Diskussion zum Präventionsgesetz

Akzente statt Gießkanne

Die Eckpunkte für das neue Präventionsgesetz liegen vor. Laut Bundesministerium für Gesundheit soll es dem Gesundheitssystem auch aus dem Kostendilemma helfen. Ob es dies tut, wird in Expertenkreisen heiß diskutiert. In Duisburg trafen sich unter dem Motto „Soziale Gesundheitsförderung bleibt auf der Strecke“ der „AG Zukunft im Gesundheitswesen“ Vertreter von Kassen, Zahnärzten und Ärzten sowie der Politik. “.

Auf die Prävention, die ohne zentrale staatliche Direktive seit Jahren Erfolge verzeichnet, wies der Präsident der Bundeszahnärztekammer auf der Tagung in Duisburg mit klaren Fakten hin: Dr. Dr. Jürgen Weitkamp erklärte, dass der Kariesrückgang den Löwenanteil in der Erfolgsstory der zahnmedizinischen Prävention in Deutschland ausmache. Dennoch sei der Zahnarzt bei einer Reihe weiterer oraler Erkrankungen gefordert, etwa „bei Zahnfleisch- und Zahnbetterkrankungen, Zahnstellungs- und Bisslagefehlern, Erosionen, Abrasionen sowie dem bedeutenden Komplex der Mundschleimhauterkrankungen“. Ebenso müsse man an die Vielzahl anderer – somatischer, psychosozialer und kognitiver – Faktoren denken und ebenso an die Wirkung der Mundgesundheit auf den Allgemeinzustand und umgekehrt. Während bei Kindern schon viel erreicht worden sei, bleibe bei älteren Patienten viel zu tun. Und „die einzige Altersgruppe, die heute und in den nächsten 30 Jahren in Deutschland noch wächst, ist die Gruppe der über 70-Jährigen. Perspektivisch ist eine Erhöhung des zahnärztlichen Präventions- und Therapie- Bedarfes bei den Erwachsenen und Senioren zu erwarten, deren orales Gesundheitsbewusstsein weiter zunehmen wird“, prognostizierte der BZÄK-Präsident eine wachsende Nachfrage an die Zahnmedizin nach hochwertigem festsitzendem Zahnersatz – gerade für jene Menschen, die bereits heute gute Prophylaxe nutzen und schätzen.

Eigenverantwortung gefragt

Weitkamp verwies aber auch auf den signifikanten sozialen Schichtgradienten in der Krankheitslast einer Gesellschaft, das heißt, grundsätzlich nehmen sozial Schwächere Möglichkeiten zur Vorbeugung weniger wahr als gut Situierte und haben entsprechend geringeren Nutzen von derartigen Angeboten. Mehr Eigenverantwortung und -initiative seien gefragt. Er sieht das Konzept aus befundbezogenen Festzuschüssen mit Kostenerstattung als zukunftsfähig an. Mit Fachgesellschaften und dem Bundesgesundheitsministerium habe sich die BZÄK daher an den runden Tisch gesetzt, um gezielte Aktionen zu erreichen und ein Gießkannenprinzip zu vermeiden. Angesichts der klaren Erfolge der zahnmedizinischen Prävention habe sich allerdings „die Zahnärzteschaft immer als Vorbild in der deutschen Präventionslandschaft verstanden. Weitere gesetzliche Regelungen für die Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde im Präventionsbereich sind dabei überflüssig.“ Gastgeber Dr. Alfred Jensen, Vorstandsvorsitzender der Novitas Vereinigte BKK, sprach sich ebenfalls gegen zentral gesteuerte Prävention aus. Er betonte den hohen Stellenwert lokal angesiedelter Prävention. Ganz klar: Für regional agierende BKKs wäre eine vom Bundesministerium in Berlin aus koordinierte und bundesweit einheitliche Prävention ein Verlust, da aus bereits laufenden, erfolgreichen Projekten einzelner Anbieter benötigtes Geld abgezwackt werden müsste. Etwa das Novitas-Projekt für Schüler und Eltern zu Ernährung und Bewegungs- Themen in Duisburg oder das ebenfalls lokal angesiedelte Projekt INES zur Säuglings-Ernährung. Über lokale Angebote aber könne weder in der Bundes- noch in einer Landeshauptstadt entschieden werden, diese Entscheidungshoheit müsse bei den jeweiligen Anbietern, also den Kassen bleiben. Gleiches forderte er, ganz in der Tradition der BKK, für betriebliche Gesundheitsförderung. Jensen befürchtete, dass wieder einmal intelligente Projekte an „wohlklingenden Hürden“, an Bürokratie und an Praxisferne scheitern könnten.

Prof. Dr. Rolf Rosenbrock teilte die Befürchtung, dass individuelle, örtliche Präventionsansätze auf der Strecke bleiben könnten. Die drei sozialepidemiologischen Megatrends – dem Chronikeranteil von 80 Prozent an den Kosten, der steigenden Lebenserwartung und wachsende sozial bedingte Ungleichheit bei Gesundheitschancen – erforderten es, mit Primärprävention und Versorgungsintegration die unteren Bevölkerungsschichten zu erreichen, denn dort lägen „sowohl im Hinblick auf Gesundheitsrisiken als auch auf Versorgungsqualität die größten Probleme“.

Eike Hovermann, Mitglied des Bundestages, betonte die Wichtigkeit einer ganzheitlichen Diskussion, denn wenn Teilthemen wie die Prävention aus dem Kontext herausgelöst betrachtet würden, drohe „den konzeptionellen Gedanken bei der Umsetzung in den realen Versorgungsalltag das Scheitern“. Es gelte jedoch, sie eingebunden in das Gesundheitswesen anzugehen: „Die Ziele der ‚eigenständigen Säule‘ Prävention müssen in entsprechende Veränderungen der so genannten Präventionsparagrafen ab § 20 im SGB V einmünden, sonst gibt es zwei juristische Ebenen, aus denen Handeln oder Nichthandeln abgeleitet werden kann.“ Bedingt durch die wirtschaftliche Entwicklung müssten die Kassen mit sinkenden Einnahmen schon für die kurativen Leistungen kalkulieren: Geldtransfers aus diesem Bereich in den präventiven seien daher kaum zu erwarten. Und umgekehrt, so Hovermann: „Ich denke, man sollte hier auch nicht mit möglichen Einsparungen Gegenrechnungen versuchen.“ Selbst bei guter Compliance im Einzelfall werde die Prävention wohl im Saldo eher zusätzliche Gelder benötigen, gerade angesichts demografischer Entwicklungen, innereuropäischer Regelungen und technischen Fortschritts. Daher mahnte der Politiker, das Konzept zur Prävention auch auf die Finanzierung auszudehnen, echten Wettbewerb zwischen den Kassen anzugehen, den Risikostrukturausgleich „abzuschmelzen“ und die Chronikerprogramme davon abzukoppeln sowie Verschuldung und Kredite völlig zu untersagen. Darin sehe er den Weg zu mündigen Patienten, schloss Hovermann.

Dr. rer. pol. Edith Meier von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein erinnerte an die Anschauung von Hippokrates und Galen, deren Regeln der Diätetik als „Leitfaden für zwei Jahrtausende menschlicher Gesundheitsgestaltung“ gelten können. Doch der Einzelne entscheide heute, ob und wie er sein Wissen nutze – Phasen staatlicher Kontrollen und Vorschriften diesbezüglich lägen hinter uns. Sie bemängelte, dass der Stellenwert der Ärzteschaft bei der politischen Diskussion zu kurz gekommen sei.

Im Fazit herrschte die Meinung vor, dass Prävention unbedingt förderungswürdig sei, jedoch gezielt und keinesfalls mit der Gießkanne zu verteilen.

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