Konferenz der Nachbarkammern in Dresden

Bahn frei für regionale Kontakte

Erstmals nach dem EU-Ost-Beitritt kamen die grenznahen zahnärztlichen Kammervertretungen von Polen, Tschechien, der Slowakei, Österreich, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammen, um intensiv Informationen auszutauschen und Modelle für eine länderübergreifende Zusammenarbeit anzustoßen.

Fragen über Fragen ganz praktischer Art tauchen auf, wenn es darum geht, den neuen EU-Ost-Beitritt mit Leben zu füllen. Aus diesem Grund hat die Bundeszahnärztekammer die Initiative ergriffen. Sie hat alle Anrainerkammern an einen Tisch gebracht, um Apekte zu klären, die sich speziell mit Belangen der Zahnärzte befassen. So trafen sich am 18. März im gastgebenden Zahnärztehaus Dresden die Kammervertreter von Polen, Tschechien, der Slowakei, Österreich, Brandenburg, Mecklenburg- Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (Ungarn war leider verhindert) unter der Federführung der BZÄK. Auf dem Programm standen Fragen wie Zahnärztezahlen, Spezialisierungen, Zahntechnik und Praxispersonal. Es ging um Migrationsbewegungen, die Anerkennung von Diplomen, grenzüberschreitende Praxisformen oder den freien Dienstleistungsverkehr für Heilberufler und Patienten.

Prof. Dr. Wolfgang Sprekels, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer und gleichzeitig Vizepräsident des europäischen Zahnärztlichen Verbindungsausschusses zur EU (DLC Dental Liaison Committee), unterstrich das proaktive Handeln des Berufsstandes: „Alles, was wir selbst in die Hand nehmen, macht uns stark“, betonte er. Wünschenswert wäre zum Beispiel die Gründung von Euregios, ähnlich dem Modell Euregiodent in den Kammerbereichen Nordrhein, Westfalen-Lippe, Niederlande und Belgien. Auch was die Politik in Brüssel angehe, sei es wichtig, ein gemeinsames Vorgehen in einer konzertierten Aktion aller Betroffenen abzustimmen: „Über Brüssel kann man keine nationalen Fehler ausmerzen, aber man kann Politiker, die dort das Sagen haben, beeinflussen, dass sie unsere Argumente auch in ihre nationalen Gremien hineintragen.“

Die Teilnehmer der Konferenz – an der Spitze Dr. Jiri Pekarek (Tschechien), Dr. Ryszard Rzeszutko (Polen), Dr. Simona Dianisková (Slowakei), Dr. Wolfgang Doneus (Österreich, gleichzeitig Präsident des DLC), Dr. Dietmar Oesterreich (Mecklenburg- Vorpommern, gleichzeitig Vizepräsident der BZÄK), Dr. Joachim Lüddecke (Sachsen), Dr. Frank Dreihaupt (Sachsen- Anhalt), Jürgen Herbert (Brandenburg) und Dr. Lothar Bergholz (Thürigen) – tauschten intensiv Informationen aus (Einzelheiten siehe Kästen).

Wunsch zur Migration Gering

Deutlich wurde, dass das Thema Migration, das in den Medien oft kontrovers behandelt wird, de facto zumindest in Deutschland so gut wie keine Rolle spielt. Kaum ein Zahnarzt aus den Anrainerstaaten hat Interesse, sich in Deutschland niederzulassen. Wenn Abwanderungen erfolgen, dann bevorzugt in Länder wie Großbritannien, Irland oder Skandinavien, weil man lieber in die staatlichen Gesundheitsdienste eingebunden sein will und die Mühen der freien Niederlassung scheut. Insgesamt ist der Wunsch zur Migration sehr gering. Mit Spannung diskutiert wurde das Thema Spezialisierungen. Hier ist in den Beitrittsstaaten noch Vieles im Fluss, vor allem Polen kämpft zurzeit damit, in diesem Bereich mehr Vereinfachung und Transparenz zu schaffen. Ganz unterschiedlich zeigt sich die Situation im Bereich Zahntechnik. Gerade dieses Feld ist besonders sensibel, da auf EU-Ebene immer wieder Vorstöße gefahren werden, den Beruf des Zahntechnikers hinsichtlich des eigenverantwortlichen Arbeitens am Patienten auszuweiten. Dem stellte man sich in Dresden entschieden entgegen.

Ähnlich hoch sensibel wird die Entwicklung beim Praxispersonal gesehen. Besonders gilt das für das Berufsbild der DH, das sich in den Anrainerstaaten als völlig unterschiedlich darstellt. Auch hier wollen die Anrainerkammern Bestrebungen auf EU-Seite wie auf nationaler Ebene entgegenwirken, die eine eigenständige Tätigkeit am Patienten forcieren wollen. Das deutsche DH-Modell mit der Aufstiegsfortbildung nach dem dualen System gibt es in dieser Form in anderen Ländern nicht, wurde aber als beispielhaft bezeichnet.

Zahntourismus kein Problem

Besonderheiten hinsichtlich grenzübergreifender Dienstleistungen und Zahntourismus zeigten sich in Österreich und Polen. Seit 15 Jahren existiert an der österreichisch/ungarischen Grenze ein so genanntes „Eldorado“ für Zahntouristen mit allen bekannten Vor- und Nachteilen. Hier hätten vor allem ehemalige Exil-Ungarn, die heute wieder in Ungarn praktizieren, ein lukratives Glücksrittergeschäft für sich erschlossen, berichteten die Österreicher. Von ähnlichen Auswüchsen berichteten auch die Vertreter von Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Polen. Im deutsch-polnischen Grenzgebiet wird per Internet und Zeitungsinserat aggressiv für Dentaltourismus geworben. Diese Firmen unterliegen jedoch nicht der berufsrechtlichen Aufsicht der Kammern. Insgesamt, so das Fazit der Teilnehmer, stelle das Thema Zahntourismus in den grenznahen Bereichen außer in den erwähnten Fällen kein Problem dar.

Das Ergebnis der Tagung war für alle Beteiligten positiv und die ausländischen Gäste begrüßten sehr, dass die deutschen Kammern die Initiative ergriffen haben, um gemeinsam durch regionale Kontakte über die Grenzen hinweg aktiv zu werden. Der Wunsch nach einem Wiederholungstreffen wurde mehrfach ausgesprochen.

zm-Info

Zahnärztezahlen im Vergleich

Tschechien: Aktiv tätige Zahnärzte insgesamt: 6 953, davon 4 601 weiblich, 2 352 männlich. Starker Frauenanteil.

Polen: Aktiv tätige Zahnärzte insgesamt: 24 100, davon 75 Prozent Frauenanteil. 20 200 in Niederlassung, 140 in privaten Krankenhäusern, 120 an Hochschulen, 7 000 an staatlichen Einrichtungen. Die meisten polnischen Zahnärzte arbeiten staatlich wie auch privat.

Slowakei: Zahnärzte insgesamt: 3 043, davon 1 864 weiblich, 1 179 männlich, 2 529 in Niederlassung, 514 im öffentlichen Dienst, darunter 93 in Universitäten, 13 in der Armee.

Österreich: Zahnärzte insgesamt: 4 200, darunter 35 Prozent Frauen. 3 500 in Niederlassung, 450 angestellt, 160 Dentisten.

Spezialisierungen im Vergleich

Tschechien: Kieferorthopäden, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen.

Polen: Kieferorthopäden, Prothetiker, Kieferchirurgen, Oralchirurgen, Kinderzahnärzte, Parodontologen, konservierende Zahnheilkundler.

Slowakei: Spezialisierungen werden seit dem 1. 1. 2005 neu geordnet. Es gibt künftig Kieferorthopäden und Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgen. Problem: das Nebeneinander von neuen und alten Lizenzen.

Österreich: Keine Spezialisierungen. Mit dem EU-Beitritt 1995 wurden Studium und Curricula neu geordnet.

Zahntechnik im Vergleich

Tschechien: 2 000 Labors, 4 570 Zahntechniker. Drei Jahre Fachstudium nach dem Abitur.

Polen: genaue Zahl unbekannt. Abitur plus technische Ausbildung, künftig Magistertitel geplant.

Slowakei: 1 729 Zahntechniker. Derzeit wird der Berufszugang neu geordnet, bisher: Abitur plus drei Jahre Fachschule. In der Diskussion ist eine selbstständige Dienstleistung.

Österreich: 650 zahntechnische Betriebe, rund 2 700 Zahntechniker. Gewerblicher Beruf (Lehre mit Gesellenprüfung). Tendenz der Ausrichtung hin zur eigenverantwortlich ausgeübten Tätigkeit.

Praxispersonal im Vergleich

Tschechien: 7 000 Zahnarzthelferinnen, entweder mit hoch qualifizierter Schwesternausbildung und Abitur oder niedrigerem Abschluss. 200 Dentalhygienikerinnen mit drei Jahren Fachstudium nach Abitur.

Polen: Zahl der Helferinnen unbekannt. Zu 80 Prozent diplomierte Krankenschwestern, die berufsfremd tätig sind. Markt derzeit ungeregelt, es besteht die Tendenz zu Abitur und Hochschulausbildung.

Slowakei: Zahl der Helferinnen unbekannt. Bisher: allgemeine Krankenschwesternausbildung mit Weiterbildung für zahnärztlichen Bereich. Neuregelung ab September 2005: Mittelschule mit Abitur. 270 Dentalhygienikerinnen: Neu ist die Regelung der Bachelorausbildung an einer Universität.

Österreich: Rund 11 000 Helferinnen. Zurzeit ein reiner Hilfsberuf, die Ausbildung wird neu geregelt. Eine DH gibt es zurzeit nicht, aber es entsteht Druck, diese einzuführen.