Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Implantologie im Zahn-, Mund- und Kieferbereich e.V.

Sofortbelastung - Sofortversorgung

Voraussetzung für einen dauerhaften Erfolg enossaler Implantate ist die knöcherne Verankerung des Implantatkörpers durch unmittelbaren Kontakt der Implantatoberfläche mit dem periimplantären Knochen. Aus der Tatsache, dass diese Verankerung wesentlich durch neu gebildeten Knochen zustande kommt, wurde abgeleitet, dass Implantate erst nach einer lastfreien Einheilung von mehreren Monaten prothetisch versorgt und damit funktionell belastet werden sollten.

Die zunehmende Kenntnis der biomechanischen Wirkung enossaler Implantate auf den periimplantären Knochen und ein wachsendes Patienteninteresse an einer Verkürzung der Behandlungsdauer haben zu einem Trend zur frühen/sofortigen Versorgung geführt. Die Beurteilung dieser Versorgungsform muss sich dabei an den Erfolgsraten der lastfreien Einheilung messen lassen und mit den wissenschaftlich etablierten Maßstäben beurteilt werden [Naert et al. 1992, Albrektsson et al. 1986].

Relativbewegungen vermeiden

Wesentlich für den Erfolg der sofortigen Belastung/ Versorgung ist es, Relativbewegungen zwischen Implantat und umgebendem Knochen zu vermeiden [Søballe et al., 1992; Brunski et al., 1993], sowie eine mechanischen Überlastung des Implantatbettes durch pathologische Deformation des periimplantären Knochen zu verhindern [Wiskott & Belser, 1999].

Dabei spielen die primär stabile Verankerung des Implantates, die Qualität des knöchernen Lagers, die Zahl der Implantate und ihre Verbindung untereinander sowie die Form der Belastung eine Rolle.

Zeitpunkt der Implantation ist wichtig

Für die Primärstabilität des Implantates und die Qualität des knöchernen Lagers ist der Zeitpunkt der Implantation entscheidend. Bei einer Spätimplantation wird das Implantat in ein allseits knöchern konsolidiertes Lager inseriert und unterliegt damit anderen Bedingungen als bei der Sofortimplantation in die leere Alveole des entfernten Zahnes. Unter biologischen und chirurgischen Gesichtspunkten werden deshalb Sofortversorgungen nach Spätimplantation von denen nach Sofortimplantation unterschieden. Unter biomechanisch-prothetischen Gesichtspunkten lassen sich Versorgungen des zahnlosen Kiefers mit einer günstigen Pfeilerverteilung, Versorgungen des teilbezahnten Kiefers mit Verblockung der einzelnen Pfeiler und der Einzelzahnersatz unterscheiden.

Klinische Beobachtungsstudien

Die Zahl kontrollierter randomisierter Untersuchungen zur Sofortbelastung/Sofortversorgung ist noch gering. Allerdings liegen eine ganze Reihe von klinischen Beobachtungsstudien vor, die in der Summe eine Datenbasis liefern, aus der vorläufige Rückschlüsse auf die Sicherheit des Verfahrens gezogen werden können.

Sofortversorgung nach Spätimplantation

Für die Sofortversorgung nach Spätimplantation im zahnlosen Kiefer liegt die berichtete Erfolgsrate zwischen 91 und 100 Prozent sowohl im Ober- als auch im Unterkiefer [Ibanez & Jalbout, 2002; Gatti & Chiapasco, 2002; Lorenzoni et al., 2003; Misch & Degidi, 2003; Henry et al., 2003; Degidi & Piatello, 2003; Nikellis et al., 2004].

Im teilbezahnten Kiefer und bei der Einzelzahnversorgung wird nach Spätimplantationen eine Erfolgsrate von 90 Prozent und mehr beschrieben [Malo et al., 2003; Vanden Bogaerde et al., 2003; Rocci et al., 2003]. Die mittlere Beobachtungsdauer in diesen Untersuchungen liegt dabei zwischen 1,5 und fünf beziehungsweise acht Jahren für den zahnlosen Ober- und Unterkiefer. Für die Einzelzahnversorgung liegen Fünfjahres-Ergebnisse vor, für den teilbezahnten Kiefer liegen die Beobachtungsintervalle zwischen ein und zwei Jahren.

Sofortversorgung nach Sofortimplantation

Für die Sofortversorgung nach Sofortimplantation existieren Daten für den zahnlosen Kiefer und die Einzelzahnversorgung. Im zahnlosen Kiefer sind für Ober- und Unterkiefer Erfolgsraten oberhalb von 90 Prozent beschrieben [Aires & Berger, 2002; Nikellis et al., 2004], die Erfolgsraten der Einzelzahnversorgung reichen von 82 bis 100 Prozent [Malo et al., 2003; Glauser et al., 2003; Guirado et al., 2002; Chaushu et al., 2001; Ericsson et al., 2001]. Die Beobachtungsintervalle liegen hier zwischen ein und zwei Jahren.

Entwicklung des Knochenniveaus

Die Entwicklung des periimplantären marginalen Knochenniveaus ist in zahlreichen Untersuchungen erfasst. Die Zahl der Arbeiten stellt noch keine vollständige Dokumentation für alle Indikationsbereiche dar. Die vorliegenden Daten erlauben jedoch eine vorläufige Abschätzung in dem Sinne, dass nach einem Jahr mit einem Verlust an periimplantärer Knochenhöhe von 0,6 bis 1,2 Millimetern gerechnet werden muss, der sich bis zum fünften Jahr im Rahmen der Erfolgskriterien von Albrektsson et al. unterhalb von 0,2 Millimeter pro Jahr bewegt.

Dabei muss berücksichtigt werden, dass bei einer Sofortversorgung nach Sofortimplantation der physiologischer Weise auftretende postextraktionelle Knochenumbau unabhängig von der Form der Versorgung einen variablen Anteil des periimplantären Knochenverlustes darstellt.

Wegen der stabilisierenden Wirkung der Nachbarparodontien kann dieser Anteil bei Einzelzahnversorgungen geringer sein als nach kompletter Entfernung eines Restgebisses und Versorgung des zahnlosen Kiefers auf sofort gesetzten Implantaten.

Sofortversorgung bedeutet nicht Sofortbelastung

Die sofortige Versorgung eines Implantates ist dabei nicht immer synonym mit einer funktionellen Belastung. Bei kurzspännigen Konstruktionen oder Einzelzahnversorgungen ist es möglich, eine provisorische Versorgung des/der Implantate durchzuführen, die zunächst funktionell weitgehend unbelastet ist.

Ein Vergleich zwischen sofort versorgten belasteten und unbelasteten Implantaten ist anhand der wissenschaftlichen Datenlage noch nicht möglich. Bei geplanter Sofortversorgung erscheint eine Entlastung der Implantate in Abhängigkeit von der Qualität des knöchernen Lagers, der primären Stabilität des Implantates, der Zahl der Implantate und ihrer Verbindung untereinander empfehlenswert.

Eignung des Patienten

Die Auswahl eines Patienten für eine Sofortversorgung erfolgt anhand der Qualität und Quantität des knöchernen Lagers und der primären Stabilität des eingesetzten Implantates. Eine sichere Primärstabilität verhindert Relativbewegungen. Mitunter ist daher eine endgültige Beurteilung der sofortigen Versorgbarkeit eines Implantates erst während des Eingriffes möglich.

Für die Beurteilung der Stabilität eines Implantates am Ende des Insertionsvorganges wird in der überwiegenden Zahl der Berichte das terminale Drehmoment herangezogen, das erforderlich ist, um das Implantat in seine geplante Position zu bringen. Die angegebene Höhe dieses Drehmomentes ist unterschiedlich und bewegt sich zwischen zehn und 45 Ncm [Malo et al., 2003; Glauser et al., 2003; Nikellis et al., 2004]. Bei einer adäquaten Stabilisierung des Implantates scheinen Unterschiede in der Knochenqualität von geringerer Bedeutung zu sein.

Stand: Oktober 2004

Deutsche Gesellschaft für Implantologie im
Zahn-, Mund- und Kieferbereich e.V.
Sekretariat des Schriftführers
Daniela Winke
Rischkamp 37F
30659 Hannover

 


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