Interview mit dem KZBV-Vorsitzenden Dr. Jürgen Fedderwitz

Festzuschüsse im Visier

Vorzieheffekte und Verzögerung durch Neuorientierung bei Systemwechseln sind ein altbekanntes Phänomen. Dennoch versuchen Kritiker der Festzuschüsse jetzt, diese als Ursache für die geringere Nachfrage nach Zahnersatz in den ersten Monaten des Jahres auszumachen. „Was ist dran an der Kritik?“, fragten die zm den Vorsitzenden der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV) Dr. Jürgen Fedderwitz.

zm: Herr Dr. Fedderwitz, anlässlich einer Anhörung des Bundestagsausschusses für Gesundheit hat der Präsident des Verbandes Deutscher Zahntechniker-Innungen (VDZI), Lutz Wolf, das Festzuschuss- System beim Zahnersatz und die Politik der KZBV heftig kritisiert. Er sieht die Primitivisierung der Zahnersatzversorgung eingeleitet. Ist das Festzuschuss- System bereits gescheitert?

Fedderwitz: Nein, das sicher nicht. Und es wird das innovative Konzept für Teile notwendiger GKV-Strukturreform bleiben. Ich habe mit Befriedigung zur Kenntnis genommen, dass bei diesem Bundestags- Hearing der Vertreter der Spitzenverbände der Krankenkassen den Verriss von Herrn Wolf und dessen Zahlenbeispiele ausdrücklich nicht teilen wollte.

zm: Inwieweit hängt die nachlassende Nachfrage nach Zahnersatz (ZE) denn nun mit der Einführung der Festzuschüsse zusammen?

Fedderwitz: Tatsache ist, dass dieser gravierende Systemwechsel vom therapiebezogenen prozentualen zum befundbezogenen festen Zuschuss die Patienten erst einmal verunsichert – wie jeder Systemwechsel. Das führte in der Vergangenheit schon immer zu Vorzieheffekten und einer folgenden Nachfragedelle. Das Jahr 1998 ist vielen noch in Erinnerung.

zm: Dieser Rückgang trat aber nicht zwingend immer ein.

Fedderwitz: Oft konnten wir Veränderungen zum Jahreswechsel auch mit Übergangsregelungen abfedern. Daran hatte diesmal das Bundesgesundheitsministerium kein Interesse, die Krankenkassen lehnten eine Empfehlungsvereinbarung auf Bundesebene ab und nur sehr wenige KZVen konnten hier mit einzelnen Krankenkassen etwas aushandeln. Daher sind Einbrüche bei den Fallzahlen zum Jahresbeginn auch erwartet worden. Sie sind – das ist uns aus den Abrechnungsergebnissen der KZVen von Januar und Februar auch bekannt – auch deutlich spürbar in den Praxen und natürlich in den Auftragsbüchern bei den Zahntechnikern. Da gibt es nichts schön zu reden.

zm: Halten sich die Patienten jetzt nicht womöglich auch aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Situation in diesem Land stärker zurück?

Fedderwitz: Das ist zu vermuten. Schon zu Zeiten des prozentualen Zuschusses haben wir Zahnärzte bei unseren Patienten deren Zurückhaltung gemerkt, wenn Konjunktur und persönliche wirtschaftliche Lage unsicher waren. Zumindest bei aufwändigen Therapieformen, wie zum Beispiel Kombinationsversorgungen, war das spürbar. Daran sollte der VDZI bei seinen Vorwürfen denken.

zm: Wäre es denn nicht besser gewesen, mit diesem Systemwechsel, mit diesem Festzuschuss-System noch zu warten?

Fedderwitz: Würden in diesem Land sozialpolitisch Milch und Honig fließen, hätte die GKV keine Finanzprobleme. Hätten wir Ölquellen wie in Norwegen, könnten wir unseren Sozialstaat auch gern noch ausbauen. Nur bei uns sind die Zeiten und die Aussichten nicht so rosig. Der Umbau zum Festzuschuss war politisch jetzt möglich, vielleicht für längere Zeit auch politisch nur jetzt. Und wir Zahnärzte taten gut daran, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen und dabei mitzuhelfen, das neue System auszugestalten. Zweifellos ist das politische Ergebnis keine 1 : 1-Umsetzung unserer Vorschläge, aber immer noch unseren Einsatz wert. Die Zahntechniker haben gut reden. Bekanntlich wurde im BEMA der ZE in den letzten Jahren mehrfach abgewertet; bekanntlich war der ZE die gesundheitspolitische Regelungszielscheibe mancher Sozialpolitiker, die heute noch – nicht nur in der SPD – politisch den Ton angeben; bekanntlich kannten die Zahntechniker bis heute kein Budget. Ich wünsche es ihnen auch nicht. Aber ich bin überzeugt: Der VDZI hätte sein Hosianna auf die GKV längst abgelegt, wären seine Betriebe von Budgets und budgetbedingten Kürzungen betroffen.

zm: Aus Sicht der Zahnärzte lassen sich die Klagen des VDZI so also nicht nachvollziehen?

Fedderwitz: Ich kann Herrn Wolf ja verstehen: Wer es über Jahre geschafft hat, jegliche Leistung, aber auch wirklich jede, in die GKV zu bringen, der mag die Vertreibung aus dem Paradies ja jetzt kommen sehen. In Einem kann ich ihn aber nicht verstehen: Zu Zeiten eines wachsenden Europa und zu Zeiten einsparwilliger Krankenkassen ist die wirtschaftliche Sicherung deutscher Dentallaboratorien nur durch den engen Schulterschluss mit uns Zahnärzten gegeben. Wir Zahnärzte sind es doch, die zuallererst im Gespräch mit unseren Patienten die Auswahl des Labors beeinflussen.

zm: Stimmen denn die Vorwürfe des VDZI, dass es systematisch zu höheren Zuzahlungen kommt und dass das Versorgungsniveau absinkt?

Fedderwitz: Der Gemeinsame Bundesausschuss hat bei seiner Arbeit seinerzeit sehr akribisch darauf geachtet, dass das bestehende Versorgungsniveau erhalten bleibt. So lautete der Gesetzesauftrag: Abbild des bestehenden Versorgungsniveaus. Dieses Ziel wurde erreicht. Bekanntlich finden sich zum Beispiel 98 Prozent aller Brücken, die bisher von der GKV bezuschusst wurden, im Festzuschuss wieder. Und wenn die Leistungsstatistiken belegen, dass zum Beispiel bei fünf fehlenden Zähnen in einem Kiefer über 80 Prozent der bisherigen Versorgungen herausnehmbar sind, dann ist bei einer solchen Konstellation das der Versorgungsalltag, dann ist das das Versorgungsniveau. Klar ist dann auch, dass es für die Patienten, die hier mit Brücken versorgt werden können und auch wollen, teurer, zum Teil deutlich teurer wird. Das aber haben wir von Beginn an gesagt. Also: Im Regelleistungsbereich ist der Zuschuss so hoch wie vorher auf Basis derselben BEMAund derselben BEL-Positionen. Wir haben das auch gerade in einer umfangreichen Dokumentation, die wir auch via zm in die Praxen bringen, belegen können.

zm: Wie sieht das konkret aus?

Fedderwitz: Wir haben Alltagsfälle – zugegeben keine seltenen Exotenfälle – verglichen: Festzuschuss heute, prozentualer Zuschuss gestern. Es gibt kaum einen Unterschied. Oft ist es für den Patienten sogar preisgünstiger.

zm: Aus einigen Bundesländern melden die Kollegen aber etwas anderes.

Fedderwitz: Wenn eine Kollegin in Bayern oder ein Kollege aus Sachsen-Anhalt das nachrechnet und geringe Unterschiede erkennt, dann liegt es daran, dass wir dem Vergleichsjahr 2004 einen bundesdurchschnittlichen Punktwert und Duchschnittslaborpreise unterlegen mussten. Sonst hätten wir für wahr Äpfel mit Birnen verglichen. Das überlasse ich aber lieber dem VDZI. Und für den GOZ-Bereich gilt: Lautete früher bei der Mehrkostenregelung die Formel „GOZ abzüglich BEMA“, so lautet sie heute: „GOZ abzüglich Festzuschuss“.

zm: Also kein Absinken des Versorgungsniveaus?

Fedderwitz: Nochmals nein. Im Gegenteil. Denken Sie an Implantatsuprakonstruktionen und fachlich anerkannte innovative Versorgungsformen. Dadurch wird das Versorgungsniveau eher verbessert. Sie werden bezuschusst, und das gilt auch für zukünftige neue Methoden. Übrigens darf man auch nicht vergessen, dass mit diesem Festzuschuss-System manche Versorgungsform dem standespolitischen Streit entzogen wurde.

zm: Also auch keine Primitivisierung der Zahnersatz-Versorgung?

Fedderwitz: Eindeutig nein. Auch ich versorge meine Patienten gern mit Teleskopkronen. Aber wir Zahnärzte wissen längst, dass das nicht das Maß aller Dinge ist – erst recht nicht in GKV-Zwängen. Wir wissen doch auch, dass oftmals ein Zahn mit einer Teleskopkrone oder Konuskrone versorgt wurde, weil der Patient keine Klammer im sichtbaren Bereich haben wollte. Aber solche Versorgungen zu Lasten der GKV sind besonders angesichts deren eingeschränkten Leistungspotentials eine klare Über- beziehungsweise Fehlversorgung. Wir Zahnärzte haben die Zeche für derlei Zuschussleistungen bezahlt, nicht die Zahntechniker. Warum kennt man zu Beispiel in der Schweiz – beileibe kein Hort einer Barfuß- Zahnmedizin – kaum Teleskopkronen? Warum werden sie dort an den Unis nicht gelehrt? Seien wir doch ehrlich: Der Erfolg in Deutschland wurde nur dadurch ermöglicht, dass die GKV das finanziert hat.

zm: Sehen Sie hier das Aus zum Beispiel für die Kombinationsversorgungen?

Fedderwitz: Ich bin überzeugt, dass es zukünftig in Deutschland wieder mehr Kombi-, besonders Teleskopversorgungen geben wird. Vor allem bei der Versorgung älterer Patienten – und der Versorgungsbeginn in der Prothetik wird sich nach hinten verlagern – wird der Anteil implantgetragener beziehungsweise implantatgestützter Konstruktionen steigen, ebenso der Anteil von Kombinationsformen Implantat/eigener Zahn.

zm: Wie das, angesichts der eben von Ihnen angesprochenen Finanzlage der GKV und des Wirtschaftlichkeitsgebots

Fedderwitz: Das wird nur durch Zusatzversicherungen für den Patienten finanzierbar sein. Die Politik hat ja auch die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass GKV und PKV hier zusammenkommen. Für uns Zahnärzte liegt darin die Chance, auch zukünftig solche aufwändigen Therapieformen zu zufrieden stellenden betriebswirtschaftlichen Bedingungen erbringen zu können. Das wissen wir Zahnärzte, das weiß der Vorstand der KZBV, das wissen Politik, GKV und PKV. Offensichtlich nur der VDZI noch nicht.

zm: Ihre Botschaft an den VDZI?

Fedderwitz: Endlich umdenken und nicht länger auf die Zahnärzte dreschen. ■

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