Editorial

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Liebe Leserinnen und Leser,

die Debatte um die Überalterung unserer Gesellschaft zeugt manches Mal von schlechter Erziehung, oft von unglaublicher Kurzsichtigkeit. Da machen die 30-Jährigen den 80-Jährigen das Anrecht auf künstliche Hüftgelenke und Zahnprothesen streitig. Begründet wird so etwas mit Problemen auf Basis demographischer Prognosen, die weit in das noch taufrische 21. Jahrhundert reichen. Vorausgesetzt wird dabei immer die Fortschreibung der derzeitigen Sozialsysteme.

Aber diese ganz besondere Form der Menschenverachtung, anderen medizinische Möglichkeiten mit Hinweis auf ihr Alter zu versagen, wird erst richtig pikant, wenn man dabei den langen Zeithorizont betrachtet: Die heute so hartherzigen 30-Jährigen sind die 80-Jährigen des Jahres 2050. Die Stürmer und Dränger reden letztlich über ihre eigene medizinische Versorgung im Alter. Absurd!

Wer sich das bewusst macht, der wird schnell anders über die Alten von morgen, bei entsprechend abstrahierendem Denkvermögen letztlich auch über die Alten von heute denken. Und er wird sich andere, humane Wege suchen, um das Problem der Überalterung unserer Gesellschaft in den Griff zu bekommen.

Sicher ist, dass die Rezepturen der heutigen Sozialsysteme für diese Zukunft nicht gebaut sind. Und es bedarf mutiger, aber menschlicher Entscheidungen, die Gesellschaft so umzustrukturieren, dass alle miteinander auskommen.

Denn darauf werden wir immer mehr angewiesen sein.

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur