Verax-Liste der Kassen gegen Kartenmissbrauch

Die die Wahrheit sagt

Sicher soll sie sein, die elektronische Gesundheitskarte. Damit werben Regierung und Kassen; Datenschützer und Ärzte haben eher Bauchschmerzen. Doch bis zum Tag X mochten manche Kassen nicht warten, um den Schutz vor Missbrauch einzudämmen, und legten mit der Verax-Liste los. Ungefragt nehmen Ärzte und jetzt auch Zahnärzte teil.

Zahlen bis zu 800 Milliarden Euro jährlich für betrügerische Verwendung und fehlerhaften Einsatz der Karten geistern durch die Gerüchteküche, dann wieder gibt´s keinen Missbrauch. Wieviel dran ist, kann noch kaum einer sagen, denn valide Daten fehlen. Kaum einer - aber die Betriebskrankenkasse (BKK) Verkehrsbau Union (VBU) in Berlin-Brandenburg startete bereits zum Jahresbeginn ein Pilotprojekt mit der Verax-Liste, die inzwischen auch von der Techniker Krankenkasse genutzt wird. Während die kleine BKK - sie beschränkt sich auf die heimische Region und damit auf 85 Prozent ihrer 270 000 Versicherten - eher ernüchternde Daten zum Thema Missbrauchspotenzial einholte, setzt die TK mit ihren 5,7 Millionen Versicherten seit Oktober 2004 massiv auf die "Liste, die die Wahrheit sagt". Die Kaufmännische Kasse (KKH) und die AOK Bremen schlossen sich an.

Die Kassen geben bei diesem Projekt Teile der Versichertennummer, die Gültigkeit und den aktuellen Versichertenstatus als Nummerncode an ein Trust-Center, die HABA Computer AG in Hamburg. Diese entschlüsselt die Daten aller Kassenlisten und reicht sie, gebündelt und wieder codiert, an die angeschlossenen Software-Häuser weiter. Sucht nun ein Versicherter der beteiligten Kassen einen Arzt - oder zum Teil seit 1. Oktober 2004 einen Zahnarzt - auf, wird seine Karte beim Einlesen sofort und automatisch von der EDV-Software auf ihre Gültigkeit geprüft. Gesperrt sind alle Karten, die als verloren oder als gestohlen gemeldet wurden. Für routinemäßige Chipkartenbetrüger sei dies abschreckend, hofft die TK. Sie sieht gerade bei vorsätzlichem Missbrauch für Ärzte und Zahnärzte eine Chance: Hatte doch zum Beispiel eine Betrügerin eine entwendete Karte missbraucht, um bei einem Düsseldorfer Zahnarzt zunächst eine provisorische Behandlung zu erhalten. Doch als der genehmigte Heil- und Kostenplan bei der rechtmäßigen Karteninhaberin in der Post lag, fragte diese irritiert bei der Kasse nach und alles flog auf. Die Betrügerin wurde mithilfe des Zahnarztes beim nächsten Termin gefasst. Mit Verax hätten die Betrüger keine Chance mehr, jubeln die Initiatoren und Vertreiber der Verax-Liste.

Mittelbarer Nutzen bei unmittelbarem Aufwand

Bei der BKK VBU hält sich der Jubel allerdings in Grenzen, der nachweisbare Schaden durch Missbrauch sei zu gering gewesen. "Die TK ging das Thema übrigens erst ambitioniert an, als durch das Modernisierungsgesetz die Kassen alle Kosten für die Arzneimittelrezepte tragen mussten. Dadurch ist Kartenmissbrauch jetzt ein Problem für die Kassen", resümiert Allgemeinarzt Dr. Dirk Mecking aus Duisburg, Vorstandsmitglied der KV Nordrhein, skeptisch. In der Tat könnten die erhofften Einsparungen von über 2,2 Millionen Euro pro Jahr bei falschen Zuzahlungsbefreiungen die TK motiviert haben. Damit hätten sich, so ein Insider, die Investitionskosten für Verax amortisiert, die den bislang vernachlässigten Versichertenstatus immer auf den neuesten Stand bringt.

Doch Mecking ärgert viel mehr eines: "Sollen die Kassen doch ihre alten Karten einziehen!" Er sieht für die Ärzte den unmittelbaren Aufwand - und Ärger - bei mittelbarem, gemeinschaftlichem Nutzen: "Jetzt verlagern die Kassen wieder eine Aufgabe und damit verbundenen Ärger in die Praxen der Ärzte. Die müssen nämlich mitmachen, wenn sie von bestimmten Softwarehäusern bedient werden." Und diese "decken 80 Prozent des Marktes ab", freut sich Torsten Buhl vom Hamburger Trust-Center, der auch erklärt, die Teilnahme sei für alle natürlich freiwillig: Kassen, EDV-Häuser und Ärzte.

Ganz so locker sieht es Matthias Leu, Direktor der Abteilung Gesetzliche Krankenversicherung bei CompuGROUP nicht: "Wir wollen den Missbrauch eindämmen, deshalb ist die Verax-Liste grundsätzlich nicht einfach abzustellen, erst nach Rücksprache mit den einzelnen EDV-Häusern." Warum auch sollte, so Leu, ein redlicher Arzt den Missbrauch nicht bekämpfen wollen?

Da Ausweiskontrolle sowie Fotos in den Karten keine Akzeptanz in den Praxen fanden, sieht HABA-Mann Buhl diese neue Kontrolle als die angenehm an: "Ist die Karte ungültig, erscheint dank Verax-Liste ein Pop-up-Fenster auf dem Monitor mit entsprechendem Hinweis und Nummer der Hotline." Eine Meldung zum falschen Zuzahlungsstatus könne der Arzt auch ignorieren. Eine ungültige Karte nicht. In der Pilotphase der BKK VBU waren von 10 000 eingelesenen Karten 300 gesperrt, davon via Hotline für 180 die Unstimmigkeiten schnell geklärt.

Wird Missbrauch zurückgehen, wenn noch mehr Daten auf der elektronischen Foto-bestückten Gesundheitskarte aktualisiert werden? Auf deren Einführung (für 1,3 Milliarden Euro) haben sich nämlich soeben die Spitzenverbände der Selbsverwaltung im Wesentlichen geeinigt. Sind zum Beispiel die Finessen für den online- oder kartengestützten Transport des elektronischen Rezepts erst ausgefeilt, stellt sich die Frage, ob die Liste Verax dann als Kurzläufer auf der Strecke bleibt.