Interdisziplinärer Kongress „Zähne im Alter“

Neue Impulse für ein noch junges Fachgebiet

Mit ihrem interdisziplinären Kongress über Zähne im Alter am 22. und 23. April in München hat die Bayerische Landeszahnärztekammer für die Seniorenzahnmedizin deutliche Zeichen gesetzt. Eines steht jetzt schon fest: Die Referate und Diskussionen haben Impulse für die weitere Entwicklung diesesnoch jungen Fachgebietes ausgelöst.

„Es geht nicht um neue, andere Methoden und Techniken unsererseits – es geht um neue, andere Patienten!“, betonte Kongressleiter Dr. Herbert Michel in seiner Begrüßung vor zahlreichen Gästen und fortbildungswilligen Zahnärzten im Hotel Bayerischer Hof in München. Es gehe darum, Gerostomatologie als eine heilberufliche Disziplin vorzustellen, deren Patienten viel breiter gefächert seien, als es uns die gängige Einschätzung von „Alten“ oder „Senioren“ immer noch vorgebe. Unterschiede in Altersstufen, Lebensansprüchen und Lebensbedürfnissen, in mentaler, psychischer und physischer Verfassung, in Verständnis und Kooperationsbereitschaft oder in Motorik, Sensorik, Orientierung und Erfahrung lassen diese Gruppe als sehr heterogen erscheinen. Entsprechend wichtig sei es, sich der Seniorenmedizin mit neuen Ideen und Konzepten zu widmen.

Kammerpräsident Michael Schwarz machte anhand von anschaulichen Beispielen den Wandel in der prothetischen Versorgung damals und heute klar. Diese Fortschritte seien auch dank der Weiterentwicklung des Gedankens der eigenverantwortlichen Prävention entstanden. „Prävention bedeutet Zähne, kein Gesetz“, sagte er im Hinblick auf das aktuelle politische Gerangel um das Präventionsgesetz. Und brachte seine Gedanken zu folgender Kernaussage: „Prävention spart kein Geld, sondern kostet Geld. Prävention spart Leid. Prävention schenkt Zähne. Zähne schenken Leben. Prävention ist Lebensfreude.“

Den demographischen Wandel mit einer immer stärker wachsenden Alterspyramide erachtete Bayerns Staatsministerin für Arbeit und Soziales Christa Stewens als große Anforderung an das System der Gesetzlichen Krankenversicherung. Den bayerischen Zahnärzten attestierte sie, die neuen Herausforderungen intensiv anzugehen und hob in diesem Zusammenhang das bayerische zahnmedizinische Betreuungskonzept für Seniorenheime hervor, das von einer sehr großen Zahl der Einrichtungen angenommen werde (siehe Kasten).

Ein Wert an sich

„Prävention ist für uns ein Wert an sich“, erklärte der Präsident der Bundeszahnärztekammer, Dr. Dr. Jürgen Weitkamp (siehe dazu auch den Leitartikel Seite 4) und verwies auf die konsequente Umsetzung des zahnärztlichen Konzeptes „Prophylaxe ein Leben lang“. Die Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde müsse sich künftig noch viel mehr mit dem Thema Alter beschäftigen als zuvor. Auch der Fokus der Präventionspolitik müsse sich zunehmend auf die Zielgruppen der Erwachsenen und Senioren verlagern. „Der Zahnarzt wird vermehrt mit alten und multimorbiden Patienten umgehen, „ prognostizierte er. Dazu bedürfe es eines fundierten Wissens des Zahnarztes über die vielschichtigen Zusammenhänge zwischen medizinischen und zahnmedizinischen Erkrankungen. Der Zahnarzt müsse sich verstärkt in seiner Rolle als Arzt verstehen. Wissenschaft wie Berufspolitik arbeiteten daran, den dazu notwendigen Wissenstransfer in die Praxen zu beschleunigen.

Mit Spannung erwartet wurde der Festvortrag des ehemaligen Staatsministers für Kultur im Bundeskanzleramt und jetzigen Lehrstuhlinhabers für politische Theorie und Philosophie der Universität München, Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin. Was ist die menschliche Würde? Was bedeutet Würde im Alter? Und welche Rolle spielt das medizinische Ethos in diesem Zusammenhang? So lauteten die Kernfragen seines vielschichtigen Vortrags. Die Idee der Würde des Menschen finde ihre Wurzeln in der antiken Stoa sowie im frühen Christentum. Im Zeitalter der Aufklärung sei die Idee des autonomen Individuums hinzugekommen. Das Selbstbildnis des frei verantwortlichen Menschens habe die westliche Welt entscheidend geprägt. Zu dieser Freiverantwortlichkeit müsse sich aber auf jeden Fall die Empathiefähigkeit gesellen, diese Balance sei wichtig, um einen gesunden gesellschaftlichen wie individuellen Boden zu bereiten. Gerade im Alter nehme die Fähigkeit zu, sich in andere hineinzuversetzen. Empathie und Autonomie seien Faktoren, die der Mediziner gerade auch bei der Behandlung älterer und alter Menschen verstärkt berücksichtigen sollte. Respekt sei hier der Schlüsselbegriff, verbunden mit der Frage „Was ist für diese Person gut?“.

Im Rahmen des wissenschaftlichen Programms referierten deutsche, österreichische und schweizerische Experten aus interdisziplinären Bereichen rund um das Thema Alterszahnmedizin. Es ging um Aspekte wie interdisziplinäre Diagnostik und Therapie, die Schnittstelle zwischen Psyche und Soma (siehe dazu auch den Bericht Seite 38), altersgerechte Ernährung und Mundhygiene, die spezifischen Belange der Prophylaxe, mobile Behandlung und Mundpflege in Heimen oder die Rolle der Gerostomatologie in der Zahnheilkunde.

Der Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, Dr. Dietmar Oesterreich, sprach über die alternde Gegenwartsgesellschaft als Herausforderung für den Berufsstand. „Das Thema Prävention ist nicht allein mit der Zahnbürste zu bewerkstelligen“, stellte er provokativ in den Raum. Er griff den Empathiebegriff Nida-Rümelins auf: „Die Kompetenz des Zahnarztes verlangt, sich in den älteren Patienten hineinzuversetzen.“ Dazu gehöre es, die heterogenen Bedürfnisse dieser Patientengruppe zu kennen und einen speziellen Umgang mit ihnen zu pflegen. Er schloss mit einem ganz aktuellen Verweis über die Relevanz des Alters heute: „Der Tod von Papst Johannes Paul II. und die Neuwahl von Papst Benedikt XVI. zeigt, wie wichtig ein alter Mensch in der heutigen Gesellschaft noch sein kann.“

INFO

Die BLZK macht mobil

Die BLZK hat ein Projekt zur flächendeckenden zahnmedizinischen Betreuung von Bewohnern in bayerischen Senioreneinrichtungen initiiert. Ziel: Allen Heimbewohnern soll der Zugang zu einer präventionsorientierten Versorgungunter Berücksichtigung der physischen, psychischen und funktionellen Einschränkungen ermöglicht werden. Dazugehört die Professionalisierung der mobilen Versorgung, die Fortbildung von Zahnärzten Helferinnen und Pflegepersonal, der Unterricht durch Zahnärzte an Kranken- und Altenpflegeschulen und die freiwillige Betreuung durch niedergelassene Zahnärzte nach dem Patenzahnarztmodell. Das Konzept basiert auf Freiwilligkeit und Selbstbestimmung, die freie Arztwahl des Patienten bleibt unberührt. pr

Hrsg.: Bayerische Landeszahnärztekammer(BLZK)Hardcover, ca. 350 Seiten, vierfarbig,ISBN-Nummer: 3-00-013570, Preis: 39;00 EUR, zzgl. Porto und Versandkosten.Zu bestellen bei: BLZK, Kaufmännischer Bereich und Fortbildung, Fallstr. 34, 81369 München, Fax: 089/72480-272

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