Gastkommentar

Der Patient und sein Arzt

Die Politik will die Bindung des Patienten an den Arzt, der als Hausarzt definiert wird, verstärken. Zugleich wird die Institutionalisierung der Medizin forciert. Diese wird damit kaum wirtschaftlicher, aber unpersönlicher.

Walter Kannengießer

Sozialpolitik-Journalist

Reformen sind unabweisbar geworden. Die Diskussionen darüber sollten sich aber nicht nur auf die Finanzen der Kassen und die problembeladenen Modelle der Bürgerversicherung und der Gesundheitsprämie beziehen. So kommt ein Thema in der oft ideologisch geprägten Debatte zu kurz: das Verhältnis des Arztes zu seinen Patienten. Für den Erfolg der medizinischen Behandlung der Kranken ist es von großer Bedeutung. Wer die Verantwortung des Arztes für seine Patienten auf Versorgungszentren oder vergleichbare Institutionen oder auf die Kassen verlagert, trägt dazu bei, die ärztliche Betreuung unpersönlicher und damit für die Patienten auch belastender zu gestalten. Wer den Versicherten im Krankheitsfall daran hindert, den jeweils von ihm gewünschten, fachlich geeigneten und auch erreichbaren Arzt zu konsultieren, der schwächt das so wichtige Vertrauen des Patienten zu dem ihn jeweils behandelnden Arzt.

Man kann Reformen schön- oder schlechtreden: Tatsache ist, dass mit dem Gesundheitssystemmodernisierungsgesetz (GMG) der Trend verstärkt wird, die Entscheidungsfreiheit der Ärzte und die freie Arztwahl der Versicherten einzuschränken. Der „Altmeister“ der Gesundheitssystem-Forschung, Professor Dr. Fritz Beske, sieht sogar die Freiberuflichkeit der Leistungsanbieter im Gesundheitswesen als beeinträchtigt an. Er sieht sie als unverzichtbar und auch wirtschaftlich der institutionalisierten Medizin als überlegen an.

Richtig ist, dass mit dem GMG mehr gesundheitliche Dienstleistungen in Institutionen zugelassen werden. So können Medizinische Versorgungszentren gegründet werden, die mit Ärzten in abhängiger Stellung arbeiten. Auch diese Ärzte bleiben in jedem Einzelfall für ihr ärztliches Tun verantwortlich. Der angestellte Arzt ist kein schlechterer Arzt, doch er arbeitet oft im Schichtbetrieb, und er ist an die organisatorischen Anweisungen oder andere auch medizinisch relevante Vorgaben der Institution, für die er tätig ist, gebunden. Krankenhäuser werden für die ambulante Behandlung bei bestimmten Indikationen und für hoch spezialisierte Leistungen geöffnet. Das kann sinnvoll sein. Aber auch in diesen Fällen werden Mitarbeiter tätig, die den Status des Angestellten dem des Selbständigen vorziehen.

Mit den Disease-Management-Programmen der Kassen werden die beteiligten Ärzte und Versicherten an die Regeln dieser Systeme gebunden. Das bedeutet eine Einschränkung der ärztlichen Handlungsoptionen und der Wahlfreiheit der Patienten, auch wenn diesen der Beitritt (noch?) freigestellt wird. Mit diesen Programmen werden medizinische Standards vorgegeben. Diese können sich in Einzelfällen nachteilig für die Patienten auswirken, auch wenn damit Qualitätsanforderungen verbunden sind. In dieses Bild passt auch die Absicht der SPD, die fachärztliche Behandlung auf die Krankenhäuser zu konzentrieren, was die Patienten zum Aufsuchen dieser Institutionen zwingen würde. Das Netz der medizinischen Versorgung in den Regionen würde ausgedünnt.

Im Gesundheitswesen wird also die Zahl der abhängig Tätigen zunehmen und die Zahl der eigenverantwortlich und selbständig Tätigen tendenziell abnehmen. Das soll die Medizin effizienter machen. Alle Erfahrungen sprechen jedoch dagegen, dass Institutionen wirtschaftlicher arbeiten als selbständig tätige Ärzte, die sich im Leistungswettbewerb behaupten müssen und für die eine effiziente Organisation ihrer Praxen und die enge Zusammenarbeit mit Kollegen immer mehr zur Existenzfrage wird. Die Rahmenbedingungen sollten freilich so ausgestaltet sein, dass auch die Beitragszahler von solchen Effizienzgewinnen profitieren.

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.

Weitere Bilder
Bilder schließen