Chronisch entzündliche Darmerkrankungen

Patienten haben normale Lebenserwartung

Patienten, die unter einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, wie der Colitis ulcerosa oder dem Morbus Crohn, leiden, haben statistisch eine ganz normale Lebenserwartung. Eine überhöhte Sterblichkeit ist dank der modernen Standardtherapie nicht mehr zu registrieren.

Es ist verständlich, dass Menschen, die unter einer chronischen und unter einer zusätzlich komplikationsträchtigen Krankheit leiden, befürchten, dass diese ihre normale Lebensspanne verkürzt. „Im statistischen Mittel sieht man einen solchen Effekt bei den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen aber nicht“, betonte Professor Dr. Jürgen Schölmerich aus Regensburg bei der Gastroenterologiewoche 2004 der Falk Foundation in Freiburg. Beobachtungen zum Zehn-Jahres-Überleben der Patienten zeigen nach Schölmerich eine Mortalitätskurve, wie sie auch der Normalbevölkerung entspricht. „Das schließt nicht aus, dass einzelne Patienten dennoch in vergleichsweise jungen Jahren an einem Morbus Crohn oder einer Colitis ulcerosa versterben“, räumte der Gastroenterologe ein. Denn beide Krankheitsbilder können komplikationsträchtig verlaufen, es kann sich eine fulminante Colitis entwickeln und Morbus- Crohn-Patienten drohen als Komplikation Fisteln sowie Darmstenosen, was wiederholt operative Eingriffe notwendig machen kann.

Andererseits aber leben die Patienten, bei denn die Erkrankung häufig schon im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter manifest wird, in aller Regel gesundheitsbewusster als Gleichaltrige. Das kompensiert nach Schölmerich allem Anschein nach die durch Komplikationen bedingten Todesfälle.

Weniger Steroide als meist angenommen

Doch es müssen nicht nur die Vorstellungen zur Mortalität revidiert werden, davon abgesehen geistern so manche Vorurteile durch die Öffentlichkeit und durch die Ärzteschaft. „So wird die Rolle der Steroide erheblich übertrieben“, gab Schölmerich zu bedenken. Rund 80 Prozent der Patienten mit Colitis ulcerosa lassen sich nach seinen Worten ohne Steroide allein mit der Standardtherapie mit Mesalazin gut behandeln und auch beim Morbus Crohn müssen lediglich 38 Prozent der Patienten mehr oder weniger regelmäßig ein Kortikoid einnehmen.

Den Teufelskreis der Entzündung durchbrechen

Therapeutisch sollte wegen der drohenden Nebenwirkungen nach Schölmerich, alles daran gesetzt werden, ohne Steroid oder zumindest mit einer niedrigen Wirkstoffdosis auszukommen. Möglich ist dies, wenn die Patienten schon frühzeitig mit einem Immunsuppressivum, wie dem Azathioprin, behandelt werden. Der Wirkstoff greift auf immunologischer Ebene an und sorgt dafür, dass die Zellen wieder in das Apoptoseprogramm eingeschleust werden, dass sie also wieder den so genannten „programmierten Selbstmord“ absolvieren. Damit werden die Entzündungszellen eliminiert und der Teufelskreis der sich selbst unterhaltenden Entzündungsreaktion wird durchbrochen.

Ähnlich wirken moderne Wirkstoffe wie der Antikörper Infliximab. Dieser aber stößt weitere Reaktionen an, die schließlich eine umfassende Immunsuppression bewirken, was für die Patienten mit einem massiv erhöhten Infektionsrisiko verbunden ist. „Wir haben in die biologisch wirksamen Arzneimittel große Hoffnungen gesetzt, sind aber bislang von ihnen enttäuscht worden“, gab Schölmerich zu bedenken.

Wichtig ist nach seinen Worten, dass Azathioprin rechtzeitig gegeben wird, weil die Substanz erst nach einigen Wochen ihre volle Wirksamkeit entfaltet, und dass sie lange genug eingenommen wird. Lange genug, das heißt nach Schölmerich für mindestens drei bis vier Jahre. Erst danach bestehen gute Chancen, dass es nicht gleich wieder zu einem Rückfall kommt, und es darf ein Auslassversuch gemacht werden.

Mit Wurmeiern gegen den Morbus Crohn

Für die Zukunft hoffen die Gastroenterologen trotz der Rückschläge bei der Behandlung mit biologisch wirksamen Medikamenten auf weitere Therapieoptionen durch Probiotika, die ersten Studien zufolge bei den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen günstige Effekte haben. Das gilt auch für eine auf den ersten Blick ungewöhnlich anmutende Behandlungsoption: Denn auch mit Eiern des Wurmes Trichuris suis scheint man beim aktiven Morbus Crohn eindeutig Therapieeffekte erzielen zu können. In einer offenen Studie wurde beispielsweise gezeigt, dass die Aktivität der Erkrankung zurückgeht, und ein ähnlicher Effekt wurde auch bei der Colitis ulcerosa gesehen. Was dran ist an der Behandlung mit Wurmeiern wird derzeit in einer kontrollierten klinischen Studie überprüft.

Christine Vetter
Merkenicher Straße 224
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