Aktien kaufen mit Know-how und Mut zum Risiko

Festschmaus oder Henkersmahlzeit

Ihre Namen sind Legende: Warren Buffett, Andre Kostolany und andere Börsengurus, die ihr Geld mit Aktien verdienten. Wer ihnen nacheifern will, braucht Mut zum Risiko, das nötige Kleingeld und – vor allem – viel Wissen, Erfahrung und Geduld. Nur dann besteht die Chance auf einen ansehnlichen Gewinn.

Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten … für 202 100 Dollar ersteigerte ein Amerikaner letzten Monat ein Abendessen mit Warren Buffet, dem zweitreichsten Mann der Welt nach Bill Gates.

Buffett´s Tipps am Büfett

Das Essen als solches in einem der bekannten New Yorker Restaurants dürfte diese Summe kaum wert sein, selbst wenn es kiloweise Kaviar und schwarze Trüffel gäbe. Dem glücklichen Auktionssieger ist wohl auch weniger an den Künsten eines Drei-Sterne-Kochs gelegen, die er für einen Bruchteil dieser Summe genießen könnte, als vielmehr an exklusiven Börsentipps am Buffett von Warren Buffett. Die könnten ihm und den Gästen in seinem Gefolge ein Vielfaches seines Einsatzes einbringen.

Der Guru selbst reicht den Einsatz für das Dinner mit ihm selbstverständlich als Spende an eine wohltätige Organisation weiter. Dieses Kleingeld benötigt der erfolgreiche Spekulant Buffet nicht mehr. Er hat seine Schäfchen im Trockenen.

Begonnen hat der heute 73-Jährige vor 40 Jahren mit einem Einsatz von 100 000 Dollar. Daraus gemacht hat er inzwischen etwa 20 Milliarden Dollar. Kaum ein Aktionär, der nicht davon träumt es ihm gleich zu tun. Deshalb belauern die Investoren rund um den Globus den Mann aus dem verschlafenen Omaha in Nebraska: Wenn er investiert, wird die Börsenwelt hellhörig.

Dabei bedient er sich keineswegs irgendwelcher geheimen Tricks oder obskuren Berechnungen. Er hält sich an die wohl einfachste Regel: Er kauft nur Qualität, sprich solide Papiere, wie Coca-Cola oder American Express. Seine Kunst besteht darin, bei den Aktien die Spreu vom Weizen zu trennen.

Kassensturz …

Doch bevor man in die Fußstapfen von Warren Buffett und Kollegen tritt, empfiehlt sich ein Kassensturz. Der Einstand an der Börse darf nur mit Geld finanziert werden, das für keinen anderen Zweck benötigt wird. Nur so lässt sich die alte Börsenregel befolgen: Bei niedrigen Kursen (Baisse) kaufen und bei hohen Kursen (Hausse) verkaufen. Der erfolgreiche Börsianer ist unabhängig und bestimmt selbst die Zeitpunkte für Kauf und Verkauf. Das kann nicht, wer Rücksicht auf seinen Kontostand nehmen muss, weil zum Beispiel die nächste Rate fürs Haus fällig ist.

…vor dem Nervenkitzel

Vor dem Kauf der ersten Aktie ist es wichtig zu wissen, welche Rechte und Pflichten der angehende Aktionär übernimmt. Der Kauf einer Aktie macht ihn zum Teilhaber an einer Kapitalgesellschaft. Er haftet mit seinem Einsatz, nicht mit seinem Privatvermögen. Der Aktionär kann zum Beispiel auf der Hauptversammlung Einfluss auf die Unternehmenspolitik nehmen. Häufig beteiligen die Aktiengesellschaften (AG) ihre Aktionäre am Gewinn: Sie schütten Dividende aus.

Je nach Aktienart unterscheiden sich die Rechte und Pflichten:

• Stammaktien werden am häufigsten ausgegeben. Sie berechtigen den Aktionär etwa auf Hauptversammlungen oder bei zustimmungspflichtigen Entscheidungen sein Stimmrecht auszuüben. Steht eine Kapitalerhöhung an, gibt das Unternehmen neue, also „junge“ Aktien aus. Als Aktionär hat man ein Bezugsrecht, man darf entsprechend seines Aktienbesitzes junge Aktien erwerben.

• Vorzugsaktien besitzen kein Stimmrecht. Der Vorzug gegenüber Stammaktien liegt in einer höheren Dividende als für die „Stämme“. Interessant für Anleger, die kein Interesse an der Unternehmenspolitik haben.

• Beim Kauf von Inhaberaktien werden die Rechte aus dem Aktienbesitz automatisch an den Käufer weitergegeben.

• Namensaktien sind an eine bestimmte Person gebunden. Deren Name wird beim Kauf in das Aktionärsbuch des jeweiligen Unternehmens eingetragen und nur sie darf die Aktionärsrechte ausüben.

• Noch strenger ist die Regelung bei den so genannten vinkulierten Namensaktien. Hier braucht der Aktionär sogar die Zustimmung des Unternehmens für den Verkauf der Aktien an eine Person. Üblich ist dieses Verfahren bei Investoren, die größere Aktienpakete kaufen. Das Unternehmen will sich so vor feindlichen Übernahmen schützen. Häufig werden aber auch die Paketbesitzer mit in wichtige Entscheidungen einbezogen.

Der Wert auf dem Papier

Früher wurden genauso viele Aktien auf Papier gedruckt wie an die Aktionäre ausgegeben wurden. Auf ihnen stand der Name des Unternehmens und der Nennwert. Er gibt an, mit welchem Einsatz der Aktionär am Grundkapital des Unternehmens beteiligt ist, mindestens mit einem Euro.

Der Kurswert ist der tatsächliche Preis einer Aktie, mit dem das Papier an der Börse gehandelt wird. Längst werden keine Aktien mehr ausgegeben. Die alten oftmals kunstvoll gestalteten Stücke sind inzwischen Sammelobjekte geworden und zieren die Wände ihrer Besitzer. Die an der Börse gehandelten Aktien existieren nur noch im Computer.

Heute verfolgen fünf Millionen Aktienbesitzer in Deutschland rund um die Uhr das Geschehen an den Börsen in Frankfurt, London und New York. Gekauft wird entweder direkt bei der Online-Bank oder per Telefon beim Berater in der Bank. Doch ehe der Anleger ordert, muss er die wichtigsten Punkte beachten:

Jede Form von Nervosität ist schädlich, in der Hektik fallen leicht die falschen Entscheidungen. Auch wenn der nette Mann von der Bank anruft und den angeblich heißesten Tipp verrät – exklusiv natürlich.

In den Topf geschaut

Besser ist es, wie die Profis zu handeln. Warren Buffett zum Beispiel geht besonders gründlich vor, ehe er über eine Aktie entscheidet. Wichtig sind zunächst einmal gründliche Kenntnisse über das Unternehmen, an dem man sich beteiligen will. Denn niemand will ein überteuertes Papier erwerben. Besonnene Anleger beschaffen sich so viel Informationen wie möglich aus der Tagespresse, einschlägigen Wirtschaftsmagazinen oder im Radio oder Fernsehen. Aktionäre können sich beim Unternehmen einen Geschäftsbericht besorgen oder nach den gewünschten Daten fragen. Je länger man die Entwicklung eines Unternehmens verfolgt, desto besser lernt man es kennen.

Geheimcodes für Genießer

Im Finanzteil findet man häufig auch so genannte Aktienkennziffern. Dem Laien erscheinen sie oft wie Geheimcodes. Doch verstecken sich dahinter Berechnungen – angestellt von Börsenspezialisten – deren Ergebnisse das Für und Wider einer Aktie verdeutlichen sollen. Mit ihnen erstellen die Analysten die so genannte Fundamentalanalyse, um eine Aktie zu bewerten. Eine häufig genannte Messzahl ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Es stellt die Relation zwischen dem Jahresgewinn eines Unternehmens und seinem aktuellen Aktienkurs her: je niedriger das KGV, desto billiger die Aktie. Doch Vorsicht ist geboten: Bei den Gewinnzahlen handelt es sich meistens um Schätzungen für das laufende oder das nächste Geschäftsjahr – die Analysten handeln frei nach der alten Börsenweisheit: „An der Börse wird die Zukunft gehandelt.“ Das KGV erlaubt den Vergleich mehrerer Aktien. Dabei gilt: Nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, sondern nur Unternehmen aus derselben Branche gegenüberstellen. So haben schnell wachsende Biotech-Unternehmen ein höheres KGV als Firmen aus dem Einzelhandel.

Keine Regel ohne Ausnahme: Hat ein Unternehmen ein höheres KGV als die Konkurrenz innerhalb einer Branche, kann es sein, dass die Börse ihm einen höheren Gewinn zutraut. Doch irrt die Börse, erleidet der Aktionär einen Rückschlag und verliert seinen Einsatz zum Teil. Andererseits kann ein niedriges KGV einen fairen Preis für die Aktie bedeuten oder die Börse traut dem Unternehmen nicht viel zu. Der Parameter KGV ist also mit großen Unsicherheiten behaftet und seine Aussagekraft mit Vorsicht zu genießen.

Etwas aussagekräftiger wird das KGV wenn man das Kurs-Umsatz-Verhältnis dazu nimmt. Dann haben auch Unternehmen eine Chance, die vielleicht zurzeit keinen Gewinn machen, deren Umsätze aber wieder steigen.

Besonders gern nehmen die Börsianer den Cash-Flow als Maßstab für die Bewertung einer Aktie. Damit ist der Saldo zwischen den Zu- und Ausgängen von Zahlungsmitteln gemeint. Er sagt etwas über die Zahlungskraft des betreffenden Unternehmens aus. Experten behaupten, diese Kennziffer sei weniger manipulierbar als das KGV. Doch Abschreibungen und Rückstellungen verwirren das Bild. Für den Laien bleibt das Puzzle meist undurchschaubar. Über die Verlässlichkeit dieser Kennziffern lässt sich streiten. Sie allein reichen sicherlich nicht aus, um eine Aktie gerecht zu bewerten.

Die etwas anderen Charts

Die Chartanalyse ist eine andere Möglichkeit etwas über die Substanz und die Zukunft einer Aktie herauszufinden. Ihre Anhänger interessieren sich statt für Bilanzzahlen ausschließlich für Kurven. Sie vergleichen Kurvenverläufe von Indizes, Aktien, Währungen oder Zinsen, frei nach dem Motto, nach dem jede bekannte Meinung über eine Aktie und auch die Stimmung bereits in den Kursen, aus denen sich die Kurven zusammensetzen, enthalten sind. Die Chartisten glauben, dass Anleger sich immer gleich verhalten. Steigt der Kurs einer Aktie, sieht die Mehrzahl der Börsianer das als Zeichen für noch mehr Potenzial der Aktie an und will kaufen. Umgekehrt verbinden sie einen fallenden Kurs mit einer negativen Prognose. Die Psyche der Menschen ändert sich nicht und Anleger schwanken demnach ständig zwischen Gier und Panik. Genauso zuverlässig wiederholen sich die Muster, nach denen Kurse steigen oder fallen. Anhand dieser Kurvenverläufe ermitteln Chartanalysten, wie sich eine Aktie in der näheren Zukunft vermutlich verhalten wird. Dazu gehört neben umfangreichem Wissen viel Erfahrung. Anfänger, so raten Experten, sollten sich erst einmal an Widerstandslinien versuchen. Von einem Widerstand in einem Kurvenverlauf spricht man dann, wenn ein Kurs in einer Aufwärtsbewegung mehrmals an einem bestimmten Punkt scheitert und wieder auf das niedrigere Niveau zurückfällt. An diesem Punkt verkaufen die Anleger das Papier. Umgekehrt bedeutet der Tiefpunkt, den ein Kursverlauf nicht mehr unterschreitet, den richtigen Zeitpunkt zum Kaufen. Die Chartanalyse erfreut sich vor allem deswegen so großer Beliebtheit, weil man mit ihr Börsentrends erkennen kann. „The Trend is your friend“ lautet eine der Grundregeln. Wer den Trend erkennt, hat den wichtigsten Aspekt der Wertpapieranalyse beachtet. Den aktuellen Trend zu ignorieren, das ist häufig der Kardinalfehler der Anfänger. Es gelingt eben meist nur Fortgeschrittenen, die Trends anhand der Charts zu erkennen. Das Kurvenlesen ist eine Kunst. Wer sie beherrscht und dazu auch noch Bilanzen lesen kann, der kann seine Renditeaussichten an der Börse optimieren.

Nicht neu, doch erst in jüngster Zeit als ernsthafter Forschungszweig erkannt, ist der Einfluss der Psyche an der Börse. Die Experten unterstellen dabei, dass sich die Anleger nur bis zum einem bestimmten Grad rational verhalten, da sie sich bei ihren Entscheidungen oft von Gefühlen leiten lassen, am häufigsten von Selbstüberschätzung. Viele Anleger glauben, sie könnten Kursentwicklungen besser vorhersagen als andere. Die Folge: Sie verkaufen zu früh oder halten die Aktie zu lange und vergrößern so ihren Verlust. Der Grund für ein solches Verhalten: Der Anleger fixiert sich auf seinen Einstandspreis. Dass er eine Niete gekauft hat, will er sich nicht eingestehen und hofft weiter auf eine Kurserholung, die dann oft ausbleibt.

Typisch für die Psyche eines Aktionärs ist auch, dass er sich aus der Fülle der Informationen, die ihm zur Verfügung stehen, genau die herauspickt, die bestimmte Aussagen oder Meinungen bestätigen und den Rest ignoriert. Unter Umständen ein teurer Fehler.

Menü für Gourmets abseits der Massen

Stark ausgeprägt ist der Herdentrieb bei den Börsianern. Auch dabei lässt sich eine gewisse Gesetzmäßigkeit feststellen: Je schlechter jemand informiert ist, desto eher folgt er der Masse. Gute Beispiele liefert das Verhalten der Touristen am Urlaubsort: Egal ob es um den Besuch im Restaurant geht oder den Platz am Strand, die Masse geht dorthin wo alle hingehen. Nur wer sich die Mühe macht und zusätzliche Informationen einholt, findet das kleine Gourmetlokal der Einheimischen oder die einsame Bucht.

Diese Erkenntnis machte sich der verstorbene ungarische Spekulant André Kostolany zunutze. Für ihn war die Psychologie der Massen die Quelle seiner Erkenntnisse, um das Handeln der Börsianer zu verstehen und seine Schlüsse daraus zu ziehen. Ein Wirtschaftsstudium hingegen hielt er eher für hinderlich.

Mehrmals in seinem Leben ging er bankrott, rappelte sich aber immer wieder hoch. Kein Weg für Anleger mit schwachen Nerven!

Viele Köche, viele Rezepte

Die Liste der Strategien, nach denen Analysten und Gurus über ihre Anlagen entscheiden, lässt sich noch weiter fortführen. Warren Buffett folgt der Value-Strategie: Er sucht bei solide geführten Unternehmen nach den unentdeckten Werten, eine äußerst aufwändige Methode. Bei Buffett führte sie zum Erfolg. Sie sorgte aber auch dafür, dass die Technologie- und Internet-Hausse an ihm vorüber rauschte. Geschadet hat es ihm kaum.

Der Mehrheit entgegen

Zu den bekanntesten deutschen Börsianern gehört der Münchner Jens Ehrhardt. Das Markenzeichen des promovierten Betriebswirtschaftlers und Seglers ist es, gegen den Strom zu schwimmen. Der erfolgreiche Fondsmanager setzt von jeher darauf, besonders gut informiert zu sein und sich ausschließlich auf seine eigene Einschätzung zu verlassen. Diese Regel sollte jeder Aktionär beherzigen.

Einen hohen Stellenwert bei seinen Entscheidungen nimmt die Meinung des Börsenvolks an. Ist die Mehrheit der Ansicht, sich in einer bestimmten Aktie zu engagieren, ist das für Ehrhardt das Signal zum Verkauf. Er entscheidet im Gegensatz zu den meisten nicht nach Bauchgefühl, sondern lässt die Fakten sprechen. Umfassend betrachtet er das gesamtwirtschaftliche Geschehen. Seine Prognosen für die Zukunft sind derzeit wenig optimistisch. Er glaubt, dass sich die Anleger in Deutschland mit kleineren Renditen als bisher zufrieden geben müssen. Auch an der Börse gibt es kein schnelles Geld mehr zu verdienen. Doch eine Baisse wie in den Jahren 2000 bis 2003 kommt seiner Meinung nach nur einmal in jeder Generation vor. Alles über seine Strategien nachlesen können seine Fans in dem von ihm herausgegebenen Börsenbrief „Finanzwoche“.

Und täglich grüßt die Börse

Eines haben alle erfolgreichen Anleger gemeinsam, so unterschiedlich ihre Strategien auch sein mögen: Sie informieren sich jeden Tag aufs Neue. Keiner von ihnen verlässt sich auf irgendwelche Experten-Tipps. So kann man zwar beim Dinner den einen oder anderen Hinweis von Warren Buffet aufnehmen, doch erst die eigene Sachkenntnis erlaubt deren erfolgreiche Umsetzung.

Der Aktionär hat es also weitgehend selbst in der Hand, ob der Gewinn für Festmahle oder nur für eine Henkersmahlzeit reicht. 

Das ABC der Börsianer will gelernt sein. | Foto: MEV

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