36. Jtg der AG für Funktionsdiagnostik und Therapie (AFDT) in der DGZMK

Funktionsdiagnostik und -therapie interdisziplinär

Zum ersten Mal nach ihrer zeitgemäßen Umbenennung in die „Arbeitsgemeinschaft für Funktionsdiagnostik und Therapie“ veranstaltete die ehemalige „AGF“ ihre Jahrestagung in Bad Homburg.

Die Hauptvorträge steckten zum Generalthema Interdisziplinäre Funktionsdiagnostik den Rahmen von der zahnärztlichen und von der ärztlichen Seite ab.

Prof. Dr. Siegfried Kulmer, Innsbruck, berichtete über den Langzeiterfolg in der restaurativen Zahnmedizin durch interdisziplinäre Zusammenarbeit. Besonders beeindruckend waren die gezeigten Techniken zur Gestaltung differenzierter okklusaler Rehabilitationen und deren Lehre in der zahnmedizinischen Ausbildung an der Universität Innsbruck.

Im zweiten Hauptvortrag beschrieb Prof. Dr. Arne Ernst von der Hals-Nasen-Ohrenklinik der Unfallklinik, Berlin-Marzahn, die Problematik funktionsgestörter Patienten aus Sicht des manualmedizinisch fortgebildeten Hals- Nasen-Ohrenarztes. Nachdem bereits in den vergangenen Jahren verschiedene orthopädische Beiträge die Problematik des Zusammenhanges zwischen Blockaden im Bereich der Halswirbelsäule und deren Auswirkungen auf die Funktionen des craniomandibulären Systems beschrieben, erläuterte er diese Zusammenhänge ausführlich und bezog dabei durchaus die Alltagssituation der Patienten in seine Betrachtung ein. Im Hinblick auf die verschiedenen Arbeitstechniken, die im Zusammenhang mit der Diagnostik und Therapie derartiger Patienten erforderlich sind, gaben verschiedene Kurzvorträge Einblicke in den aktuellen Stand der Diagnostik und Therapie.

In diesem Zusammenhang berichteten Susanne Heine und Prof. Dr. Holger A. Jakstat, Leipzig, über die Genauigkeit, mit der die Mundöffnungsbewegungen im Rahmen der klinischen Funktionsanalyse beurteilbar sind. Die Autoren konnten im Rahmen ihrer experimentellen klinischen Studie auf hoher Evidenzstufe zeigen, dass die Mundöffnungsbewegung mit dem herkömmlichen an die Schneidekante eines Kiefers gehaltenen Lineal weniger genau messbar ist. Im Vergleich dazu ist die Reproduzierbarkeit und Validität der Messung mittels eines neuen Messinstrumentes, dem „CMDmeter“ (http://www.dentaConcept.de), signifikant besser.

Ein weiterer Beitrag aus der Leipziger Arbeitsgruppe informierte über die Reproduktionsgenauigkeit der Montage in den Artikulator mithilfe eines arbiträren Gesichtsbogens im Vergleich zur Montage nach Mittelwerten. Die Autoren untersuchten mit Unterstützung der Studenten aus dem vorklinischen Studienabschnitt, inwieweit die Verwendung eines arbiträren Gesichtsbogens die Genauigkeit der Übertragung des Oberkiefermodells verbessert. Sie konnten dabei mittels eines evidenzstarken Untersuchungsaufbaus nachweisen, dass die Genauigkeit bei der Übertragung unter Zuhilfenahme des arbiträren Gesichtsbogens signifikant steigt.

Einfluss der Kopfposition

Dres. Sibylle und Alfons Hugger, Münster und Düsseldorf, prüften die Auswirkungen der Kopfposition auf zahngeführte und stützstiftgeführte Unterkieferbewegungen. Der Hintergrund hierfür ist die bereits von Prof. Ernst bestätigte Tatsache, dass der Funktionszustand der Halswirbelsäule – und damit auch deren Position – in die Unterkieferposition einfließt. Das Ziel der vorgestellten Pilotstudie war es nun, das Ausmaß möglicher Veränderungen kondylärer Positionen und Bewegungen bei der Ausführung zahngeführter sowie stützstiftgeführter Bewegungen zu erfassen. Nach erster Auswertung der in ihrer Gesamtheit noch nicht abgeschlossenen Studie deutet sich an, dass unter veränderter Kopfstellung zahngeführte Bewegungen im Vergleich zu stützstiftgeführten Bewegungen konstantere Eigenschaften aufweisen.

Dessen ungeachtet kam eine zentrale Stützstiftvorrichtung in einer anderen experimentellen Studie zur Anwendung. Die Autoren Dr. Hans J. Schindler, Karlsruhe, sowie PD Dr. Jens C. Türp, Basel, berichteten über ihre Ergebnisse zur heterogenen Aktivierbarkeit des Musculus masseter. Mittels fünf intramuskulärer Elektroden in unterschiedlich tiefen Muskelregionen zeichneten sie die Aktivität des rechten Musculus masseter auf und registrierten zugleich die intraorale Kraftübertragung mittels einer mit Dehnungsmessstreifen bestückten zentralen Stützstiftvorrichtung. Dabei konnten sie zudem zeigen, dass ihre Ergebnisse auf eine multiple funktionelle Partitionierung des Musculus masseter hinweisen. Für diese Untersuchung erhielten die Autoren den Preis für den besten wissenschaftlichen Vortrag aus einer Zahnarztpraxis. Als unmittelbare Konsequenz für die zahnärztliche Praxis per se ergibt sich hieraus die Bestätigung, dass es sinnvoll ist, die verschiedenen morphologisch abgegrenzten Bereiche des Musculus masseter im Rahmen der klinischen Funktionsanalyse getrennt zu untersuchen und zu befunden (Abb.1).

Stress und Dysfunktionen

Die Studie der Berliner Arbeitsgruppe um PD Dr. Ingrid Peroz prüfte, inwieweit individuelle Stressbewältigungsstrategien als psychosomatische Risikofaktoren für die Entstehung cranio-mandibulärer Dysfunktionen wirken können. Mittels verschiedener psychosomatischer Untersuchungsinstrumente, darunter unter anderem die „Beschwerdeliste“ und der „Life-Event- Score“ nach Holmes und Rahe, wurde die Korrelation psychosomatischer Einflüsse auf das Entstehen von CMD untersucht. Dabei stellte sich insgesamt heraus, dass unter anderem kritische Lebensereignisse sowie der Dysfunktionsindex nach Helkimo hoch signifikant mit CMD korrelierten. Für die Praxis bestätigt dieses die Notwendigkeit, schon im Rahmen der klinischen Funktionsanalyse nach Indikatoren für das Vorliegen psychosomatischer Co-Faktoren zu suchen und diese in die Therapie einzubeziehen.

Einen bislang unberücksichtigten interdisziplinären Zusammenhang zwischen der Entstehung cranio-manibulärer Dysfunktionen und dermatologischen Fragestellungen stellte die Arbeitsgruppe aus Hamburg vor. Die Zahnärztin Susanne Effenberger untersuchte dort gemeinsam mit Prof. Dr. Peter von den Driesch, Stuttgart, Patienten mit Lichen ruber planus der Mundschleimhaut sowie eine Kontrollgruppe auf das Vorliegen von cranio-manibuläreren Dysfunktionen. Es zeigte sich, dass Patienten mit histologisch gesichertem Lichen ruber planus signifikant häufiger an Funktionsstörungen des Kauorgans leiden, als die Lichen-freie Kontrollgruppe. Das ist wichtig für den Praktiker.

Ein weiterer interdisziplinärer Aspekt war der Tinnitus. Im Rahmen einer Pilotstudie aus Bonn konnten Dr. Sabine Linsen et al. 20 hals-, nasen-, ohrenärztlich erfolglos konservativ behandelte Patienten auf das Vorliegen von Funktionsstörungen des Kauorgans untersuchen und nicht invasiv funktionstherapeutisch behandeln. Es zeigte sich, dass nur bei den Patienten mit Diagnose CMD eine Okklusionsschienentherapie eine Veränderung bezüglich der Intensität und Frequenz des Tinnitus erbrachte. Trotz der geringen Fallzahl leiteten die Autoren daraus ab, dass die Behandlung von Tinnitus in Kombination mit einem CMDerfahrenen Zahnarzt erfolgen sollte.

Mittlerweile etabliert ist das interdisziplinäre Zusammenwirken mit Physiotherapeutinnen und -therapeuten. Grundlage ist nun ein einheitliches Diagnoseschema (Abb.2). Eine orthopädisch-zahnärztliche Studie untersuchte den Einfluss von Okklusionsstörungen auf die Zervikal- und Lenden- Becken-Hüftregion. Die Autoren der Studie, PD Dr. med. Matthias Fink und Mitarbeiter/ innen aus Hannover konnten zeigen, dass es von Bedeutung ist, bei CMD-Patienten die Zervikal- und Sakroiliakalregion in die klinische Untersuchung und gegebenenfalls die Behandlung einzuschließen. „Der“ Streitpunkt der jüngeren Vergangenheit betraf die Frage, inwieweit okklusale Faktoren an der Entstehung von cranio-mandibulären Dysfunktionen beteiligt sind.

In jüngster Zeit wurde durch verschiedene Autoren unter dem Eindruck neuer Erkenntnisse zu den psychosomatischen Einflüssen auf das dysfunktionelle Geschehen die Bedeutung okklusaler Faktoren in Frage gestellt. OA Dr. Olaf Bernhardt und Co-Autoren, Greifswald, konnten nun bei über 2 500 bezahnten Probanden einen signifikanten Zusammenhang hochgradiger okklusaler Zahnhartsubstanzverluste mit den Parametern Kopfbiss im Front- und/oder Seitenzahnbereich, Stützzonenverlust im Molarenbereich und Bruxismus nachweisen.

Der bisherige Vorstand der AFDT wurde in seinem Amt bestätigt. Erster Vorsitzender der AFDT bleibt Prof. Dr. Wolfgang B. Freesmeyer, Charité Berlin, zweiter Vorsitzender bleibt Dr. Wolf-Dieter Seeher.

Weitere Personalien und Infos unter: http://www.AFDT.de.

Dr. Markus Oliver Ahlers
Poliklinik für Zahnerhaltungskunde und
Präventive Zahnheilkunde, Zentrum für
Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde,
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52, 20251 Hamburg
E-Mail: Ahlers@uke.uni-hamburg.de

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