Editorial

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Liebe Leserinnen und Leser,

es sind wohl nur noch die Momentaufnahmen, nicht mehr konsequent verfolgte – und damit auch nachvollziehbare – sozialpolitische Konzepte der Parteien, gegen die Deutschlands Bürger in ihrem wachsenden Polit-Frust aufbegehren. Die Bevölkerung wendet sich mehr und mehr ab von der Planlosigkeit der Parlamentarier, von spontanen Sprücheklopfern ebenso wie vom überdeutlichen Trend der Politik zum „Vonder-Hand-in-den-Mund-Leben“.

In der Politik liegen indes die Nerven blank. Fruchtlose Diskussionen, zum Beispiel die um die „Mitnahmeeffekte“, mit denen die Bürger dem Sozialstaat maßgeblich schaden, enden – schneller als man darüber schreiben kann – im allgemeinen Lärm parteipolitischer „Prügeleien“. Cui bono?

Die Deutschen ohne Idee für einen Ausweg? Wohl nicht. Denn Schuld sind keineswegs immer die hinter den politischen Ergüssen steckenden Programme. Nur ist die Halbwertzeit der Denkmodelle bis zum parlamentarischen Zerfall inzwischen so extrem niedrig, dass das Interesse der Bevölkerung an Programmatischem weitestgehend erlahmt ist.

Die so anfallenden Lücken füllen Aufführungen von Politik als öffentlichem Spektakel, gestützt durch medial eingeforderte Kürze, drastische Simplifizierung politischer Anliegen, willkürlich interpretierbare populistische Parolen. Mangelnde Orientierung und immer mehr offene Fragen erzeugen nichts anderes als Missverstehen, Angst und Protest. Auch der neue Bundespräsident, der angesichts überall in der Republik augenfälliger „Unterschiede in den Lebensverhältnissen“ mehr Blick für die Realität einfordert, pragmatische Ansätze wie den Abbau von Subventionen oder mehr persönlichen Einsatz jedes Einzelnen für wichtig hält, findet nur wenige nachdenkliche Zuhörer. Lieber droht das Volk der Demokratie mit Wahlboykott oder mit dem Wechsel zu radikalen Trittbrettfahrern.

Das Resultat ist chaotisch. Noch dazu ein Chaos, das letztlich keiner – weder Wähler noch das Gros der Gewählten – je wirklich gewollt hat.

Aber das ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Der Alltag ist anders: Wer sich umschaut, sieht nach wie vor aufrechte Initiative zivilcouragierter Mitmenschen, Gruppen mit klaren Vorstellungen und fester Orientierung, die – abseits vom politischen Theater – das Leben am Laufen halten, die mit ihrer unbedingten Bereitschaft zum Handeln zu verhindern suchen, dass jenseits parlamentarischer Paralyse tatsächlich Menschen auf der Strecke bleiben. In der Bundeshauptstadt, die sich nicht nur mit politischem, sondern tagtäglich auch ganz konkretem sozialen Elend konfrontiert sieht, nehmen verantwortungsbewusste Bürger lieber das Heft selbst in die Hand und leben Beispielhaftes.

Ist der zahnärztliche Berufstand dabei involviert, berichten die zm. Zum Beispiel über die zahnmedizinische Betreuung von Berliner Drogenabhängigen. Behandelt wird in einer mobilen Praxis. Die Arbeit des Teams aus Zahnärztin, Sozialarbeitern und Praktikanten ist praktizierte Nächstenliebe für Hilfsbedürftige. Für Menschen, denen das Für und Wider von „Mitnahmeeffekten“ längst egal ist.

Diese Art von Beistand, bei der es letztlich um Menschenleben geht, braucht materielle und finanzielle Unterstützung. Und sie fordert Nachahmer in anderen Lebensbereichen, in anderen Städten, in anderem Umfeld. Gründe genug für eine Reportage als zm-Titelthema. Denn auch dieses Beispiel aus Berlin ist ein Beitrag von Ärzten und Zahnärzten für das Sozialwesen unserer Republik. Die dahinter liegende Botschaft: Handeln hilft. Und: Gute Vorsätze warten meist nicht auf Vater Staat.

Und wer noch liest und zuhört, weiß, dass auch der Bundespräsident genau das als Herausforderung sieht: „Jeder in Ost wie West muss wissen, dass er selber gefordert ist. Jeder einzelne Arbeitnehmer, jeder einzelne Unternehmer.“

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur