Editorial

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Liebe Leserinnen und Leser,

mehr „Mut zu Wahrheiten, die wir sagen müssen,“ verlangte Hessens Ministerpräsident Roland Koch auf der Festveranstaltung des Deutschen Zahnärztetages in der Frankfurter Paulskirche vor seinen Polit-Kollegen. Die „gute alte Zeit, in der wenig für Soziales gezahlt werden musste“, sei vorbei.

Und der CDU-Mann legte gerade Deutschlands Gesundheitspolitikern den Finger erstaunlich tief in die Wunde: Was zur Zeit getan wird, sind keine „Gesundheitsreformen“, das sind allenfalls „Veränderungen im Gesundheitswesen“.

Koch fordert Mut, dem Bürger mehr Verantwortung für die eigenen Risiken zu übertragen. Man müsse sich endlich von der Einschätzung lösen, Risiken seien prinzipiell unsozial. Abzuwägen sei vielmehr, ob ein Risiko für den Einzelnen tatsächlich unzumutbar ist. Wer Risiken vermeidet, schafft, so Koch, ein unsoziales System. Das ist „viel Holz“ für jemanden, der weiß: „Wir sind eine Gesellschaft, die sich an Risiken ergötzen kann.“ Aber es sind natürlich auch Botschaften, die innerhalb der Zahnärzteschaft mehr als nur offene Ohren finden.

Stellt sich die Frage, wie weit Mut geht. Partei und Schwesterpartei des Bundespolitikers Koch haben letztlich weit weniger Courage bewiesen, als es sich CDU-Chefin Angela Merkel auf dem Leipziger CDU-Parteitag noch hatte träumen lassen. Dass der Mut letztlich doch nur, wie Koch feststellte, „bis zu Horst Seehofer“ reichte, hat den großen Oppositionsparteien einen wochenlangen Streit eingebracht und sehr viel Wählergunst gekostet.

Den Bürgern ist inzwischen durchaus klar, dass Vater Staat sein soziales Füllhorn längst nicht mehr über alles ausschütten kann. Trotzdem wird sich kaum jemand stillschweigend fügen. Erst recht nicht, wenn schon der Gesetzgeber nur zaudernd zu Werke geht.

So kommt man nicht wirklich weiter. Koch – als brillianter Festredner um Bilder nicht verlegen – sprach von der langwierigen Zahnum- Zahn-Behandlung dort, wo eigentlich längst eine Grundsanierung angesagt wäre. Die Bundesregierung saniert immer nur „einen Zahn“, während die anderen ungestört weiter „faulen“. Eine wirkliche Reform wird „zerbröselt“, teilt somit quasi das Schicksal des längst insgesamt maroden, dringendst behandlungsbedürftigen Gesundheitssystems.

Bliebe zu hoffen, dass der Realpolitiker Roland Koch seine erstaunlich gute Analyse auch in die nötige Überzeugungsarbeit für künftige Handlungsstränge seiner Partei umsetzt. Dann beschränkt man sich vielleicht nicht ewig auf halbherzige Befunde, politische Zweit-, Dritt- und Viertmeinungen sowie den immer mangelhaften Mut zum richtig gesetzten Risiko.

Die Zahnärzteschaft hat in Frankfurt auf dem ersten gemeinsam von Bundeszahnärztekammer, Deutscher Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung durchgeführten Deutschen Zahnärztetag hingegen klare Signale gesetzt, dass es sich lohnt, beharrlich mit Überzeugung und Mut neue Wege zu beschreiten. Nicht nur mit einem beachtlichen Festaktsredner, sondern vor allem auch mit eindeutiger Positionierung.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur