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Zosterinfektionen im Kopf- und Mundhöhlenbereich

Zosterinfektionen sind im Kopf-Halsbereich nicht unbedingt ungewöhnlich. Im Oralraum jedoch stellen sie für den Zahnarzt eine große diagnostische Herausforderung dar. Dieses gilt besonders für die Zuordnung der Nervensegmente, die durch eine Reflammation der Viren betroffen sind. Der Beitrag stellt verschiedene Fallbeispiele vor.

Die Zosterinfektion ist eine Viruserkrankung, die mit Schmerzen, Empfindungsstörungen und Hautveränderungen im Versorgungsgebiet eines bestimmten Nerven einhergeht. Auslösende Ursache der Infektion ist eine Reaktivierung im Körper vorhandener Varicella- Zoster-Viren.

Die „Gürtelrose“ tritt daher auch nur bei Menschen auf, die in ihrer Kindheit an Windpocken erkrankt waren. Das sichere Erkennen der Erkrankung ergibt sich in erster Linie aus den typischen Symptomen: kleinen Bläschen auf geröteter Haut, die halbseitig begrenzt auftreten und von Schmerzen und Empfindungsstörungen begleitet werden. Der landläufige Begriff Gürtelrose ist von der Anordnung der Hautveränderungen sowie der Ausstrahlung der Schmerzen abgeleitet, die im Allgemeinen gürtelförmig im Bereich von Brustkorb oder Bauchraum auftreten. Die Gürtelrose ist die Folge einer Reaktivierung im Körper verbliebener Viren nach einer Windpockenerkrankung und tritt fast ausschließlich im Erwachsenenalter auf. Patienten mit einer Abwehrschwäche können auch mehrfach an einer Gürtelrose erkranken. Personen, die nicht an Windpocken erkrankt waren, können sich mit dem Virus infizieren und dann an Windpocken, aber nicht an Zoster erkranken.

Allgemeine Symptome

Die Erkrankung beginnt mit einem allgemeinen Krankheitsgefühl. Die Patienten fühlen sich müde und abgeschlagen und haben leichtes Fieber. Nach zwei bis drei Tagen treten heftige Schmerzen sowie Empfindungsstörungen im Verlauf des betroffenen Nervs auf. Bald darauf bilden sich in diesem Gebiet auf der Haut gruppenförmig angeordnete Knötchen, die sich in stecknadelkopf- bis erbsengroße Bläschen umwandeln (Abb.1). Diese Bläschen können eine wässrige oder blutige Flüssigkeit enthalten und zerfallen rasch. Gelegentlich können diese Hautveränderungen auch fehlen, man spricht dann vom Zoster sine herpete.

Zoster im Kopfbereich

Der Zoster kann auch im Kopfbereich auftreten, wenn die Varicella-Viren in Hirnnerven überdauert haben. Bei dem besonders häufigen Befall des Nervus trigeminus sind Auge, Nase, Stirn und die behaarte Kopfhaut einer Gesichtshälfte betroffen. Durch eine mögliche Ulcusbildung an der Hornhaut oder Regenbogenhaut des Auges kann es zu bleibenden Schäden, bis hin zur Erblindung, kommen. Bei einem Zoster oticus kann der N. fazialis bei bis zu 60 Prozent der Patienten miterkranken. Es resultiert meist eine vollständige und in Hinblick auf eine Remission prognostisch ungünstige periphere Gesichtslähmung. Eine partielle Lähmung der Gesichtsmuskulatur kann auch bei einem segmentalen Zosterbefall im Kopf-Halsbereich auftreten. Noch gravierender sind beim Zoster oticus die Folgen einer Entzündung der Ganglienzellen des VII. und VIII. Hirnnerven mit Vestibularisausfall und retrocochleärem Hörverlust. Nach Abheilung der Hauterscheinungen bleiben häufig hyper- oder depigmentierte Areale zurück, das heißt, die Haut ist entweder stärker gebräunt oder verliert ihre Tönung.

Fallbeispiele im Gesichtsbeich

Patientenfall: Eine 67-jährige Patientin mit reduziertem Allgemeinzustand und Krankheitszeichen klagt nach einem Prodromalstadium von zwei Tagen mit Krankheitsgefühl und Fieber über heftige neuralgiforme Schmerzen am Gehörgangseingang und in der Tiefe des Ohres. Weitere Symptome waren eine rasch zunehmende Innenohrschwerhörigkeit, Schwindel sowie eine Geschmacksstörung. Wenige Tage später entwickelt sich eine Fazialisparese. Als zusätzliche Symptome von Seiten der Nn. glossopharyngeus und vagus traten eine Schluckstörung, Schmerzen und Dysphonie auf (Abb.3).

Patientenfall 2:

Erkrankt ist hier segmental die Unterlidregion (Abb.4). Hier muss wegen der Gefahr der Hornhautmitbeteiligung eine fast tägliche Inspektion der vorderen Augenabschnitte mit der Spaltlampe erfolgen.

Patientenfall 3:

Bei dieser Patientin sind gleich zwei Segmente des zweiten Trigeminusastes erkrankt (Abb. 5 und 6): N. zygomaticotemporalis und der N. infraorbitalis. Die anatomische Beziehung der Nervensegmente ist in Abbildung 2 deutlich erkennbar (A+H). Auch die segmentale Beteiligung der Nasenspitze ist typisch.

Zoster in der Mundhöhle

Patientenfall 4:

Ein 42-jähriger Patient stellte sich in unserer Praxis mit starken Schmerzen unterhalb des linken Ohres unter dem Verdacht einer Gehörgangsentzündung vor. Der Schmerz hatte schneidenden, bohrenden Charakter und wurde im Bereich der Mastoidspitze lokalisiert. Gleichzeitig klagte der Patient über ein leichtes Brennen im Bereich des harten Gaumens. Gehörgang und Trommelfell waren entzündungsfrei. Im hinteren und mittleren Bereich des harten Gaumens war streng bis zur Mittellinie reichend ein Zostersegment mit typischen Effloreszenzen erkennbar (Abb. 7).

Eine Suche im Internet war erfolgreich und ließ eine genaue Bestimmung der betroffenen Nervenregion zu.

Aus dem Foramen palatinum minor zieht durch das „kleine Gaumenloch“ der N. palatinus minor. Das Innervations-Schema zeigt unter F den Verlauf dieses Nerven. Der Patient wurde über den langen Krankheitsverlauf der Erkrankung informiert, es wurde eine Therapie mit Zovirax fünf mal 800 mg/die peroral für sechs Tage eingeleitet. Lokale Spülungen mit Herviros-Lösung. Ein langwieriger Verlauf wurde vermutet, der tatsächliche Verlauf war ungewöhnlich. Obwohl der segmentale Nervenschmerz sofort nach der Zoviraxmedikation deutlich rückläufig war, bildete sich nach einer Woche ein tiefes bis zum Gaumenperiost reichendes Ulcus (Abb. 9). Die Ulcusränder waren nur wenig druckempfindlich. Eine stärkere Schmerzhaftigkeit, wie erwartet, trat nicht auf. Zur spontanen Abheilung kam es erst vier Wochen nach Krankheitsbeginn (Abb. 10).

Patientenfall 6:

Bei dieser 52-jährigen Patientin zeigen sich typische Zoster-Effloreszenzen fast in der gleichen Gaumenregion (Abb. 11). Erst die genaue Analyse zeigt ein anderes Nervensegment. Hier ist der N. nasopalatinus befallen.

Patientenfall 7:

Bei allen Zosterformen mit späteren Ulcerierungen muss differentialdiagnostisch immer ein infiltrierend wachsendes Malignom ausgeschlossen werden. Bei einer genauen Betrachtung von Abbildung 12 ist ein Überschreiten der Mittellinie durch den Tumor deutlich zu erkennen.

Zusammenfassung

Zosterinfektionen sind im Kopfbereich nicht ungewöhnlich. Sie treten in wenigen Fällen auch im Mund auf und sind diagnostisch schwer fassbar. Erst die Kenntnis über die Möglichkeit der Virusinfektion eines Nervenastes im oralen Bereich lässt differentialdiagnostische die Vermutung zu, dass es sich um eine Zostererkrankung handelt.

In derart unklaren Fällen bringt die Befragung nach einer überstandenen Windpockenerkrankung weiteren Aufschluss. Eine Überweisung zum Facharzt sollte überdacht werden.

Dr. med. Dieter Leithäuser
HNO-Arzt
Burggraben 47
34414 Warburg/ Westfalen

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