Urologie

Hilfe, wenn die Blase überaktiv reagiert

Ein plötzlich auftretender zwingender Harndrang, bei dem der Betroffene es kaum noch schafft, die nächste Toilette trocken zu erreichen, gepaart mit der sehr häufigen Notwendigkeit, am Tage wie auch in der Nacht Wasser zu lassen: Das sind die wesentlichen Symptome einer überaktiven Blase, also einer Detrusorhyperaktivität. Sie machen den Betroffenen das Leben schwer. Ein neuer Wirkstoff verspricht Hilfe.

„Patienten, die unter einer überaktiven Blase leiden, sind in ihrem Alltag erheblich beeinträchtigt“, bekräftigt die Urologin Dr. Daniela Marschall-Kehrel aus Oberursel. Denn bei den Betroffenen dreht sich zunehmend alles um die Frage, wie und wo die nächste Toilette zu erreichen ist. Aus Furcht vor dem imperativen Harndrang und der fast unausweichlichen Harninkontinenz, die sehr häufig bei der überaktiven Blase auftritt, vermeiden sie zunehmend Aktivitäten und richten ihr Leben völlig daran aus, wo sie eine Toilette aufsuchen können. „Betroffene Frauen erklären zum Beispiel, dass sie nur noch in Geschäften einkaufen können, von denen aus sie rasch eine Toilette erreichen“, berichtete die Urologin bei einem Pressegespräch in Berlin.

Probleme am Arbeitsplatz und auch in der Familie sind die Folge, was wiederum dazu führt, dass die Betroffenen sich zunehmend sozial zurückziehen. Treten regelmäßig auch Harnverluste auf, kommt es zu zusätzlichen Schwierigkeiten: „Die Patienten müssen sich mit entsprechender Kleidung und mit Hygieneprodukten versorgen und rund 25 Prozent der Frauen mit Harninkontinenz geben spontan Sexualstörungen an, wobei noch von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen ist“, so Marschall-Kehrel. Es kommt infolge der Störung schließlich zu einem reduzierten Selbstbewusstsein und zu einer erhöhten Neigung zu Depressionen. Oft besteht zusätzlich ein erhöhtes Unfallrisiko, weil durch das häufige Wasserlassen die Nachtruhe gestört ist und der fehlende Schlaf sich durch Konzentrationsstörungen und eine nachlassende Leistungsfähigkeit bemerkbar macht.

Trotz der enormen Belastungen durch die Erkrankung, wird diese nach Marschall-Kehrel aber nicht ernst genommen. Eine effektive Behandlung erfahren die wenigsten Betroffenen, was nach Angaben der Mediziner schon daran liegt, dass viele von ihnen sich aus falscher Scham oder aus Furcht vor einer eventuell notwendigen Operation gar nicht beim Arzt vorstellen.

Medikamentöse Hilfe

Ein weiterer Grund für die noch deutlich vorherrschende Untertherapie ist nach Professor Dr. Theodor Klotz aus Weiden die Tatsache, dass die bisher eingesetzten Medikamente nicht unerhebliche Nebenwirkungen verursachen. Mittel der Wahl sind nach Klotz die Anticholinergika, die jedoch Muskarin-Rezeptoren in allen Organen dämpfen und fast schon regelhaft zu Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, verschwommenem Sehen und Obstipation führen. „Von vielen Patienten werden diese Nebenwirkungen aber nicht toleriert“, betonte der Pharmakologe.

Hilfe verspricht nun der neue Wirkstoff Darifenacin, der selektiv die zur Hauptsache in der Blase lokalisierten Muskarin 3-Rezeptoren hemmt. Der Wirkstoff wurde in 98 klinischen Studien bei mehr als 10 000 Patienten geprüft, wobei sich nach Klotz eine gute klinische Wirksamkeit bei zugleich guter Verträglichkeit ergab. Konkret bewirkte Darifenacin in den Studien eine Senkung der Miktionsfrequenz um 20 bis 25 Prozent und, was für die Patienten noch bedeutsamer ist, einen Rückgang der wöchentlichen Inkontinenzepisoden um bis zu 77 Prozent. „Bei einem Viertel der Patienten geht die Inkontinenz sogar um 90 Prozent zurück“, berichtet Klotz. Gleichzeitig bessert sich nach seinen Worten die Nykturie, was wiederum zur Folge hat, dass die Patienten ausgeruhter sind und damit tagsüber auch wieder leistungsfähiger. Insgesamt ist unter der Therapie nach Klotz eine signifikante Besserung der Lebensqualität zu beobachten.

Dabei wurde Darfenacin gut vertragen, die Nebenwirkungen waren nur milde bis moderat und führen in der Regel nicht zum Therapieabbruch, wie der Mediziner erläuterte. Vor allem Mundtrockenheit und Sehstörungen waren deutlich geringer ausgeprägt als unter anderen anticholinerg wirksamen Substanzen.

Übrigens ist die überaktive Blase keineswegs ein seltenes Phänomen, wie in Berlin Dr. Christian Hampel aus Mainz darlegte. Rund 16 Prozent der Bevölkerung sind nach seinen Worten betroffen, und zwar Männer und Frauen gleichermaßen.

Ideal wäre der Referentin nach eine Frühtherapie der Detrusorhyperaktivität. Denn, wenn ein unfreiwilliger Harnverlust bereits zur Regel geworden ist, lässt sich die Erkrankung nicht mehr völlig heilen, sondern nur noch die Symptomatik lindern. Bei der frühzeitigen Behandlung jedoch kann oftmals durch eine nur vorübergehende medikamentöse Therapie die Blasenfunktion wieder stabilisiert werden, so äußerte sich die Wissenschaftlerin.

Christine Vetter
Merkenicherstraße 224
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