Interaktive Fortbildung

Langzeit-Kasuistik zur parodontologischen Erhaltungstherapie

Anhand einer Langzeitkasuistik werden Behandlungsablauf und -ergebnis eines unkomplizierten parodontologisch-prothetischen Falls dargestellt. Der Behandlungszeitraum erstreckt sich vom 20.10.1988 bis zum 09.06.2004, also über 15 Jahre und sieben Monate.

Anamnese

Die Patientin war zu Behandlungsbeginn 51 Jahre alt (*09.08.1937) und befand sich in gutem Allgemeinzustand. Sie war lediglich wegen einer leichten Schilddrüsenerkrankung in ärztlicher Behandlung (Rp. LThyroxin 100).

Erstmals stellte sich die Patientin am 30.05.1985 mit der Überweisung ihres damaligen Hauszahnarztes zur Entfernung eines tief verlagerten Zahnes 35 in der Zahnklinik Göttingen vor. Nach der operativen Entfernung dieses Zahnes führte der Hauszahnarzt eine prothetische Versorgung durch, über deren Art und Umfang die Patientin keine verwertbaren Angaben machen konnte. Am 20.10.1988 suchte die Patientin dann von sich aus die Klinik zur Beratung und Behandlung auf. In der Vergangenheit waren Zähne durch Zahnlockerung verloren gegangen und nun waren erneut Zähne im Oberkiefer sowie in der Unterkiefer-Front stark gelockert.

Eingangsbefund

Der extraorale Befund war unauffällig. Intraoral ergaben sich ein konservierend und prothetisch insuffizient versorgtes Lückengebiss, unzureichende Mundhygiene, Zahnstein, Konkremente, Blutung auf Sondierung und teilweise starke Zahnlockerung (Abb. 1).

Der aus parodontologischer Indikation angefertigte Zahnfilmstatus in Rechtwinkeltechnik vom 09.02.1989 (Abb. 2) zeigt einen überwiegend horizontalen Knochenabbau. An den Zähnen im Oberkiefer lagen zudem vertikale Einbrüche vor. Weitere Röntgenbefunde: unvollständige (Wurzel)-Füllung Zahn 17; überstehende Kronenränder an den Zähnen 43 und 45.

Parodontalstatus

Nach fünf Sitzungen mit Mundhygiene-Instruktion, Remotivation und professioneller Zahnreinigung wurde der Parodontalstatus am 09.03.1989 erhoben (Abb. 3) und bei der Krankenkasse der Patientin eingereicht (Genehmigung am 03.04.1989).

Diagnose

Es lag eine fortgeschrittene chronische Parodontitis (Parodontitis marginalis profunda) vor. Infolge des weit fortgeschrittenen Knochenabbaus und der starken Lockerung waren die Zähne 17, 15, 14 und 24 nicht zu retten. Alle Zähne im Unterkiefer erschienen erhaltungswürdig. Lediglich Zahn 31 hatte mit einem Lockerungsgrad III eine fragliche Prognose, befand sich jedoch in einer geschlossenen, regelrecht stehenden Zahnreihe. Der beginnende Furkationsbefall an Zahn 36 erschien für die mittelfristige Prognose unerheblich.

Ätiologie der Parodontalerkrankung

Die Parodontalerkrankung der Patientin ist primär auf unzureichende Mundhygiene, massive Zahnsteinbildung und Konkremente zurückzuführen. Die allgemeine Anamnese ergab keine Hinweise auf Grunderkrankungen, die parodontale Probleme begünstigen könnten. Auf Befragen gab die Patientin an, dass sie bereits mehrmals Zahnfleischentzündungen gehabt habe. Der Verlust von Zähnen im Oberkiefer sowie im Unterkiefer-Seitenzahnbereich sei durch Zahnlockerung verursacht worden. Zahnseide oder andere Hilfsmittel zur Interdentalraumhygiene kannte die Patientin vor Beginn der Behandlung nicht.

Behandlungsablauf

Die Behandlungsplanung sah zunächst die Entfernung der Zähne 17, 15, 14 und 24 und einen Immediatersatz im Oberkiefer vor, anschließend die geschlossene Kürettage der verbleibenden Zähne. Im Oberkiefer war eine Resilienz-Teleskop-Prothese auf Zahn 13 geplant. Eine Entscheidung, ob der Unterkiefer mit festsitzendem oder herausnehmbarem Zahnersatz neu versorgt werden sollte, konnte vor Abschluss der parodontologischen Behandlung und anschließender Reevaluation nicht erfolgen.

In der Initialbehandlung arbeitete die Patientin motiviert mit und erreichte in der vierten Behandlungssitzung beim Sulcus Blutungs Index (SBI) und beim Approximalraum Plaque Index (API) Werte von sechs beziehungsweise 19 Prozent. Die Verbesserung der häuslichen Mundhygiene führte zusammen mit den professionellen Zahnreinigungen zu einem deutlichen Rückgang der Blutung auf Sondierung. Nach der Initialbehandlung waren nur noch vereinzelte subgingivale Konkremente vorhanden.

Am 01.06.1989 wurden die Zähne 17, 15, 14 und 24 entfernt. Trotz der erheblichen Zahnlockerung kam es dabei zu Frakturen der sehr grazil auslaufenden Wurzeln der Zähne 14 und 24. Die Wurzelfragmente wurden operativ entfernt; anschließend erfolgte eine offene Kürettage an Zahn 13. Der Immediatersatz für den Oberkiefer wurde unmittelbar eingegliedert. Die geschlossene Kürettage an den Zähnen 36, 34, 32 bis 43 und 45 erfolgte am 06.07.1989. Die Wundheilung war gut; die Patientin gab keine Beschwerden an.

Das kurzfristige Ergebnis der Parodontalbehandlung ist durch eine Photoserie vom 18.08.1989 und die Messung der Sondierungstiefen am 31.10.1989 dokumentiert (Abb. 4 und 5). Zu diesem Zeitpunkt war die Zahnlockerung in der UK-Front bereits deutlich zurückgegangen.

Im Zeitraum vom 18.08.1989 bis zum 26.01.1990 erhielt die Patientin eine Resilienz-Teleskop-Prothese auf Zahn 13 im Oberkiefer sowie einen teleskopierenden Teilersatz auf den Zähnen 36, 43 und 45 im Unterkiefer. Der Zahnersatz wurde im studentischen Unterricht der Abteilung Prothetik des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universität Göttingen erstellt. Während eines grippalen Infekts verlor die Patientin im März 2001 ihren Zahnersatz durch heftiges Übergeben in eine Toilette. Dadurch wurde eine Neuanfertigung notwendig, die wieder im Rahmen des prothetischen Kurses erfolgte. Dabei wurde Zahn 35 in die Teleskop-Prothese mit einbezogen.

Erhaltungstherapie

Seit Abschluss der chirurgischen Parodontalbehandlung befindet sich die Patientin kontinuierlich in parodontologischer Erhaltungstherapie. Im Zeitraum von 1989 bis 2004 erfolgten insgesamt 54 Termine zur parodontologischen Erhaltungstherapie, das heißt im Mittel etwa 3,6 Termine pro Jahr. Dabei war häufig die Notwendigkeit zur Zahnsteinentfernung gegeben. Die Sondierungstiefen wurden in regelmäßigen Abständen kontrolliert. Sofern erforderlich, wurde dabei an einzelnen Parodontien nachgescalt. Die parodontologische Erhaltungstherapie wurde von zahnmedizinischen Fachhelferinnen beziehungsweise im Parodontologie-Kurs von Studierenden durchgeführt. Diese Termine beinhalteten Remotivation, Reinstruktion und professionelle Zahnreinigung sowie eine zahnärztliche Kontrolle. Der Zahnersatz wurde bei Bedarf unterfüttert. Auf Wunsch der Patientin wurden im Juli 2003 die Zähne 33 bis 41 mit Komposit semipermanent verblockt.

Schlussbefund

Als vorläufiger Schlussbefund sind die Ergebnisse der Verlaufskontrolle vom 09.06.2004 mit Photoserie, Sondierungstiefen und Zahnfilmstatus in Rechtwinkeltechnik dokumentiert (Abb. 6 bis 8). Der Parodontalzustand ist 15 Jahre und sieben Monate nach Behandlungsbeginn langfristig stabil und vollkommen unauffällig. Im Vergleich zur Verlaufskontrolle etwa vier Monate nach der geschlossenen Kürettage (31.10.1989) zeigen sich allenfalls geringe Abweichungen in den Sondierungstiefen (Abb. 5.) Auch der zahnärztliche Befund ist unauffällig. Der zur Verlaufskontrolle angefertigte Zahnfilmstatus zeigt keine behandlungsbedürftigen Befunde.

Epikrise und Prognose

Die bei Behandlungsbeginn 51-jährige Patientin hatte durch eine weit fortgeschrittene chronische Parodontitis bereits nahezu alle Seitenzähne verloren. Im Oberkiefer war lediglich der Zahn 13 erhaltungswürdig und in der Unterkieferfront bestand erhebliche Zahnlockerung.

Als primäre Ursache für die Parodontalerkrankung sind Unzulänglichkeiten in der täglichen Mundhygiene anzusehen, in deren Folge massive Zahnstein- und Konkrementbildung auftreten konnten. Ohne parodontologische Betreuung führte dies zwangsläufig zu Knochenabbau und Zahnverlust. Die Defizite in der Mundhygiene beruhten auf Unkenntnis. Vor Behandlungsbeginn war der Patientin der Zusammenhang zwischen bakteriellen Zahnbelägen und der Parodontalerkrankung nicht bewusst. Hilfsmittel zur Pflege der Interdentalräume kannte sie nicht. Mundhygieneinstruktionen mit professioneller Zahnreinigung wurden erstmals im Rahmen der systematischen Parodontalbehandlung durchgeführt.

Die Patientin arbeitete bei den Mundhygieneinstruktionen motiviert mit und erreichte bald gute API- und SBI-Werte. Die Kürettage an den erhaltungswürdigen Zähnen war unproblematisch. Nach Abschluss der prothetischen Versorgung kam es gelegentlich zu vorübergehenden Schwächen in der häuslichen Mundhygiene der Patientin. Dadurch gab es vereinzelte Termine mit relativ hohem API; dagegen lag der SBI im langjährigen Mittel bei null Prozent. Die Patientin nahm die Remotivation und Reinstruktion stets positiv auf. Blutung auf Sondierung (BOP) war in der Erhaltungstherapie nur vereinzelt und selten zu beobachten. Trotz einer Neigung zur Zahnsteinbildung war die Gingiva an allen verbliebenen Zähnen straff und blassrosa. Sowohl die parodontologische Behandlung als auch die prothetische Versorgung sind im vorliegenden Fall als langfristiger Erfolg anzusehen. Die Erhaltungstherapie in Form von regelmäßigen parodontologischen Behandlungsterminen bereitete nur mäßigen Aufwand und war gut an qualifiziertes Hilfspersonal delegierbar beziehungsweise in den studentischen Kursen zu leisten. Sofern die Patientin ihr gegenwärtiges Mundhygieneniveau hält und das Angebot zur Erhaltungstherapie regelmäßig wahrnimmt, kann die Situation weiterhin langfristig stabil gehalten werden.

Prof. Dr. Heiko Visser
Abt. Zahnerhaltung, Präventive
Zahnheilkunde und Parodontologie
Zentrum Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Robert-Koch-Str. 40
37099 Göttingen


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