Immunologie

Warum es manche Impfungen nicht gibt

In seinem Festvortrag „Erfolg und Misserfolg von Impfungen“ anlässlich der Verleihung von Wissenschafts- und Publizistikpreisen der GSK-Stiftung ging Nobelpreisträger Prof. Rolf M. Zinckernagel, Zürich, sehr unkonventionell auf diese Problematik ein. Sein Fazit: Was nicht über Antikörper läuft, geht nur via Prävention.

Mit dem Zitat „Wir können nur ganz selten besser werden als die Natur“ umschreibt Zinckernagel die Problematik. Unser Immunsystem ist, wie sich der Forscher in vielen trickreichen Experimenten überzeugen konnte, im Überlebenskampf des Menschen als Wirt gegenüber Krankheitserregern gewachsen. Hier und nur hier hat es seinen Ort.

Ein Beispiel: Individuen, die noch im fortpflanzungsfähigen Alter sind, müssen vor potenziell tödlichen Infektionen geschützt werden. Das heißt: Wenn ein Keim wie der Diphtherie- Erreger Corynebacterium diphteriae in der Lage ist, sich in der Blutbahn so schnell zu vermehren, dass der ganze Organismus ohne Gegenwehr binnen Stunden zusammenbricht, kann man davon ausgehen, dass auch das Immunsystem die Möglichkeit hat, rechtzeitig so viele Antikörper zu mobilisieren, dass der Erreger dazu nicht kommt.

Voraussetzung für einen solchen Kraftakt ist aber, dass das individuelle Immunsystem seine Feinde genau „kennt“. Kennen lernen kann es diese relativ ungefährlich, wenn es über die gegen Diphtherie immunkompetente Mutter via Nabelschnur und Muttermilch so viele spezifische Antikörper empfängt, dass ein erster frühkindlicher Kontakt mit Corynebacterium diphteriae relativ sanft verläuft. Diese Schutzreaktion, die oft als „stille Feiung“ unbemerkt verläuft, lässt sich durch Impfungen nachahmen.

Im Laufe der Evolution „wusste“ sich das menschliche Immunsystem auf diese Weise vor den gängigen akuten Bedrohungen, vor allem von Individuen in relativ jungen Jahren, zu schützen. Von dieser Regel gibt es nur wenige Ausnahmen. So weit wir wissen, sind dabei fast immer „neue“ Erreger im Spiel. Das sind etwa Viren von so immenser Mutationskraft (zum Beispiel Influenza), dass das Immunsystem mit seinen gespeicherten Informationen immer wieder hinterherhinkt. Bisweilen handelt es sich auch um „Importe“ von fremden Spezies (wie HIV oder Vogelgrippe), auf die unsere Abwehr nicht eingerichtet ist. Auch hier stellt sich jedoch das Immunsystem relativ schnell auf die neue Situation ein und schützt Säuglinge bereits durch die Mutter. Oder, das ist die andere Möglichkeit, der angreifende Erreger verändert sich. Das geht im Sinne der Evolution ebenfalls gewöhnlich schnell – nur uns ungeduldigen Menschen erscheinen die dafür nötigen Jahrzehnte viel zu langwierig. Es kann eben auch für die neuen Erreger sinnvoll sein, sich so weit abzuschwächen, dass sie ihre Wirtsspezies nicht ausrotten, um dann mit ihr ebenfalls unterzugehen.

Interessanterweise sind die zytotoxischen T-Zellen – die andere wirksame Komponente des Immunsystems neben den Antikörper- produzierenden B-Zellen – für einen Einsatz bei Impfungen nicht geeignet. T-Zellen sind die Aufspürer von „fremden“ Komponenten innerhalb der von Serum und Lymphe durchströmten Gewebe. Dabei wird nach Prof. Zinckernagel gemäß einer einfachen Regel vorgegangen:

• Was temporär in das System Organismus kommt, muss eliminiert werden.

• Was länger im System ist, lässt die Antwort dieser Zellen rasch erlahmen – sie wären sonst in Gefahr, dem Eindringling ähnliche Gewebe ebenfalls zu attackieren, was wahrscheinlich die Ursache mancher Autoimmunerkrankungen ist.

• Was nicht im (Immun-)System ist, wird nicht bemerkt.

Letzteres trifft zum Beispiel auf Tuberkulose (verkapselt) und Infekte im Knochen zu, wo die Immunzellen nicht hinkommen. Ersteres gibt bei Transplantationen Probleme auf. Die mittlere Regel bringt es mit sich, dass wir noch immer keine Impfung gegen Tumoren besitzen: Was wie die Tumorzellen länger im System ist, und sei es noch so fremd, bringt keine wirksame Reaktion mehr gegen sich auf.

Fazit

Impfungen sind sicher sinnvoll, in ihrer Wirkbreite jedoch begrenzt auf akut lebensbedrohliche Infektionen. Mütter, die nicht viel von Impfungen halten, sollten lange stillen und dann dem Baby auch die Möglichkeit lassen, sich beizeiten anzustecken: Cave unsinnige Hygiene!

Die meisten Impfmöglichkeiten sind ausgereizt. Derzeit gibt es wenig reale Hoffnung auf Impfungen gegen Tuberkulose, Krebs, Malaria oder Influenza sowie HIV (mit lebenslanger Immunität). In solchen Fällen – Beispiel HIV – hilft nur Vorsicht, also breite Prävention. Außerdem ist der Hang zum Fremdländischen in Essen und Lebensweise nicht immer klug: Neue Erreger, die in der heimischen Keimflora nicht vorkommen, sind virulenter als die gewohnten – weil auch dem Körper bekannten – Erreger.

T.U.Keil