Schmerzen beim Kauen (Kiefer-Claudicatio)

Arteriitis temporalis als seltene Ursache für Gesichtsschmerz

Eine 95-jährige Patientin stellte sich mit akuten frontotemporalen Schmerzen in der Poliklinik vor. Sie berichtete, dass sie seit etwa sechs Wochen unter zunehmenden Schmerzen (Kiefer-Claudicatio) beim längeren Kauen im Bereich der Kaumuskulatur leide, die durch Schmerzmittel nicht zu unterbrechen seien. Die Schmerzen führten mit der Zeit zu Stirn- und besonders zu beidseitigen Schläfenkopfschmerzen sowie Migräneanfällen. Gleichzeitig sei eine Überempfindlichkeit der Kopfhaut aufgetreten, die das Kämmen sehr unangenehm mache. Die Patientin führte ihre Beschwerden auf die „wackelnde Prothese“ zurück, die vor zirka 35 Jahren angefertigt worden war.

Bei Vorstellung war die Patientin in einem altersentsprechenden Allgemeinzustand. Die enoralen Schleimhäute zeigten eine normale Farbe und Feuchte. Die Palpation der Weichgewebe und der Kaumuskulatur ergab keine Resistenzen und keinen Druckschmerz. Aus den Ausführungsgängen der Glandulae parotis und der Glandulae submandibularis entleerte sich klares Sekret. Die Zunge zeigte eine normale Beweglichkeit und einen unauffälligen Palpationsbefund.

Es lag ein stark atropher zahnloser Kieferkamm mit deutlich progener Bisslage vor, die auf die insuffiziente Vollprothese im Ober- und Unterkiefer zurückzuführen war. Eine physiologische Okklusion war von der Patientin nicht einzunehmen.

Bei der weiteren klinischen Untersuchung fiel eine leicht hervortretende und etwas härter zu tastende Schläfenarterie beidseitig auf (Abb. 1).

Die im Anschluss durchgeführte Probebiopsie (Abb. 2) aus der rechten A. temporalis bestätigte den Verdacht auf das Vorliegen einer Arteriitis temporalis (Morbus Horton, Abb. 3).

Eine sofort begonnene Cortisonbehandlung führte innerhalb weniger Tage zum völligen Verschwinden der Beschwerden.

Diskussion

Die Arteriitis temporalis (Morbus Horton) oder Riesenzellarteriitis ist eine systemische Vaskulitis mit einer besonderen Affinität zur A. carotis externa und ihren Ästen und zu den Arterien der Augenhöhlen.

Bei einer Prävalenz von 15 bis 30/100 000 sind fast immer Patienten über 50 Jahre betroffen. Im Durchschnitt liegt der Krankheitsbeginn um 70 Jahre. Die Arteriitis temporalis ist bei Frauen deutlich häufiger (F:M = 3:1) [Neurologie 2002]. Neurologische Komplikationen können sowohl das zentrale wie auch das periphere Nervensystem betreffen [Caselli, Hunder et al. 1988]. Viele Aspekte der Erkrankung inklusive ihre Ätiologie sind unbekannt [Kaiser 2002]. Aktueller diagnostischer Goldstandard bei der Arteriitis temporalis sind die Konsensuskriterien des American College of Rheumatology von 1990, die aufgrund einer systematischen Untersuchung [Hunder, Bloch et al. 1990] an 214 Patienten mit Arteriitis temporalis erarbeitet wurden und in der klinischen Praxis eine besonders hohe diagnostische Sensitivität ergeben.

Der Verdacht auf eine Riesenzellarteriitis ergibt sich aus den typischen Beschwerden (Kopfschmerz, Sehstörungen, auffällige Temporalarterie). Mehr als 70 Prozent der Patienten klagen über Kopfschmerzen als erstes Symptom, die neu auftreten und von bohrend-stechender Qualität sind. Häufig werden einseitige, frontotemporale Kopf-, oder Gesichtsschmerzen von starker Intensität geschildert, die sich beim Kauen verstärken können. Die Mangeldurchblutung der Kaumuskulatur führt zu einer Claudicatio masticatoria (30 Prozent), welche ein sensitives Zeichen für die Arteriitis cranialis darstellt [Neurologie 2002].

Eine Augenbeteiligung wird in zirka 30 Prozent der Fälle beobachtet und führt häufig zum Visusverlust durch eine anteriore ischämische Optikusneuropathie (AION) oder einen Zentralarterienverschluss (ZAV), die zur Erblindung führen können. Der Befall der Augenmuskulatur führt zu Augenbewegungsschmerz, Doppelbildern und Ptose.

Wichtigster diagnostischer Schritt ist die Biopsie der Arteria temporalis mit dem histologischen Nachweis einer Riesenzellarteriitis [Pfadenhauer and Weber 2003].

Bei einer Ultraschalluntersuchung (Farbduplex-Sonographie) der Arteria temporalis können Hinweise auf eine Verengung und Veränderungen der Gefäßwand gewonnen werden.

Die Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) und das C-reaktive Protein (CRP) sind bei der Arteriitis temporalis stark erhöht. Zusätzlich ist eine Leukozytose mit Anämie nachweisbar.

Behandelt werden die Beschwerden mit Kortison. Zu Beginn werden die Glukokortikoide in einer höheren Dosierung gegeben. Die Beschwerden bessern sich dann meist innerhalb weniger Tage. Auch eine drohende Erblindung wird durch die Gabe von Kortison verhindert. Die Wirkung der Therapie kann über die Kontrolle der Entzündungsparameter (BSG und CRP) erfolgen. Danach wird auch die Dosierung der Medikamente gesenkt bis zu einer minimalen Erhaltungsdosis.

Dr. Dr. Rainer S.R. Buch
Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert
Klinik und Poliklinik für Mund-,
Kiefer- und Gesichtschirurgie
Franz-Josef-Strauss-Alle 11
93053 Regensburg

Fazit für die Praxis

• Nicht hinter jedem Schläfen-Kopfschmerz steckt eine Arteriitis temporalis. Wenn dies aber der Fall ist, droht dem Patienten die Erblindung.

• Schmerzen nach längerem Kauen (Kiefer-Claudicatio) und Doppelbilder sind anamnestische Hinweise auf eine Arteriitis temporalis.

• Ist die Arteria temporalis ohne tastbare Verhärtung oder Druckschmerzhaftigkeit, ist die Diagnose eher unwahrscheinlich.

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