Seltene Differentialdiagnose eines enoralen Weichgewebstumors

Nierenzellkarzinommetastase im Bereich des Unterkiefers

Kasuistik

Eine 74-jährige Patientin klagte über Schmerzen und gelegentliche Blutungen im Bereich des linken Unterkiefers. Die Blutungen traten insbesondere beim Herausnehmen der Unterkiefer-Teilprothese auf. Enoral zeigte sich lingual von regio 34 ein etwa 1,5 Zentimeter im Durchmesser großer Weichgewebstumor mit glatter Oberfläche und livider Farbe (Abb. 1). Palpatorisch war der Tumor weich und für die Patientin leicht schmerzhaft. Im OPG war eine schüsselförmige, unscharf begrenzte Osteolyse in regio 34 und 35 erkennbar (Abb. 2). 16 Monate vor Auftreten der enoralen Beschwerden war die Patientin wegen eines Nierenzellkarzinoms operiert worden. Damals wurde eine Nephrektomie bei einem sieben Zentimeter im Durchmesser großen, klarzelligen Nierenzellkarzinom mit Einbruch in die Nierenvenen und ins Nierenbecken (pT3b, pNx, G1, Stadium III) durchgeführt.

Die Probeexzision aus dem enoralen Weichgewebstumor bestätigte den klinischen Verdacht einer Metastase des Nierenzellkarzinoms. Daraufhin wurde eine Tumorentfernung mit Unterkieferkastenresektion durchgeführt (Abb. 3) und der entstandene Weichgewebsdefekt mit einem Nasolabiallappen gedeckt (Abb. 4). Die histologische Untersuchung des Rektates zeigte eine 1,2 Zentimeter im Durchmesser große Metastase des bekannten klarzelligen Nierenzellkarzinoms mit fokaler Infiltration des Unterkieferknochens (Abb. 5a und b).

Diskussion

Neben Mamma- und Bronchialkarzinomen führen Nierenzellkarzinome am häufigsten zu Metastasen im Bereich der Kiefer [Zarbo, 1993; Neville et al., 2002]. Der Unterkiefer ist dabei deutlich häufiger als der Oberkiefer betroffen, und innerhalb des Unterkiefers wird die Kieferwinkel- und die Korpusregion bevorzugt [Zarbo, 1993; Bouquot et al., 1989; Clausen et al., 1963]. Die klinischen Symptome, die durch eine Metastase in den Kieferbereich hervorgerufen werden, sind unspezifisch und können in Form von Schmerzen, Schwellungen, Zahnlockerung und Nervstörungen auftreten [O´Carroll et al., 1993]. Im Gegensatz zu Plattenepithelkarzinomen der Mundschleimhaut zeigen Metastasen im Mund- und Kieferbereich meistens keine Ulzeration der Schleimhaut. Auch bei der hier gezeigten Patientin war die Schleimhautdecke geschlossen. Auffällig war hier die Vulnerabilität des Gewebes, die zu Schleimhautblutungen, insbesondere bei Manipulation, wie dem Herausnehmen der Teilprothese, führte.

Wie bei allen malignen Prozessen, die den Knochen betreffen, besitzt die im Röntgenbild erkennbare Osteolyse einer Metastase meistens eine unscharfe Randzone [Neville et al., 2002; O´Carroll et al., 1993; Hashimoto et al., 1987]. Dies ist ein wichtiges diagnostisches Kriterium bei der Beurteilung der Dignität des pathologischen Prozesses.

Obwohl eine einzelne Metastase im Kieferbereich, wie bei der hier gezeigten Patientin, chirurgisch gut therapierbar ist, haben Patienten mit einer Metastasierung in den Kieferbereich im Allgemeinen eine sehr schlechte Prognose. Die metastatische Beteiligung der Kieferregion ist häufig ein Indiz für eine generelle, hämatogene Streuung des Tumors. Auch bei dieser Patientin wurde wenige Wochen nach der Resektion der Kiefermetastase eine Metastasierung in die Wirbelsäule diagnostiziert.

Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert
PD Dr. Dr. Martin Kunkel
Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
Johannes Gutenberg-Universität
Augustusplatz 2, 55131 Mainz

Fazit für die Praxis

• Karzinommetastasen im Kieferbereich bevorzugen den Korpus- und Kieferwinkelbereich des Unterkiefers.

• Die klinischen Symptome von Karzinommetastasen im Kieferbereich sind unspezifisch.

• Karzinommetastasen im Kieferbereich bedeuten für den Patienten in der Regel eine schlechte Prognose, da sie häufig ein Indiz für eine generelle Metastasierung des Tumors sind.

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