Differentialdiagnose der Schwellung im Parotisbereich

Zystadenolymphom (Whartin-Tumor) in der Ohrspeicheldrüse

Ein 52-jähriger Patient mit Zahnarztphobie suchte nach Jahren seinen Hauszahnarzt mit Schmerzen im Bereich des linken Unterkiefers auf. Neben mehreren kariösen Läsionen wurden zwei nicht erhaltungswürdige Wurzelreste in regio 34 und 35 diagnostiziert. In der klinischen Untersuchung fiel eine Schwellung im Bereich der Parotis rechts auf, der keine dentogene Ursache zugeordnet werden konnte.

Bei der Vorstellung in unserer Poliklinik bestand eine indolente, palpatorisch relativ weiche Schwellung rechts submandibulär mit einer lokalisierten Hautrötung und deutlichen Teleangiektasien im Bereich des unteren Parotispols (Abb. 1), die der Patient erst vor wenigen Wochen bemerkt hatte. Enoral war das Ostium des Parotisausführungsganges unauffällig, das exprimierbare Speicheldrüsensekret war klar. Anamnestisch zeigten sich keine Beschwerden bei der Nahrungsaufnahme im Sinne einer Occlusionssymptomatik. Eine dentogene Ursache konnte klinisch und radiologisch ausgeschlossen werden.

Sonomorphologisch stellte sich submandibulär rechts im unteren Parotispol ein scharf begrenzter Befund mit einer Größe von 2,1 mal 1,4 Zentimetern und einer homogenen Binnenstruktur dar. Die umgebende Drüse erschien homogen und nicht vergrößert (Abb. 2). Aufgrund der kurzen Anamnese wurde differentialdiagnostisch auch an einen malignen Tumor gedacht. Deshalb wurde zur Ergänzung der Befunde eine Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) angefertigt (Abb. 3). Hier zeigte sich ein in der rechten Parotis gelegener multilobulärer Tumor mit relativ scharfer Begrenzung zum Drüsenparenchym. Die Dignität wurde von radiologischer Seite als unsicher eingestuft. Anschließend wurde eine laterale Parotidektomie mit Entfernung des Tumors durchgeführt.

Intraoperativ zeigte sich ein glatt begrenzter Tumor im Bereich des unteren Parotispols (Abb. 4), die feingewebliche Schnellschittuntersuchung des Gewebes ergab die histologische Diagnose eines Zystadenolymphoms (Warthin-Tumor) (Abb. 5).

Diskussion

Das Zystadenolymphom ist nach dem pleomorphen Adenom der zweithäufigste benigne Tumor der Glandula parotis [Seifert, 1984]. Der Begriff Zystadenolymphom ist irreführend, denn es handelt sich um einen epithelialen Tumor in Begleitung von lymphatischem Gewebe, nicht dagegen um ein Lymphom. Makroskopisch handelt es sich um gut abgegrenzte Tumoren mit bräunlichem Zysteninhalt (Abb. 4). Diese Geschwulst repräsentiert etwa 15 Prozent der epithelialen Speicheldrüsentumoren und über 70 Prozent der monomorphen Adenome [Seifert, 1984]. In sechs bis 15 Prozent der Fälle wird ein bilaterales Auftreten bei den überwiegend männlichen Patienten beobachtet [Yoo, 1994]. Das Zystadenolymphom kann sich in allen Altersklassen entwickeln, jedoch liegt der Altersgipfel im sechsten bis siebten Lebensjahrzehnt.

Zystadenolymphome sind differentialdiagnostisch gegen andere benigne und vor allem gegen maligne Speicheldrüsentumoren sowie gegen Lymphknotenerkrankungen und Tumoren der Wangenregion abzugrenzen (Tab. 1). Das Verhältnis von gutartigen zu bösartigen Speicheldrüsentumoren beträgt zirka 2:1 [Machtens, 2000]. Die gutartigen Speicheldrüsentumoren überwiegen in der fünften und sechsten Dekade bei den Männern deutlich, während umgekehrt im gleichen Zeitraum vom 50. bis zum 70. Lebensjahr die malignen Speicheldrüsentumoren beim weiblichen Geschlecht überwiegen [Machtens, 2000].

Erste diagnostische Hinweise zur möglichen Dignität des Befundes können Anamnese und klinische Untersuchung des Patienten liefern. Während maligne Tumoren häufig eine kurze Anamnese mit schnellem Größenwachstum aufweisen, ist Patienten mit benignen Parotistumoren der langsam wachsende Befund oft schon seit Jahren beziehungsweise Jahrzehnten bekannt.

Veränderungen der Hauttextur oder vermehrte Gefäßzeichnung (Teleangiektasien) lassen, ebenso wie plötzliche Funktionsstörungen des Nervus fazialis mit Bewegungsstörungen der mimischen Muskulatur, den Verdacht auf ein malignes Geschehen mit Infiltration von Nachbarstrukturen befürchten.

Eine intakte Fazialisfunktion schließt jedoch eine maligne Erkrankung nicht aus.

Dr. Dr. Rainer S. R. Buch
Prof. Dr. Dr. Torsten E. Reichert
Klinik und Poliklinik für Mund-,
Kiefer- und Gesichtschirurgie
Franz-Josef-Strauss-Alle 11
93053 Regensburg

Fazit für die Praxis

• Tumoren der Speicheldrüsen sind sehr vielfältig und von hoher Variabilität im Hinblick auf ihre Dignität.

• Neben Anamnese und klinischem Befund spielt die Sonographie die zentrale Rolle in der Diagnostik.

• Die Histologie ist auch bei diesem Krankheitsbild für die endgültige Diagnosestellung und Dignitätsbeurteilung entscheidend.

Benigne epitheliale Speicheldrüsentumoren

(70 – 75 % aller Speicheldrüsentumoren)

pleomorphes Adenom

85 %

monomorphes Adenom

15 %

– Zystadenolymphom (Warthin-Tumor)

– oxyphiles Adenom

– sonstige Formen

Bösartige Speicheldrüsentumoren

(25 – 30 % aller Speicheldrüsentumoren)

– adenoid-zystisches Karzinom (ACC)

35 %

– Adenokarzinom

10 %

– Plattenepithelkarzinom

10 %

– Karzinom im pleomorphen Adenom

20 %

– sonstige Karzinome

25 %

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