Onkologie

Neue Standards in Tumorforschung und Patientenbetreuung

Zum 40. Geburtstag erhielt das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg einen neuen wissenschaftlichen Kopf. Die nahe bevorstehende Realisierung eines Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen, an dem das DKFZ einer der maßgeblichen Beteiligten sein wird, wurde vorgestellt.

Drei der entscheidenden Köpfe, die für die Weichenstellung in der Krebsforschung der kommenden Jahre verantwortlich sein werden, kamen auf dem Festsymposium zum 40. Gründungstag des DKFZ Mitte November in Heidelberg zu Wort: Prof. O. D. Wiestler, der neue Wissenschaftliche Vorstand des Instituts, Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Forschung, und die Präsidentin der Deutschen Krebshilfe, Prof. Dagmar Schipanski. Sie können mit ihren Teams dafür sorgen, dass Deutschland erstmals eine ernsthaft patientennahe Tumorforschung erhält, welche sich in einer integrierten Patientenversorgung ausprägt und die in der Lage ist, unmittelbar die Erkenntnisse der Forschung an geeigneten Patienten zu erproben.

Eine Pforte für alle Patienten

Ein Missstand, der bislang in Deutschland die konkrete Versorgung von Krebspatienten belastet, beginnt nicht selten in der meist blinden Wahl der behandelnden Ärzte. Prof. M. W. Büchler, Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg, brachte es mit einem sarkastischen Satz auf den Punkt: „Das Schicksal eines Tumorpatienten wird in der Regel dadurch besiegelt, vor welcher Kliniktür der Taxifahrer ihn absetzt.” Mangels wirklicher Qualitätssicherung in den Kliniken, mangels Interdisziplinarität in der Festlegung des Diagnoseund Therapieweges und schließlich durch die verschiedensten ärztlichen Egoismen wird regelmäßig ein Teil der grundsätzlich vorhandenen Therapieoptionen vertan.

Das alles soll sich beim Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg (NCT), das Prof. Volker Diehl, vormals Ordinarius in Köln, als Gründungspräsident in Heidelberg aufbaut, gründlich ändern. Die direkte Verschränkung mit dem DKFZ ermöglicht dann eine bislang völlig ungewohnte Durchlässigkeit von Forschungsergebnissen zum Patienten hin, interdisziplinäre Teams werden für alle neu aufgenommenen Patienten gemeinsam das weitere Vorgehen entscheiden („eine Tür für alle Patienten”), und die Präsidentin der Deutschen Krebshilfe hat bereits angekündigt, ihre Förderung davon abhängig zu machen, dass sich in den geförderten interdisziplinären Institutionen ärztliche Egoismen in der konkreten Patienten-Versorgung nicht mehr auswirken. Der NCT wird nach dem Muster der Comprehensive Cancer Centers in den USA aufgebaut und soll als Vorbild für andere interdisziplinäre Krebszentren dienen, die sich mit den Forschungseinrichtungen vor Ort vernetzen.

Aus dem Planungsheft des DKFZ-Präsidenten

Prof. Wiestler geht es parallel zur Verschränkung des DKFZ mit dem neuen Klinischen Zentrum in Heidelberg um eine recht beachtliche Neuorientierung der Forschung in seinem Institut. Er sieht sich dazu berechtigt und gezwungen durch eine ganze Reihe von neuen Forschungsansätzen, die aus der Genforschung, der Immunologie und Zellbiologie – teilweise aus dem eigenen Hause – kommen. So wird Wiestler sein eigenes erfolgreiches Forschungsgebiet, die Neuro-Onkologie auch in Heidelberg etablieren. Als zentrale Tumorlokalisationen werden im DKFZ künftig das Pankreas, das ZNS und die Lunge Vorrang haben. Wiestler wird auch viel mit Stammzellen arbeiten – allerdings mit adulten. Sie sind in ihrer Struktur Tumorzellen außerordentlich nahe verwandt und bieten sehr gute Modelle für den Weg von einer normalen Zelle zur Tumorzelle (und zurück).  

Organisatorisch wird die Nachwuchsförderung sehr stark forciert werden, nachdem die Internationalität durch verschiedene Aufsichtsgremien bereits gut etabliert ist. Einer der wichtigsten Schritte hier ist die Abkehr vom Budgetdenken für die Institute des DKFZ hin zu erfolgsabhängig verlängerbaren Projektmitteln für Forschungsgruppen. Auch wird die Konkurrenz der Gruppen um die besten Ergebnisse und damit die meisten Gelder ganz bewusst angestoßen.

Schließlich soll – schon für die vorgesehene enge Kooperation mit der Klinik – das epidemiologische und präventive Denken alle Gruppen des Hauses befruchten.

Vorzeigeobjekt der Helmholtz-Gemeinschaft

Das DKFZ ist eingebettet in die Helmholtz- Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren e. V. Diese investiert jährlich in den Forschungsbereich Gesundheit 364 Millionen Euro (Abbildung 1). Für die Grundfinanzierung der Krebsforschung werden im laufenden Jahr 111 Millionen Euro aufgewendet. Hiervon verfügt das DKFZ über einen Löwenanteil von 83 Millionen Euro.  

Auch ist das DKFZ, wie der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Prof. W. Kröll, im Gespräch mit Nachwuchswissenschaftlerinnen des Instituts betonte, das Vorzeigeobjekt der Gemeinschaft.  

So erhält das DKFZ aus den Forschungstöpfen des Bundeslandes Baden-Württemberg und vom Bund doch erhebliche Finanzierungsmittel, die sich auch über die vergangenen Jahre kontinuierlich erhöhten – allerdings nicht mit dem Wachstum der Sachkosten mithalten konnten, wie Dr. J. Puchta als administrativ-kaufmännischer Vorstand des DKFZ auseinander setzte.

Auch aus diesem Blickwinkel wirkte es sehr beruhigend, dass die zuständige Ministerin für die Forschungsförderung durch die Bundesregierung,

Edelgard Bulmahn, nicht nur die Überzeugung artikulierte, mit dem DKFZ eine der besten Institutionen auf diesem Gebiet unterstützen zu können, sondern auch konkrete Zusagen für eine Erhöhung der Budgets machte. Einerseits sage der gerade im November inaugurierte Pakt für Forschung und Innovation der Bundesregierung jährliche Steigerungsraten der finanziellen Ausstattung zu – falls die jeweiligen Institutionen auch dem Reformbedarf in ihrem Hause Rechnung tragen. Außerdem sollen Kompetenznetzwerke, wie das Genomforschungsnetz, noch nachhaltiger gefördert werden. Von den bisherigen 17 Projekten beschäftigen sich drei mit der Onkologie und das DKFZ habe große Chancen, im Rahmen der Zusammenarbeit mit den Kliniken hier nochmals Fördergelder locker machen zu können. Auch wird die Bundesregierung aktiv dabei helfen, dass sich das Institut im Kampf um Europäische Fördermittel behaupten kann.

Fazit

Das DKFZ wird unter dem neuen Wissenschaftlichen Vorstand forcieren, was unter dem sehr erfolgreichen Vorgänger, Prof. H. zur Hausen, eingeleitet wurde: Praxisnähe der Forschungsprojekte, Nachwuchsförderung und Vernetzung mit den Klinischen Zentren vor Ort. So wird ein Schritt aus der feinen akademischen Isolation der Grundlagenforscher („Elfenbeinturm“) in die Niederungen der Patientenversorgung möglich, der sich fraglos schon bald in einer wachsen Zahl dankbarer Patienten niederschlagen wird, wie die Bundesministerin abschließend bemerkte.

Till Uwe Keil


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