiger körperlicher Aktivität motiviert werden. Außerdem ist eine psychotherapeutische Behandlung anzuraten, und die Patienten brauchen auch davon unabhängig laut Gaubitz eine gute psychologische Führung.

Christine Vetter
Merkenicherstraße 224
50735 Köln

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