Karl-Häupl-Kongress 2005

Parodontitis und kardiovaskuläre Erkrankungen

Beim diesjährigen Karl-Häupl-Kongress Anfang März stand die allgemeine Gesundheit auf dem Programm. Denn die Frühdiagnose und Therapie einer Parodontitis könnte für bestimmte Patienten Leben bedeuten. Über 1 200 Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie ihr Personal informierten sich in der „gute Stube zu Köln“, dem Gürzenich.

Bei der Mundhygiene geht es nicht nur um Zähne und Attraktivität, sondern auch um Wohlbefinden und Gesundheit, wie der Kammerpräsident, Dr. Peter Engel (siehe Foto), in seiner Eröffnungsrede deutlich machte. Bekanntlich ist eine unzureichende Mundhygiene nicht nur für die Zähne gefährlich, sie kann auch verantwortlich sein für schwere Beeinträchtigungen der körperlichen Gesundheit, wie Lungenentzündung, Herz- und Kreislauferkrankungen, untergewichtige Frühgeburten und einige andere, systemische Erkrankungen, wie Diabetes, so legte es Prof. Dr. Ulrich P. Saxer, Zürich, in seinem Eingangsreferat dar. Er zog den anschaulichen Vergleich, dass die gesamte entzündete Fläche bei einer chronischen Parodontitis die Größe einer Männerhand aufweisen kann. Über diese „offene“ Barriere können bakterielle Keime und Botenstoffe in den Blutkreislauf gelangen, diese Bakteriämie kann dann den gesamten Organismus überschwemmen. Während der letzten Jahrzehnte hat eine Anzahl von Studien die oben erwähnte Vermutung erhärtet, dass mehrere, unter anderem auch odontogene, Bakterienarten als kausale Faktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen gelten.

Unter „kardiovaskulärer Erkrankung“ versteht man eine Gruppe verschiedener krankhafter Erscheinungen des Herz-Kreislaufsystems, die fast ausschließlich bei Erwachsenen auftreten und wie auch die Parodontitis zu den Haupterkrankungen der industrialisierten Länger zählen. Beide haben ein wichtiges gemeinsames klinisches Problem: Keine der beiden Krankheiten beinhaltet genau definierte Kriterien. Tatsächlich gibt es eine Zunahme in der Entwicklung unbedeutender, unklarer Anzeichen bis hin zu offensichtlichen, unwiderruflichen klinischen Beschwerden beider Erkrankungen.

So umfasst die Ätiologie von Arteriosklerose eine große Anzahl von Faktoren, welche Herzinfarkte und Hirnschläge zur Folge haben können. Es wird offensichtlich, dass die Maßstäbe der traditionellen Risikofaktoren, wie Übergewicht, erhöhter Blutdruck, niedriger sozioökonomischer Status, C-reaktives Protein (ein unspezifischer Entzündungsindikator (CRP)), nur teilweise eine Voraussage ermöglichen und Risiko-Patienten identifizieren, so der Referent in Köln. Die erst kürzlich publizierten Untersuchungen der amerikanischen Gesundheitsbehörden über die NHANES III (National Health & Nutrition Examination Survey) und andere epidemiologische Studien zeigten einen signifikanten Zusammenhang zwischen Parodontitis und tödlichen koronaren Herzkrankheiten, so demonstrierten es die Referenten. Bemerkenswert war, dass nahezu alle klinischen Studien die Möglichkeit aufzeigten, mittels Orthopantomogramm (OPG) eine Verkalkung in der Karotisarterie festzustellen. Bei der herkömmlichen, gesamtheitlichen, klinischen Untersuchung der ganzen Mundhöhle konnte beobachtet werden, dass zunehmende karotische Kalkablagerungen auf den Röntgenbildern vorhanden waren. Alle Probanden wurden im Voraus informiert und angewiesen, sich einer medizinischen Untersuchung zu unterziehen. Dieses sollte Routine werden, forderte Saxer.

Karotisplaque im OPG

Andere Studienergebnisse zeigten, dass Probanden, die Herzprobleme in ihrer Vorgeschichte hatten, eine deutlich höhere Anzahl von Zahnfleischtaschen mit Sondierungstiefen von sechs Millimetern oder mehr aufwiesen. Diese Feststellung basierte auf der Anzahl Stellen, an welchen ein Alveolarknochenverlust von mehr als 30 Prozent bestand. Bei diesen Probanden war festzustellen, dass zehn von 14 einen Herzund/ oder Hirninfarkt überstanden hatten. Kardiologen sollten demnach dem parodontalen Zustand ihrer Patienten Achtung schenken und dies nutzen, um die parodontale Situation als Teil eines Risikofaktors zu betrachten.

Der systemische Einfluss und das Risiko einer Bakteriämie sollten bei einer Parodontalbehandlung eines Patienten mit Infarktund Schlaganfall-Risiko aufgrund all dieser Erkenntnisse nicht außer Acht gelassen werden. Die Behandlung ist mit Vorsichtsmaßnahmen und nach Rücksprache des behandelnden Kardiologen auszuführen.

Das wäre zu tun:

1. Zahnärzte haben ihr medizinisches Wissen speziell auf dem Gebiet der kardiovaskulären Krankheiten dem neuesten Stand der Wissenschaft anzupassen.

2. Überweisungsprozedere an Kardiologen und Internisten einführen.

3. Orthopantomogramme sollten als Standard-Diagnosemethode dienen.

4. Erwachsene Patienten mit schwererer chronischer Parodontitis und dem Risiko von Herzerkrankung vor der zahnärztlichen Therapie an den Kardiologen überweisen

(Bemerkung: Der Zahnarzt kann oder sollte keine definitive medizinische Diagnose stellen!)

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