DGKFO-Kongress 2004 in Freiburg i. Br.

Der Patient im Mittelpunkt aller Qualitätsbemühungen

Zum dritten Mal in ihrer Geschichte lud die Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie nach 1963 und 1979 ihre Mitglieder zur 77. Wissenschaftlichen Jahrestagung ins südbadische Freiburg im Breisgau ein.

Die Veranstaltung wurde von der Tagungspräsidentin Prof. Dr. Irmtrud Jonas, Ärztliche Direktorin der Klinik für Zahn-, Mundund Kieferheilkunde des Universitätsklinikums der Albert-Ludwigs-Universität, im modernen Konzerthaus Freiburg ausgerichtet. Die große Anzahl der Kongressteilnehmer aus Deutschland und dem benachbarten Ausland belegt den intensiv betriebenen Austausch von Grundlagenforschung und praxisrelevantem Wissen und Erfahrungen unter den Kieferorthopäden und zeugt vom freiwilligen, intensiv genutzten Fortbildungsinteresse der Kollegenschaft.

Die Hauptverhandlungsthemen waren das Qualitätsmanagement in der Kieferorthopädie und klinische Aspekte von Zahndurchbruchsstörungen und Zahnverlagerungen. Zahlreiche freie wissenschaftliche Themen zur Diagnostik, spezifischen therapeutischen Verfahren, wie zur Zahnextraktion, transversalen Erweiterung, Prophylaxe, Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, Ästhetik, Grundlagenforschung und Werkstoffkunde wurden auf der Basis des aktuellen wissenschaftlichen Standes präsentiert und diskutiert. Das hohe Interesse an der wissenschaftlichen Weiterentwicklung des Faches und an einer qualifizierten, hochrangigen Patientenversorgung wurde durch zahlreiche sehr detailliert und sorgfältig ausgearbeitete Präsentationen von in Praxen niedergelassenen Kollegen unterstrichen. 84 Vorträge und 134 Posterdemonstrationen sowie zahlreiche Tisch-, AV- und Multimediademonstrationen lieferten ausreichend Informationen zu intensiven und lebhaften Diskussionen.

Qualitätsmanagement in der Kieferorthopädie

Im Eröffnungs- und Einführungsvortrag betonte die Tagungspräsidentin ihre Erfahrungen bei der Einführung eines Qualitätsmanagements in der von ihr geleiteten Abteilung für Kieferorthopädie. Im Rahmen der Anstrengungen zur Etablierung eines Qualitätsmanagements steht der Patient im Vordergrund aller Qualitätsbemühungen. Ein Qualitätsmanagementsystem umfasst die Struktur-, die Prozess- und Ergebnisqualität. Grundsätzlich kann die Qualität merkmalsorientiert zur Erfüllung gegebener Erfordernisse oder betrachterorientiert zur Erfüllung von Erwartungen verstanden werden. Über eine regelmäßig durchzuführende Evaluation zuvor beschriebener Prozesse lassen sich Verbesserungspotentiale differenzieren und unter Berücksichtigung der vorhandenen Ressourcen gezielt beeinflussen.

In einem Übersichtsreferat stellte Prof. Dr. Birte Prahl-Andersen, Amsterdam, ihr langjähriges Engagement für ein Qualitätsmanagement in der Kieferorthopädie auf europäischer Ebene im Projekt EURO-QUAL vor. Die Fragen eines übergeordneten Nutzens und die Konsequenzen der Implementierung eines Qualitätsmanagements in eine medizinische Disziplin, die viele individuelle, häufig nur unzureichend zu beschreibende Variablen beinhaltet, thematisierte Prof. Dr. Thomas Rakosi, Basel, kritisch. Er zeichnete eine zukünftige Version mit eingeschränkter Therapiefreiheit und einer Reduktion der möglichen Therapieoptionen auf. Mehrere Referenten, unter anderem die Kieferorthopädische Studiengruppe Bodensee e.V., berichteten über verschiedene Aspekte der Einführung eines Qualitätsmanagementsystems in die kieferorthopädische Behandlung. Über die Beschreibung der Behandlungsabläufe in Prozessen kann eine Steigerung der Ergebnisqualität erzielt werden. Aufgelockert wurden die wissenschaftlichen Vorträge durch einen Übersichtsvortrag zum Thema des Lachens von Prof. Charles Burstone, Farmington, Connecticut. Generell kann Lachen in etwa 18 verschiedene Formen unterteilt werden. In Kombination mit den unterschiedlichen Emotionslagen, in der sich die lachende Person befindet, steigt diese Anzahl noch beträchtlich. Für ein sympathisches Lächeln sind die Stellung und Position der Frontzähne von wesentlicher Bedeutung. Prof. Burstone betonte aber auch, dass die ästhetischen Aspekte, zum Beispiel der Verlauf der Lachlinie, schwarze bukkale Dreiecke, Ausmaß des „Gummy Smile“, für die Definition des Behandlungsziels keine Validität besitzt.

Zahndurchbruchsstörungen

Störungen des regulären Zahnwechsels mit auffälligen Befunden wie Aplasie, hypoplastische Zähne, Transpositionen und Verlagerungen von Zahnkeimen, stellen ein fortwährendes Thema in der Kieferorthopädie dar. Insbesondere bei syndromalen Patienten und bei allgemeinen Erkrankungen kann es zu Verzögerungen aber auch zu Beschleunigungen im Zahndurchbruch kommen. Rolando Morales-Huber, Freiburg i. Br., berichtete über die Ergebnisse seiner in Österreich und Deutschland durchgeführten Untersuchung zum Erbgang der primären Eruptionsstörungen. Dieses ist eine seltene, oft familiär vorkommende Störung des Zahndurchbruches vorwiegend im Seitenzahnbereich, die mit einem Defizit in der Vertikalausbildung des Alveolarfortsatzes einhergeht. Die Anomalie kann spontan, im Zusammenhang mit sydromalen Erkrankungen und hereditär mit einem autosomal dominaten Erbgang mit reduzierter Penetranz vorkommen. Ein standardisiertes therapeutisches Konzept für diese Erkrankung existiert gegenwärtig noch nicht.

Digitale Volumentomographie

Die exakte Diagnostik retinierter und verlagerter Zähne mit konservativen radiologischen Verfahren kann sich insbesondere bei Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten schwierig darstellen. Mittels der digitalen Volumentomographie wurde den Kieferorthopäden ein neues bildgebendes Verfahren an die Hand gegeben, welches eine exakte dreidimensionale Lokalisation der verlagerten und retinierten Zahnkeime erlaubt. Thematisiert wurden strahlenhygienische Aspekte und die Umschreibung der Indikation für die digitale Volumentomographie in der Kieferorthopädie unter Beachtung der diagnostischen Wertigkeit des Verfahrens.

Im Verhandlungsblock „freie Themen” wurde über Projekte der Grundlagenforschung aus den wissenschaftlichen Einrichtungen der Universitätskliniken und über die praktischen Erfahrungen neuer, innovativer Therapiemaßnahmen referiert. Mittels organotypischen Kokulturen humaner periodontaler Zellen können Untersuchungen über den Informationsaustausch verschiedener Zelltypen auf molekularer Ebene gewonnen werden. Die zukünftige Forschung an diesem Invitro- Modell lässt einen enormen Wissenszuwachs zum Verständnis der biologischen Vorgänge zur Transformation, das heißt die Umwandlung mechanischer Kräfte in einer biologischen zellulären Antwort, erwarten.

Kortikale Verankerungssysteme

Durch Verbesserungen kortikaler Verankerungssysteme, die in Form von Implantaten und Minischrauben erhältlich sind, ist das Therapiespektrum in der Kieferorthopädie in den letzten Jahren erweitert worden. Mit diesen Systemen können Zahnbewegungen ohne die unerwünschten reziproken Wirkungen auf die Nachbarzähne ausgeführt werden. Referiert wurden zahlreiche klinische Fallberichte über die therapeutische Anwendung dieser Systeme sowohl im Oberkiefer als auch im Unterkiefer. Umschrieben wurden die spezifischen Indikationsstellungen und die notwendigen Modifikationen der angewandten Mechaniken. Positiv wurden die ersten klinischen Erfahrungen beim Einsatz kortikal abgestützter Systeme zur Gaumennahterweiterung bewertet.

Neben dem offiziellen wissenschaftlichen Teil bot das kulturelle Rahmenprogramm des Kongresses ausreichend Möglichkeiten zum fachlichen und persönlichen Austausch. Im Jahre 2005 wird die DGKFO gemeinsam auf dem Deutschen Zahnärztetag zusammen mit BZÄK/DGZMK und den anderen zahnmedizinischen Fachgesellschaften in Berlin tagen.

Zusammenfassung

Beiträge zur Etablierung und Weiterentwicklung qualitätssichernder Maßnahmen in der Kieferorthopädie haben in den letzten Jahren einen enormen Zuwachs erfahren. Die diesjährige wissenschaftliche Jahrestagung der DGKFO hat das Thema des Qualitätsmanagements in der Kieferorthopädie aufgenommen und stellte zahlreiche Aktivitäten der Kieferorthopäden bei der Erstellung und Verbesserung von strukturierten Behandlungsprozessen zur stetigen Steigerung der Prozess- und Ergebnisqualität vor. Bei knapper werdenden finanziellen Ressourcen für die Forschung und trotz des gesteigerten bürokratischen Aufwands bei der Konzeptionisierung wissenschaftlicher Projekte demonstrierten die Mitglieder der DGKFO ihr fortwährendes hohes Engagement zur wissenschaftlichen Weiterentwicklung des Fachgebietes.

Korrespondenzadresse:

PD Dr. Dr. Edmund Rose
Abt. für Kieferorthopädie
Klinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Universitätsklinikum Freiburg
79106 Freiburg i. Br.
E-Mail: edmund.rose@uniklinik-freiburg.de

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