Seltene Infektionserkrankungen der Mundhöhle

Ulzeröse Form der Aktinomykose im Bereich des Oberkiefers

Kasuistik

Eine 74-jährige Patientin wurde uns unter dem Verdacht eines malignen Tumors im Bereich des rechten Oberkiefers zur Abklärung und Weiterbehandlung überwiesen. Der enorale Aspekt zeigte in regio 16 ein etwa drei Zentimeter im Durchmesser großes, kraterförmiges Ulkus mit derbem, teilweise livide verfärbtem Schleimhautrand (Abb. 1). Im Zentrum des Ulkus lag der Alveolarfortsatzknochen frei und zeigte eine gelbliche und zerklüftete Oberfläche (Abb. 2). In der Nasennebenhöhlenaufnahme war eine vollständige, rechtsseitige Verschattung der Kieferhöhle erkennbar (Abb. 3), und das coronare CT zeigte, dass der knöcherne Kieferhöhlenboden destruiert war (Abb. 4). Unter dem Verdacht auf einen malignen Tumor im Bereich der rechten Kieferhöhle erfolgte zunächst die Entnahme einer Gewebeprobe aus dem Randbereich des Ulkus. Von pathologischer Seite wurde zunächst der Verdacht auf ein Plasmozytom geäußert und um weiteres Gewebe zur Festlegung der Diagnose gebeten. Bei der anschließenden Operation wurden die Knochensequester im Bereich des Kieferhöhlenbodens entfernt und reichlich Gewebe aus der rechten Kieferhöhle entnommen. Jetzt zeigte das histologische Bild eine schwere granulierende und ulzerierende Entzündung mit massenhaftem Auftreten von typischen Akinomycesdrusen (Abb. 5).

Diskussion

Die Aktinomykose ist eine eitrig einschmelzende und granulomatöse Infektionskrankheit mit überwiegend chronischem Verlauf [Gutwald, 2002; Neville et al., 2002]. Die Infektionserreger sind fakultativ pathogene, grampositive und anaerobe Fadenbakterien, die regelmäßig in der Mundhöhle vorkommen. Man findet Aktinomyzeten innerhalb der Mundhöhle besonders in Schlupfwinkeln, wie parodontalen Taschen, kariösen Defekten und auch periapikalen Entzündungsherden [Gutwald, 2002]. Das Eindringen der Aktinomyzeten in das Gewebe wird durch Schleimhautverletzungen wie bei Prothesendruckulzera, Traumata und Operationen ermöglicht, wobei die fast immer vorhandenen pathogenen Begleitkeime die Invasionskraft der Aktinomyzeten in das Gewebe erhöhen [Neville et al., 2002]. Das klinische Bild der Aktinomykose ist in der Regel durch eine brettharte, livide Induration des betroffenen Hautabschnittes   

mit teilweise eitrig-rezidivierender Fistelbildung gekennzeichnet [Neville et al., 2002]. Eine Aktinomykose des Knochens ist selten und betrifft hierbei vorwiegend den Unterkiefer. Wie der vorliegende Fall aber zeigt, kann auch der Oberkiefer befallen sein. Bei diesem besonderen Fall wird deutlich, dass die häufig unspezifische Symptomatik der Aktinomykose klinisch auch mit einem malignen Tumorgeschehen verwechselt werden kann [Alamillos-Granados et al., 2000; Lang-Roth et al., 1998]. Mehrere klinische Zeichen, wie die tiefe Schleimhautulzeration, die Destruktion des Oberkieferknochens und die einseitige totale Verschattung der Kieferhöhle ohne erkennbare dentogene Ursache ließen im vorliegenden Fall zunächst direkt an ein Kieferhöhlenkarzinom denken. Letztlich kann die richtige diagnostische Einordnung dieses vielgestaltigen Krankheitsbildes erst durch den charakteristischen histologischen Befund mit den typischen Aktinomycesdrusen sowie durch den kulturellen Nachweis der Aktinomyzeten erfolgen.  

Das histologische Bild (Abb.5) wurde uns
freundlicherweise von Dr. Matthias Woenckhaus,
Institut für Pathologie der Uni Regensburg,
zur Verfügung gestellt.

Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und
Gesichtschirurgie
Klinikum der Universität Regensburg
Franz-Josef-Strauß-Allee 11
93053 Regensburg

PD Dr. Dr. Martin Kunkel
Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
Johannes Gutenberg-Universität
Augustusplatz 2, 55131 Mainz

Fazit für die Praxis

• Das klinische Bild einer ulzerösen Verlaufsform der Aktinomykose kann einen malignen Tumor imitieren.

• Innerhalb der Mundhöhle können Schleimhautverletzungen (Prothesendruckulzera, operative Eingriffe und mehr) zur Einwanderung der Aktinomyzeten in das Weichgewebe und auch den Knochen führen.



 

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