DGZMK-Kongress

Interaktiv im Hörsaal lernen, um die richtige Entscheidung zu treffen

Anlässlich des Deutschen Zahnärztetages hatte natürlich auch die Wissenschaft ihren ganz bedeutenden Platz eingenommen. Mit einem umfangreichen zweitägigen Fortbildungsprogramm brillierten die Organisatoren, die Hessische Landeszahnärztekammer und die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde aufs Eleganteste. Denn der Tagungsleiter Prof. Dr. Michael Noack hatte sich mit den Veranstaltern etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um die fast 1200 angemeldeten Teilnehmer mit Wissen so zu „füttern“, dass sie garantiert nur davon profitieren konnten.

Die Tagung begann ganz anders, als die Zahnärztinnen und Zahnärzte es bislang gewohnt waren: Als die vielen hundert Teilnehmer den großen Hörsaal betraten, wurde ihnen bereits am Eingang ein „Mobile Ted“ ausgehändigt. Diese kleine Fernbedienung diente zur Teilnahme an einem Abstimmungsverfahren, das die Referenten während ihres Vortrages starteten, um den Wissensstand des Auditoriums „zu testen“ oder eine falsche Diagnose relativieren zu können. Mit großem technischen Aufwand saßen die Fachleute im Hintergrund und konnten zeitgleich zur Abstimmungsphase mittels Säulendiagrammen die Ergebnisse darstellen beziehungsweise am Ende eines Vortrages die Veränderungen durch das gerade Erlernte sichtbar dokumentieren. Eine Idee, die Furore machte, denn die Beteiligung war so groß, dass schließlich sogar nicht mehr genügend Geräte zur Verfügung standen. Eine Idee, die einen neuen Fortbildungsprozess bei der Zahnärzteschaft einläutete, um den Fortbildungswilligen „genau da abzuholen, wo er steht“. Eine Idee, die dokumentierte, wie Zahnärzte sich zukünftig noch effizienter fort- und weiterbilden werden, was letztendlich nur dem Patienten zu Gute kommt.

Aufmerksame Zahnärzte hatten bereits im Vorfeld des Kongresses ihre speziellen Lernwünsche zu den einzelnen Themenkomplexen, die nahezu alle Fachbereiche der Zahnmedizin umfassten, im Internet abgeben können, so dass die Referenten entsprechend auf diese Trends eingehen konnten.

So stellte Prof. Dr. Michael Noack, Köln, die Frage in den Raum, ob der Zuhörer sich die Kariestherapie mit oder ohne Bohrer vorstellen könne. Das Eingangsergebnis war eigentlich vorhersagbar: Die Mehrzahl entschied sich für den Bohrer. Noack stellte alle bisher im Markt befindlichen chemischen Systeme vor, die Karies zu beseitigen. Dabei ging er auf die Vor- und Nachteile von Caridex/Carisolv ein und präsentierte die Anwendungsmöglichkeiten, mittels Ozon Kariesbakterien zu „exkavieren“. Er gibt dieser Methode eine große Zukunft, stellte allerdings die Anwendung im Approximalraum sowie im Okklusalbereich aufgrund mangelnder Studien für die Praxis ins Abseits und empfahl, sich bislang auf die Behandlung von Wurzelkaries zu beschränken. Er propagierte die medikamentöse Behandlung mit Ledermix speziell für die Kinderbehandlung und die Behandlung mit oszillierenden Geräten für die Dentinkaries, besonders wegen des geringeren Zeitaufwandes.

Obwohl sich Zähne im Laufe des Lebens ihres „Wirtes“ durch 18 Tonnen Nahrung geradezu durchbeißen, gehören sie doch zu den taktilsten Organen und sind nichts weiter als modifizierte Tastwerkzeuge, wie sich Prof. Dr. Georg Meyer, Greifswald, nach einem Zitat von Sigmund (1867) ausdrückte.

Meyer stellte die Mechanozeptoren am Zahnwurzelsystem vor, die den Zähnen eine Taktilität von bis zu zehn bis 20 Mikrometern ermöglichen. Die Folge dieser anatomischen Verhältnisse sind, so der Referent, dass alle Restaurationen und Manipulationen an Zähnen auf diese Werte eingestellt sein müssen, damit keine Schmerzsensationen ausgelöst werden, weil die Steuerfunktion nicht mehr ihren gewohnten Ablauf nehmen kann.

Meyer stellte eine Untersuchung an 105 Patienten vor, die vom Neurologen mit der Diagnose „Trigeminusneuralgie“ überwiesen worden waren. Das Ergebnis der funktionellen Untersuchung zeigte bei fast allen Patienten, dass die Infraokklusion nicht stimmte. Mittels kleinster Schleifmanipulationen waren diese Patienten nachhaltig von ihren Schmerzen befreit.

Professor Dr. Heiner Weber, Tübingen, war bereits im Vorfeld seines Vortrages von den Zuhörern per Internet aufgefordert worden, verstärkt auf Zahnersatz via Implantatbefestigung einzugehen. Der Referent stellte einzelne Patientenfälle vor, die individuell geplant wurden und ohne evidenzbasierte Empfehlung durchgeführt worden sind. Er zeigte anhand mehrerer Beispiele, dass der Patient mit einer Implantatlösung wesentlich besser zurecht kommt und diese auch viel pflegeleichter ist. Zusätzlich wirken implantatgetragene Prothesen der Kieferkammatrophie entgegen, was gerade für das Aussehen des Patienten im Alter wesentlich zur Entscheidungsfindung beitragen sollte. Interessant war das Ergebnis der Ted-Befragung, das zeigte, dass 57 Prozent der Zuhörer bislang nicht implantieren. Nur sechs Prozent der anwesenden Zahnärztinnen und Zahnärzte implantieren regelmäßig. Die Ausführungen von Weber konnten soweit zur Aufklärung über die Insertion von implantatgetragenem Zahnersatz beitragen, dass die abschließende Befragung ein gesteigertes Interesse ergab, die Implantation zu erlernen und in den Praxisalltag zu integrieren. So konnte er anhand eines Patientenfalls zeigen, dass ein rezidivierender Ulkus, provoziert durch eine Unterkieferprothese, allein durch die Fixation auf zwei Implantaten sui generis abheilte. Prof. Dr. Matthias Kern, Kiel, stellte Metallkeramik versus Vollkeramik und erhielt eine eindeutige Antwort: 40 Prozent der Zuhörer sprachen sich gegen dieses moderne Restaurationsmaterial aus. In seinen Ausführungen ging er die einzelnen Arbeitsschritte der Restaurationsformen durch und stellte die Unterschiede der einzelnen Keramiksysteme vor. Er machte deutlich, dass im belasteten Seitenzahnbereich immer noch die Metallkeramik als Therapie der Wahl gilt. Beim Einzelzahnersatz jedoch, besonders im sichtbaren Bereich, sei der Vollkeramik der Vorzug zu geben. Er ging auf die diversen Materialsysteme wie Silikat- und Zirkonoxidkeramiken ein und erläuterte die Verarbeitungsschritte so anschaulich, dass die abschließende Umfrage bereits den ersten Lernerfolg bewies. Durch seinen Vortrag waren 58 Prozent der Zuhörer „auf den Geschmack gekommen“, ihren Patienten zukünftig auch Vollkeramikrestaurationen anzubieten.

Sofortbelastung nach Implantation – ja oder nein, das fragte Prof. Dr. Dr. Dieter Weingart, Stuttgart.

Er konnte in seinen Ausführungen sichere Konzepte anbieten, die jeweils bei den individuellen Patientenfällen durchaus die Entscheidung für die Sofortbelastung rechtfertigten. So hatte eine Patientin mit genetischer Oligodontie davon profitiert, indem Knochenverlust vorgebeugt und eine vollständige ästhetische Rehabilitation gewährleistet werden konnten.

Was die Parodontologie anbetraf, zeigte sich deutlich, dass viele Zahnärzte in der Praxis doch noch einen großen Unsicherheitsfaktor verspüren. So wünschten fast alle – das ergab zumindest die Internetabfrage vorab – eine Art Kochbuch für Diagnose und Therapie. Prof. Dr. Andrea Mombelli, Genf, ging auf die wesentlichen Merkmale ein, mittels derer auch der nicht PAR-versierte Zahnarzt einen chronischen von einem akuten Parodontitisprozess unterscheiden kann. Während sich bei der chronischen Parodontitis über Wochen und Monate Beläge und schließlich in Ruhe Zahnstein bilden können, ist die Tasche der aggressiven Form zahnsteinfrei, so der Referent. Mombelli zeigte einen Patientenfall (siehe Abbildung oben), bei dem sich laut Ted-Umfrage die meisten Zuhörer für die Extraktion entschieden. Der Wissenschaftler konnte aber in seinen Ausführungen beweisen, dass eine umfangreiche PAR-Therapie diesem Patienten seine Zähne bereits 14 Jahre erhalten hat.

Prof. Dr. Jörg Meyle, Gießen, konnte anhand verschiedener Untersuchungen belegen, dass der Recall nach einer PAR-Behandlung alle drei Monate erfolgen sollte. Und zwar ganz unabhängig davon, welche Therapieform (chirurgisch oder konservativ) durchgeführt wurde. Er legte Wert darauf, dass auch dem Patienten, der seine Zähne scheinbar gründlich pflegt, die „Putznischen“ gezeigt werden. Meistens liegen diese lingual und im Prämolarenbereich.

Dann kam die Kiefergesichtschirurgie zum Zuge. Prof. Dr. Dr. Torsten Reichert, Regensburg, wies in seinem Vortrag auf die besondere Bedeutung der regelmäßigen zahnärztlichen Untersuchung im Hinblick auf die Früherkennung von Präkanzerosen und Tumoren der Mundschleimhaut hin. Eine systematische Untersuchung aller Bereiche der Mundschleimhaut sollte obligater Bestandteil jeder zahnärztlichen Untersuchung sein. So gehört beispielsweise auch die Untersuchung des Zungenrückens, des Zungenrandes und der Zungenunterseite zur vollständigen Mundschleimhautbeurteilung (siehe Abb. Seite 38).

Bei entsprechend sorgfältiger Untersuchung können Präkanzerosen erkannt und maligne Mundschleimhautläsionen auch schon im Frühstadium entdeckt und der adäquaten Therapie zugeführt werden (siehe Abb. oben).

Im Rahmen seines Vortrags wurden mehrere Beispiele häufiger und seltener Mundschleimhauterkrankungen in verschiedenen typischen Regionen des Mundes gezeigt. Während gutartige und umschriebene Läsionen der Mundschleimhaut sehr gut in der zahnärztlichen Praxis therapiert werden können, sollten insbesondere Patienten mit malignen und potentiell malignen Mundschleimhauterkrankungen in die Fachklinik überwiesen werden.

Nahtmaterialien und Schnittführung bei der 8er-Extraktion waren unter anderem Thema von Prof. Dr. Dr. Bodo Hoffmeister, Berlin. Knapp 70 Prozent aller anwesenden Zahnärzte verschließen orale Wunden mit Seide, so auch der Referent. Hoffmeister propagierte atraumatische Nahtmaterialien, plädierte für den vestibulären Entlastungsschnitt bei der Weisheitszahn-OP und warnte vor Patienten mit dem so genannten „Postpoliosyndrom“, da sie auf Lokalanästhetika eine veränderte Reaktion zeigen.

Weltpremiere: Solche Bilder gab es noch nie

Getoppt wurde diese Fortbildung mit einem ganz besonderen Sahnehäubchen: einer OP-Präsentation in HDTV-Qualität. Das Kürzel HDTV steht für „High Definition TV” und ist eine digitale TV-Technik, die im Breitwandformat mit superscharfen Konturen, satten Farben und enormer Tiefenschärfe aufwartet. Der Quintessenzverlag hat in Zusammenarbeit mit den Veranstaltern weder Kosten noch Mühen gescheut, den Besuchern der Fortbildung beim Zahnärztetag 2004 OP-Bilder in bisher ungesehener Brillanz zu präsentieren. Dr. Reiner Mengel, Marburg, führte die Zuschauer durch mehrere Patientenfälle, befragte das Auditorium zu dessen jeweiligen Therapievorschlägen und verblüffte es schließlich mit seiner doch manches Mal „etwas anderen“ Therapiewahl. sp

Fazit:

In Frankfurt wurde erstmalig eine Art der Fortbildung praktiziert, die es noch nie gegeben hat. Weg vom so genannten „Frontalunterricht“, hin zum „interaktiven Lernen“. Und das in einem Hörsaal voll mit vielen Hunderten von freiwillig fortbildungswilligen deutschen Zahnärzten! Wenn das keinen Spaß macht!! sp

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