Repetitorium

Der grippale Infekt

Christine Vetter

In der nasskalten Jahreszeit erwischen Erkältungsviren nahezu jeden zweiten Menschen: Meist beginnt es mit Halsschmerzen und Schnupfen, ehe sich schließlich ein voller grippaler Infekt entwickelt. Dieser ist, anders als die Influenza, also die echte Grippe, aus gesundheitlicher Sicht meist nicht bedrohlich, aber für die Betroffenen äußerst lästig und zudem auch volkswirtschaftlich problematisch.

Erkältungen gehören zu den häufigsten Krankheiten des Menschen. So wird in Deutschland mit jährlich rund 200 Millionen Erkältungsfällen gerechnet, eine riesige Zahl, die die volkswirtschaftliche Bedeutung dieser Virusinfektion verdeutlicht. Zwar müssen die meisten Betroffenen nicht unbedingt das Bett hüten, eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit über mehrere Tage und damit ein gewisser Produktivitätsausfall ist bei der Erkältung jedoch die Regel.

Außerdem bedingt der grippale Infekt jährlich mehr als eine Milliarde Euro Behandlungskosten (Arztbesuche, Arzneimittelkosten). Bei den Fehltagen am Arbeitsplatz gehen den Schätzungen zufolge rund drei Prozent auf das Konto von Erkältungen.

Selbst bei ansonsten guter Gesundheit und intaktem Immunsystem muss jeder Erwachsene damit rechnen, zwei bis sogar dreimal pro Jahr unter Husten, Schnupfen und Heiserkeit zu leiden. Kinder sind ungleich häufiger betroffen, bei ihnen gelten sechs bis sogar zehn Erkältungen pro Jahr als normal. Häufiger als Männer erkranken Frauen, was auf den üblicherweise engeren Kontakt zu den häufig erkälteten Kindern zurückgeführt wird. Mit zunehmendem Alter nimmt die Erkältungshäufigkeit dann jedoch ab. Jenseits des 60sten Lebensjahres kommt es normalerweise nur noch zu einem grippalen Infekt pro Jahr.

Wie gravierend das Problem des grippalen Infektes aber tatsächlich ist, macht die umgekehrte Betrachtungsweise deutlich: So hat ein 75-Jähriger im Verlaufe seines Lebens rund 200 Erkältungen hinter sich gebracht. Bei einer durchschnittlichen Krankheitsdauer von fünf bis sechs Tagen entspricht das zusammen gerechnet einer Erkältungszeit von gut zwei bis drei Jahren!

Der Verlauf der Infektion ist keineswegs immer gleich, es können einzelne Symptome wie Husten oder Schnupfen im Vordergrund stehen.

Meist aber kommt es nach einer Latenzzeit von zwei bis drei Tagen zunächst zu Halsschmerzen gefolgt von Schnupfen sowie Kopf- und Gliederschmerzen und einem trockenen Reizhusten, der schließlich in einen festsitzenden Husten übergeht. Nicht immer werden alle Stadien durchlaufen, gelegentlich fehlen die Halsschmerzen, und es kann auch sein, dass Schnupfen und Husten praktisch gleichzeitig miteinander auftreten.

Rund 200 verschiedene Erkältungsviren

Hervorgerufen wird der grippale Infekt durch Viren, die in die Atemwege eindringen. Es kann sich dabei um Rhinoviren, Rheoviren, Adenoviren, Coronaviren, um Parainfluenzaviren, Enteroviren und die Respiratory Syncytial-, kurz die RS-Viren, sowie viele weitere Virenarten handeln. Insgesamt kommen mehr als 200 verschiedenen Viren als Auslöser der Symptome in Frage.

Haupterreger sind nach derzeitiger Kenntnis die Rhinoviren, die 1956 erstmals beschrieben wurden und von denen bisher mehr als 100 Serotypen bekannt sind. Sie werden als typische Tröpfcheninfektion beim Husten oder Niesen von einem Menschen auf den anderen übertragen, können aber auch durch den Kontakt mit kontaminierten Oberflächen, beispielsweise einer Türklinke, auf einen anderen Menschen übergehen.

Das verdeutlicht bereits, dass man sich dem Angriff der Viren im Falle einer Erkältungswelle kaum wirkungsvoll entziehen kann. Zwar lässt sich die Infektionsgefahr durch Zurückhaltung beim Handgeben sowie durch Händewaschen in gewissem Maße minimieren und die Virusdichte in der Luft kann durch regelmäßiges Lüften in den Räumen verringert werden, es bleibt allerdings das Problem, dass man in Bus und Bahn sowie in Schulen, Behörden oder am Arbeitsplatz dem Angriff der Erkältungsviren weitgehend schutzlos ausgesetzt ist. Denn jeder Mensch atmet Tag für Tag rund 10 000 Liter Luft ein. In diesen sind zahllose Krankheitserreger enthalten, so dass die oberen Atemwege per se einem ständigen Bombardement mit Keimen ausgesetzt sind.

Beginn der Infektion

Sobald die Viren in die Atemwege gelangen, sind sie bemüht, sich an Oberflächenproteinen der Schleimhaut anzuheften, also anzudocken.

Dies ist der erste Schritt der Infektion, wobei ein besonderes Oberflächenprotein, das Adhäsionsmolekül ICAM-1 (Inter Cellular Adhesions Molecule), bei Erkältungsviren eine besondere Rolle spielt. Es wird deshalb intensiv in den pharmazeutischen Labors nach Verbindungen gesucht, mit denen sich ICAM-1 blockieren und der erste Schritt der Infektion inhibieren lässt.

Gefördert wird das Andocken zum Beispiel durch eine verminderte Schleimhautdurchblutung, eine Funktionsstörung im Bereich der Flimmerhärchen oder auch durch Kälteeinwirkung und dadurch bedingt wiederum eine Minderdurchblutung der Schleimhaut, was das häufige Vorkommen der Infektion bei nasskalter Witterung erklärt.

Nach dem Andocken dringt das Virus in die Schleimhautzellen ein und vermehrt sich dort, was wiederum Abwehrreaktionen des Organismus zur Folge hat. Es kommt zur Invasion von Abwehrzellen und speziell Makrophagen am Infektionsort und zur Freisetzung von Entzündungsmediatoren, wie Bradykinin, Histamin, Leukotrien und Prostaglandin. Sie führen zu lokalen Entzündungsreaktionen, die der Virusabwehr dienen. Meist verläuft diese Abwehrreaktion unbemerkt und hat innerhalb kurzer Zeit die Eliminierung des Virus zur Folge. Die Erkältung bleibt in solchen Fällen subklinisch und wird vom Betroffenen nicht oder kaum bemerkt.

Andererseits sind ausgeprägte Abwehrreaktionen ihrerseits für die Entwicklung der typischen Symptome eines grippalen Infektes vom Schnupfen bis hin zum Husten verantwortlich. Vom Andocken des Virus bis zur Ausbildung dieser Symptome vergehen im Normalfall rund 48 bis 72 Stunden.

Wenngleich die Erkältung in aller Regel folgenlos ausheilt, sollte sie dennoch nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Es können durchaus Komplikationen auftreten. So kann es zu einer bakteriellen Superinfektion kommen, was sich meist durch eine gelblichgrüne Sekretion der entzündeten Schleimhaut und gegebenenfalls auch durch Fieber zeigt. Es kann sich außerdem eine akute Otitis media entwickeln, eine akute Sinusitis sowie eine akute Tonsillitis und eine Pneumonie. Auch ist, wenngleich selten, eine Myokarditis mit Herzrhythmusstörungen, Kurzatmigkeit und rascher Ermüdbarkeit möglich.

Halsschmerzen, Schnupfen und Husten

Bei den Symptomen stehen typischerweise zunächst Schluckbeschwerden, ein kratzender Hals sowie regelrechte Halsschmerzen im Vordergrund. Gleichzeitig entwickeln sich meist Kopf- und Gliederschmerzen, oft gepaart mit einem ausgeprägten Frösteln. Der Erkrankte fühlt sich matt und abgeschlagen, seine Leistungsfähigkeit ist deutlich eingeschränkt.

Die Nase beginnt zu kribbeln und zu jucken, der Betroffene muss niesen und es kommt zur vermehrten Bildung eines zunächst wässrigen, später eher schleimigen Sekretes. Die Nasenschleimhaut ist gerötet, schwillt an und kann die Nase regelrecht verstopfen, die nasale Atmung verlegen und zu einer nasalen Sprache führen. Nur selten entwickelt sich beim Erwachsenen Fieber im Rahmen eines grippalen Infektes. Das ist bei Kindern anders: Bei ihnen schnellt auch bei der Erkältung das Fieberthermometer oftmals deutlich nach oben. Mit dem ersten Abklingen des Schnupfens tritt meist ein trockener Reizhusten auf, der allmählich in einen festsitzenden schleimigen Husten übergeht.

Behandlung der Erkältung

Ohne Behandlung dauert eine Erkältung sieben Tage, mit Behandlung eine Woche – so beschreibt der Volksmund die Tatsache, dass eine ursächliche Therapie des grippalen Infektes bislang nicht möglich ist. Das aber bedeutet keineswegs, dass man der Symptomatik hilflos ausgeliefert wäre. So gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, gezielt die während der einzelnen Krankheitsphasen vorherrschenden Beschwerden wirkungsvoll zu bessern. Die meisten eingesetzten Wirkstoffe sind dabei rezeptfrei im Rahmen der Selbstmedikation in den Apotheken erhältlich.

Bekämpfbar: Kopfund Gliederschmerzen

Ein besonderes Problem im Zusammenhang mit einer beginnenden Erkältung sind Kopf- und Gliederschmerzen, wenn sie mit einem starken Gefühl der Abgeschlagenheit, der Mattigkeit und dem Eindruck, sich wie zerschlagen zu fühlen, verbunden sind. Die Beschwerden gehen direkt auf die gebildeten Schmerz- und Entzündungsmediatoren, wie Prostaglandine und auch Zytokine, zurück und stellen für die Erkrankten eine erhebliche Beeinträchtigung dar. Lindern lässt sich die Symptomatik durch die Einnahme Schmerz lindernder und Fieber senkender Arzneimittel, wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen und Paracetamol.

Wer unter der beschriebenen Symptomatik leidet, sollte körperliche Anstrengungen vermeiden und sich statt dessen ein entspannendes Vollbad gönnen. Das tut der Muskulatur gut, ist allerdings nicht empfehlenswert, wenn zugleich Fieber besteht. Dann sollte eher auf die bewährten Wadenwickel zurückgegriffen werden.

Wirksam gegen den Schnupfen

Steht der Schnupfen im Vordergrund der Symptomatik, so geht es zunächst darum, die Drainage sowie die Ventilation der Nasennebenhöhlen wieder herzustellen. Behandelt wird mit Alpha-Sympathikomimetika, wie Ephedrin und Pseudoephedrin, welche eine vasokonstriktorische Wirkung entfalten und über diesen Weg eine Abschwellung der Nasenschleimhaut bewirken. Die Wirkstoffe werden meist in Kombination mit anderen Substanzen, beispielsweise mit Schmerz lindernden Mitteln wie Acetylsalicylsäure, eingesetzt, was wegen der überlappenden Symptomatik von Schnupfen sowie Kopf- und Gliederschmerzen in doppeltem Sinne hilfreich sein kann. Außerdem kann durch Nasensprays unterstützend eine Abschwellung der Nasenschleimhaut bewirkt werden, wobei sich der Einsatz von Präparaten mit dem hautschützenden Zusatz Dexpanthenol bewährt haben. Auch Nasenspülungen mit Kochsalz sind therapeutisch und vorbeugend bei Erkältungen wirksam. Sie benetzen die trockene Nasenschleimhaut und fördern deren Regeneration. Es kommen darüber hinaus auch pflanzliche Präparate, die ätherische Öle enthalten, etwa Campher, Menthol und Eukalyptus, zum Einsatz, um die Nasenatmung zu erleichtern. Sehr sinnvoll ist die tägliche Nasendusche mit einer Salzlösung, die die physiologischen Gegebenheiten in den Nasengängen wieder herstellt und einfach „Überflüssiges“ ausschwemmt. Sollten die Nasenschleimhäute sehr verschwollen sein, so ist zunächst die Verwendung eines Nasensprays anzuraten und die Nasendusche erst nach dem Abschwellen (etwa 15 Minuten) anzuwenden. Dann ist die Spülung effizienter.

Halsschmerzen betäuben

Sind hingegen Halsschmerzen das Leitsymptom, so wird bevorzugt mit Lutschtabletten behandelt, die das schmerzlindernde Ambroxol oder Lokalanästhetika wie Lidocain oder Benzocain enthalten. Die Wirkstoffe betäubend den Schmerz, greifen aber in das Entzündungsgeschehen nicht ein und verhindern auch nicht die bakterielle Besiedlung des Rachenraumes. Es wird deshalb zusätzlich meist empfohlen, ein entzündungshemmendes Präparat auf der Basis von Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen einzunehmen. Hilfreich sind außerdem Gurgellösungen, die Antiseptika enthalten und damit direkt gegen die Bakterieninvasion gerichtet sind.

Bei den allgemeinen Maßnahmen empfiehlt es sich, bei Halsschmerzen viel zu trinken, um die Schleimhäute adäquat befeuchtet zu halten sowie den Hals durch einen Schal warm zu halten, um eine optimale Durchblutung zu gewährleisten und den eindringenden Keimen möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.

Den Husten symptomgerecht angehen

Eine besondere Belastung ist für viele Betroffene der meist beim Abklingen des Schnupfens einsetzende Husten. Er wird vor allem in den ersten Tagen als quälend empfunden, da es sich dann meist um einen trockenen Reizhusten handelt. Die Beschwerden verstärken sich nachts beim Liegen, was wiederum zur Folge hat, das die Nachtruhe durch das wiederholte Husten gestört wird und der Betroffene sich damit tagsüber durch den fehlenden Schlaf zusätzlich beeinträchtigt fühlt. In dieser Zeitspanne kann mit den Substanzen behandelt werden, die durch eine Blockade des Hustenzentrums im Gehirn den Hustenreiz unterdrücken. Diese Antitussiva sollten allerdings nur maximal eine Woche lang eingenommen werden.

Geht der Reizhusten dann in die nächste Phase, den so genannten produktiven Husten über, so sollte der Hustenreiz keineswegs länger unterdrückt werden, da sonst sogar ein Schleimstau droht. Das Abhusten von Schleim ist zudem wichtig, um die Atemwege zu reinigen und sollte nicht medikamentös gehemmt, sondern eher durch Schleim lösende Wirkstoffe (Expektoranzien wie Ambroxol, Bromhexin, Acetylcystein) noch gefördert werden.

Es empfiehlt sich außerdem, in dieser Phase Heißgetränke zu sich zu nehmen und generell viel Flüssigkeit zu trinken, um auch über diesen Weg einen schleimlösenden Effekt zu vermitteln. Ebenso wie beim Schnupfen die Atmung durch Phytopharmaka erleichtert werden kann, so ist das auch beim Husten der Fall, wobei bevorzugt Kamille, Thymian, Eukalyptus, Salbei und Pfefferminze eingesetzt werden, sei es als Tees, zur Inhalation oder in einem Erkältungsbad. Auch Huflattichtee (Tussilago farfara L.) begünstigt die Schleimbildung und damit den Abtransport der unliebsamen Keime.

Vorsicht bei der echten Influenza

Wenngleich der grippale Infekt in aller Regel komplikationslos ausheilt, ist beim Auftreten typischer Symptome doch Vorsicht geboten. Es muss vor allem an die Möglichkeit einer echten Virusgrippe, der so genannten Influenza gedacht werden. Hierbei handelt es sich keineswegs um eine banale Infektion, sondern um eine schwerwiegende Erkrankung, die auch unabhängig von großen Epidemien und sogar Pandemien Jahr für Jahr viele Menschen das Leben kostet.

Für eine Virusgrippe, die stets durch Influenza-Viren bedingt ist, spricht ein abrupter Krankheitsbeginn mit rasch ausgeprägter Symptomatik und starkem Krankheitsgefühl der Betroffenen. Es kommt in aller Regel zu akutem Fieber mit hohen Temperaturen und zu erheblichen Atembeschwerden. Typisch sind außerdem starke Kopf-, Glieder- und Muskelschmerzen, ein ausgeprägtes Schwächegefühl und eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit, die meist mit einer Arbeitsunfähigkeit verbunden ist.

Wirksam behandeln lässt sich die Virusgrippe durch Neuraminidasehemmer, Wirkstoffe, die vom Arzt verordnet werden müssen. Sie inhibieren das Enzym Neuraminidase, das die Influenzaviren benötigen, um sich aus der Wirtszelle auszuschleusen und weitere Zellen zu infizieren.

Die Behandlung ersetzt allerdings nicht die Grippeschutzimpfung bei gefährdeten Personen. Andererseits ist eine vergleichbare Therapiemöglichkeit beim durch Erkältungsviren verursachten grippalen Infekt nicht gegeben. Eine verschleppte Virusgrippe kann in eine Pneumonie übergehen sowie im schweren Fall zur Herzinnenwandentzündung (Myocarditis) führen. Körperliche Anstrengung sollte unbedingt unterbleiben.

Die Autorin der Rubrik „Repetitorium“
ist gerne bereit, Fragen zu ihren Beiträgen
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Christine Vetter
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