Interview mit dem neuen KZBV-Vorstand

100 Tage im Amt: die erste Bilanz

Keine gesetzliche Änderung der zurückliegenden Jahre wurde von der Zahnärzteschaft mit mehr Engagement und konstruktiver Unterstützung begleitet als die Einführung der Festzuschüsse, keine mehr gefürchtet als die Aufhebung der ehrenamtlichen Selbstverwaltung in KZVen und KZBV. Beide Neuerungen prägten die Startphase des ersten hauptamtlichen KZBV-Vorstandes. Nach 100 Tagen Amtszeit befragten die zm Dr. Günther E. Buchholz, Dr. Wolfgang Eßer und den Vorsitzenden Dr. Jürgen Fedderwitz zu Start, aktuellem Stand und künftiger Strategie.

 zm: 100 Tage sind in der Politik die Frist für ein erstes Resümee. Was hat sich gegenüber der Arbeit im ehrenamtlichen Vorstand seit ihrer Wahl verändert?

Dr. Fedderwitz: Wir hatten in der ehrenamtlichen Phase einen Vorstand, der sich aus zehn Mitgliedern rekrutierte. Es gab auch dort einen geschäftsführenden Vorstand, aber wir konnten einiges delegieren. Jetzt fokussiert sich nicht nur die Arbeit von ehemals zehn auf uns drei. Vielmehr geht das meiste der alltäglichen Arbeit, die in einer KZBV anfällt, nun über unsere Schreibtische.

zm: Wie funktioniert auf der Basis die Zusammenarbeit mit den Ländergremien?

Dr. Buchholz: Wir halten intensiven Kontakt mit den KZVen über die Vorsitzendenrunden. Es gibt Tagungen, bei denen die KZVen und die KZBV gemeinsam Fragen bearbeiten. Die Länder-KZVen sind in verschiedenen Arbeitsgruppen, wie etwa zu Wirtschaftlichkeits- oder Plausibilitätsprüfungen, einbezogen. Die Zusammenarbeit mit den KZVen ist gegeben und sie funktioniert.

zm: Zu Zeiten ehrenamtlicher Selbstverwaltung taten sich die ehemaligen Gremien schwer, die Spielregeln für die Hauptamtlichen festzulegen. Das hat letztlich die nach GMG gewählte Vertreterversammlung getan. Gerüchten zufolge sind einzelne Delegierte mit den Kräfteverhältnissen in der KZBV nicht einverstanden. Jetzt soll sich die Vertreterversammlung noch einmal mit Satzungsfragen befassen. Wird das Bund-Länder-Verhältnis unter den neuen Vorzeichen noch anders ausgestaltet?

Dr. Eßer: Die Delegierten sind Souverän des Geschehens in der Vertreterversammlung. Darauf hat die KZBV-Vorstandsebene überhaupt keinen Einfluss. Insofern sind Prognosen an diesem Punkt gewagt. Da aber die Zusammenarbeit zwischen den haupt- und ehrenamtlichen Mitgliedern der KZVen, die sich ja in der Vertreterversammlung wiederfinden, ausgesprochen konstruktiv und gut ist, gehen wir davon aus, dass sich hier eine sehr positive und sachorientierte Zusammenarbeit ergeben wird. Ich denke, dass die Vertreterversammlung eine Art "Beirat" bilden wird, der in sehr enger Kooperation mit dem Vorstand anstehende Fragen berät.

zm: In den Medien wurde eine heftige Diskussion um die Vorstandsgehälter losgetreten. Den KZBV- und KZV-Vorständen, aber auch den Ärzte- und Kassenfunktionären wurde vorgeworfen, dass die Bezüge zu Lasten der Patienten gehen. Was ist dran an den Vorwürfen? Und warum diese Diskussion - Monate nachdem die Bezüge abgesegnet und veröffentlicht waren?

Dr. Fedderwitz: Wir erleben diese Diskussion in einem fast schon gesellschaftspolitisch geprägten Umfeld. Sie bezieht sich nicht nur auf die Krankenkassenfunktionäre und jetzt hauptamtlichen Vorstände, sondern wird in der gesamten Republik auf fast alle beruflichen Bereiche ausgedehnt. Aber davon abgesehen ist eins ganz wichtig: Es geht hier nicht um Versichertengelder - wir Hauptamtlichen werden nicht von Versichertengeldern bezahlt. Das sind Entscheidungen des höchsten Souveräns der KZBV: unserer Vertreterversammlung. Sie hat die Summen festgelegt. Ungeachtet dessen haben wir inzwischen eine andere gesetzliche Grundlage - wir wären lieber ehrenamtlich tätig geblieben. Ehrenamtlich hieß, dass wir überwiegend als niedergelassene Zahnärzte tätig waren und unsere Einkünfte überwiegend aus dieser Tätigkeit erarbeiteten. Das ist jetzt nicht mehr so. Unser Ehrenamt war auf einen oder anderthalb Tage in der Woche beschränkt. Der Rest fand abends und an Wochenenden statt. Heute ist es eher umgekehrt: Wir haben so gut wie keine Zeit mehr für die Praxis.

zm: Nachgehakt: Warum jetzt noch einmal diese Diskussion?

Dr. Fedderwitz: Zu sagen, es ist ein politisches Ablenkungsmanöver, wäre zu einfach. Doch die Frage ist berechtigt. Dafür, dass wir zum 15. März unsere Gehälter offen legen mussten, fragt man sich schon, warum das Thema acht Wochen später noch einmal aufkommt. Eine gescheite Antwort gibt es darauf wohl nicht.

zm: Nun, für Rot-Grün stehen die nächsten Wahlen vor der Tür. Die der KZBV sind gerade vorbei. Selbst wenn die Gewählten alte Bekannte sind: Steht ein Neustart im politischen Beziehungsgeflecht an? Wie sind die jüngsten Erfahrungen mit der Politik?

Dr. Eßer: Wir drei machen dieses Geschäft jetzt schon zwei bis drei Jahre zusammen. Wir knüpfen an das an, was wir vorher geschaffen haben. Die Gespräche sind von einer konstruktiven, sogar positiven Atmosphäre geprägt. Es ist uns gelungen, nach Jahren politischer Eiszeit wieder ein Klima des Verständnisses

zu schaffen. Das hat damit zu tun, dass wir als seriös und verlässlich, aber auch als konsequent in der Sache gelten. Diese Eigenschaften schätzt man sehr. Von daher darf man, glaube ich, über die Parteien hinweg die politischen Kontakte als intensiv, sachbezogen und sehr positiv bewerten. zm: Nichts wird zur Zeit mit mehr Spannung verfolgt als die Entwicklung der Zahnersatz-Festzuschüsse. Insbesondere eine Krankenkasse und die Spitze der Zahntechnikerinnungen tun sich dabei mit vehementen Störfeuern hervor. Sind das Einzelkämpfer mit subjektiven Interessen? Oder konzentriert sich dort der gesammelte Unmut außerhalb der berufspolitischen Zahnärzteschaft?

Dr. Fedderwitz: Nein, es gibt keinen gesammelten Unmut. Festzuhalten bleibt, dass die Politik quer durch alle Parteien im Moment keinen Revisionsbedarf hinsichtlich der Festzuschüsse sieht.

Tatsache ist, dass wir in den ersten Monaten dieses Jahres eine deutliche Reduktion der Behandlungsfälle hatten. Das lag nachweislich an den nicht vorhandenen Übergangsregelungen und den teilweise ganz erheblichen Vorzieheffekten in den letzten Monaten 2004. Natürlich sind die Zahntechniker ganz erheblich davon betroffen. Wenn Sie bedenken, dass sich im Normalfall eine Zahnersatzversorgung aus 35 Prozent Honoraranteilen und 65 Prozent Laborkosten zusammensetzt, können Sie sich vorstellen, dass sich das bei den Zahntechnikern, die zudem immer noch mit Überkapazitäten kämpfen, besonders auswirkt. Vergessen darf man auch nicht, dass eine Krankenkasse - ich will sie gern beim Namen nennen: die Gmünder Ersatzkasse! - momentan besonders laut ist, weil dort ein Großteil der Zahntechniker versichert ist. "Wes Brot ich ess', des Lied ich sing." Deshalb setzt Herr Hebel hier seinen Hebel an.

zm: Also ist alles, was aus dieser Ecke kommt, Ihrer Meinung nach eine konzertierte Aktion? Wenn der VDZI von falschen Entscheidungen spricht, die Gmünder Ersatzkasse noch die "Abzockerei auf GOZ-Basis" draufsetzt - muss der Rest der Gesellschaft das etwa gar nicht so ernst nehmen?

Dr. Fedderwitz: Doch, ernst zu nehmen ist das schon. Auch in der Zahnärzteschaft wird manches über den bürokratischen Ablauf der Festzuschüsse mit Unmut zur Kenntnis genommen. Wir hätten uns das auch gerne mit weniger Festzuschüssen vorgestellt. Aber es sind jetzt nun mal rund 50. Wäre es nach den Zahntechnikern gegangen, hätten wir heute übrigens über 6 800. Tatsache ist, dass wir bei den Festzuschüssen eine Ausgangssituation haben, die sich im Wesentlichen nicht geändert hat. Früher hatten wir eine Mehrkostenregelung, die nach GOZ lief. Das sind Zahlen, die bisher den Kassen nicht bewusst waren. Wenn es tatsächlich weniger andersartige Leistungen gibt, weniger als wir Zahnärzte ursprünglich gerne gehabt hätten, ist es kein Wunder, dass diese sich zum allergrößten Teil auf moderne Versorgungsformen mit Implantat-Suprakonstruktionen erstrecken. Die gelten nun mal als innovativ, aber auch als vergleichsweise kostenaufwändiger. Man muss schon genau wissen, was man mit den Festzuschüssen Positives erhält: die Teilnahme am wissenschaftlichen Fortschritt. Aber das war jedem bewusst, auch den Politikern.

Dr. Eßer: Lassen Sie mich etwas hervorheben, das uns allen am Herzen liegt: Wenn man sich erinnert, mit wie viel Skepsis man uns beobachtet hat, als wir das Projekt Festzuschüsse mit dem Jahr 2004 beginnend ernsthaft angegangen sind, wenn man berücksichtigt, was das im Gesundheitswesen

an grundsätzlicher Veränderung bedeutet, können wir erst einmal ganz schön stolz sein, dass wir es geschafft haben, dieses Projekt aus der Taufe zu heben und ohne Beschwerden aus der Patientenschaft, also aus dem Klientel, für das es eigentlich geschaffen worden ist, präsent zu haben. Wenn die Politik ein neues Gesetz macht, unterstellt jeder zunächst einmal: "Das braucht noch ein Jahr, bis das ans Laufen kommt." Bei uns ist das ganz anders: Zahnärzte sind Perfektionisten. Alle erwarten von uns, dass das, was wir machen, vom ersten Tag an hundertprozentig läuft. Momentan ist ein Stadium erreicht, wo alle im Prinzip schon in den Feinstrukturen "herumwuseln". Aber der Ausschuss hat sich von vorne herein die Aufgabe gegeben, die Festzuschusssystematik kritisch zu begleiten. Mit viel Überzeugungsarbeit ist überdies von der KZBV bei den Krankenkassen die Bereitschaft geschaffen worden, eine Clearing-Stelle einzurichten. Wir sind aktuell dabei, viele Dinge im Konsens zu lösen, die erklärungsbedürftig sind, die unterschiedlich interpretiert werden. Ich denke, dass die notwendigen Feinwuchtungen in der zweiten Jahreshälfte erledigt werden und das System auf Grund der permanenten Kommunikation immer runder laufen wird. Heute schon sind die Zahnärzte - und bei gutem Willen auch die Krankenkassen - in der Lage, 98 Prozent des normalen ZE-Geschäftes ohne Probleme abzuwickeln.

zm: Schaut man auf die Entwicklung der Festzuschüsse im GKV-Neuordnungsgesetz, das 1997/98 unter Seehofer eingeführt und angesichts der Wahlen dann wieder einkassiert wurde, drängen sich ähnliche Befürchtungen auf. Wie schätzen Sie die Stimmung hinsichtlich der Wahlen ein?

Dr. Fedderwitz: Ich gehe davon aus, dass die Politik es sich nicht leisten kann auf Grund eines Wahlergebnisses zu konstatieren, dass man politisch auf dem falschen Dampfer war. Die Politik hat die Chancen des neuen Festzuschuss-Systems speziell auch für die GKV erkannt. Nur mit diesem System wird letztlich ein Beitrag geleistet, den Kassen aus ihrer Finanzklemme zu helfen. zm: Trotzdem sprechen einige von leeren Praxen und verunsicherten Patienten.

Dr. Eßer: Wir haben im ersten Quartal 2004 die Einführung der Praxisgebühr erlebt und bundesweit durchschnittlich einen Rückgang an Patientenkontakten von zehn bis zwölf Prozent gehabt. Dieser Rückgang hat sich über das Jahr auf einem niedrigeren Level eingepegelt, aber stabilisiert. Wir wissen heute: Die Praxisgebühr führt zu einer Verringerung an Fallzahlen und Patientenkontakten. Wir müssen als KZBV-Vorstand deshalb die Politik fragen, ob im zahnärztlichen Bereich die Praxisgebühr eine konterkarierende Maßnahme ist. Denn es gibt bei uns nachweislich kaum Doctorhopping, es gibt kaum Doppeluntersuchungen. Wer in der Praxis fehlt, sind die Patienten, die Betreuung benötigen. Im ersten Quartal 2005 sind die Patientenkontakte trotz der niedrigen Basis von 1/04 dann noch einmal um zwei weitere Prozent zurück gegangen. Dazu muss man eines wissen: Die KZBV hat in den Verhandlungen stets nachdrücklich gefordert, eine Übergangsregelung zur Behandlung und Abrechnung von "ZE-Altfällen" aus 2004 zu schaffen. Diesen Weg haben die Krankenkassen rigoros abgelehnt. Und das, obwohl Übergangsregelungen schon in der Vergangenheit bewiesen haben, dass sie für alle Beteiligten die Umstellung abfedern und außerdem eine kontinuierliche Behandlung der Patienten gewährleisten. Die KZBV hat frühzeitig ihre Befürchtungen zum Ausdruck gebracht, dass die Verweigerungshaltung der Kassen nachhaltige Anlaufschwierigkeiten für die Festzuschüsse nach sich ziehen wird. Das hat sich jetzt bewahrheitet. Erschwerend kommt hinzu, dass etliche Kassen auf Landesebene die Heil- und Kostenpläne aus 2004 nur dann genehmigten, wenn der Zahnersatz noch 2004 abgewickelt wurde. Eine große Zahl von ZE-Fällen, die normalerweise erst 2005 eingegliedert und abgerechnet worden wäre, wurde dadurch ins Jahr 2004 vorverlagert. Insofern kann man alleine der Umstellung auf die Festzuschüsse, wenn überhaupt, nur eine kleine Verringerung an Patientenkontakten unterstellen. Den Großteil haben die Kassen mit ihrer Blockiererhaltung zu verantworten, der Rest kommt aus der Praxisgebühr.

zm: Die Parlamentarische Staatssekretärin der Bundesregierung, Marion Caspers-Merck, hat auf dem Frühjahrsfest der Zahnärzte in Berlin Geduld angemahnt. Und von der Möglichkeit gesprochen, "nachzubessern". Wie steht die KZBV dazu?

Dr. Buchholz: Wir arbeiten ja gerade daran. Das über viele Jahrzehnte gültige prozentuale Bezuschussungssystem wurde gerade durch die Festzuschüsse ersetzt. Die angesprochenen Schwierigkeiten werden zurzeit gemeinsam mit den Krankenkassen bereinigt. Beim Begriff "Nachbesserung" fällt mir schnell der Begriff "Verschlimmbesserung" ein. Die Politik wäre gut beraten, das System in Ruhe zu lassen, das Ganze erst einmal ins Laufen zu bringen und den Zahnärzten, den Krankenkassen und den Patienten die Zeit zu geben, Erfahrungen zu sammeln und die Ergebnisse auszuwerten. Erst dann kann man anhand einer Schwachstellenanalyse an der einen oder anderen Stelle, wenn überhaupt nötig, von einer Nachbesserung sprechen.

zm: Sind die Festzuschüsse auch für andere Bereiche ein denkbares Modell? Wenn ja, für welche und ab wann?

Dr. Fedderwitz: Die Festzuschüsse für Zahnersatz sind der erste und im Moment sogar einzige Reformschritt, den die Regierung oder die Politik im Gesundheitswesen generell je begonnen hat. Vergleichen wir das mit dem alten Sachleistungssystem, haben wir dort einen starren Katalog: Einige Leistungen sind drin, andere draußen. Die Teilhabe am wissenschaftlichen Fortschritt ist damit blockiert.

Diese starre Regelung ist auch in anderen Versorgungsbereichen kontraproduktiv. Wir denken in der Tat daran, dass es in erster Linie möglich sein sollte, auch in der Parodontalbehandlung Festzuschüsse einzuführen. Nur werden wir dort noch viel mehr Akzeptanzhürden zu überwinden haben. Schließlich ist das ein Bereich, der bisher weitgehend Sachleistung ist, während wir im Zahnersatzbereich schon immer eine Zuzahlung des Patienten hatten. Angehen können wir das sicherlich nicht mehr in diesem Jahr. Dafür müssen wir auch in der Politik erstmal Akzeptanz schaffen.

zm: Zahnersatz wird ab Juli 2005, so will es das Gesetz, allein von den Versicherten getragen. Welche Bedeutung hat das für die Festzuschuss-Diskussion? Und sollen Zahnärzte ihre Patienten bei der Wahl der Zusatzkasse beraten?

Dr. Fedderwitz: Ich gehe mal davon aus, dass die Regelung ab Juli die Festzuschuss-Diskussion inhaltlich nicht sonderlich prägen wird. Die Patienten sind zu Zeiten von Hartz IV an so viele Horrormeldungen gewöhnt, dass hier keine große Revolte oder kein großer Unmut hochkommen werden.

Viel spannender wird die Diskussion um die Wahl der Zusatzversicherung. Hier hat der Gesetzgeber neue Möglichkeiten eröffnet. Ich bin durchaus der Meinung, dass der Zahnarzt im Rahmen seiner Service-Leistungen seinen Patienten auch schon mal einen Rat geben soll bei der Wahl der Zusatzkasse. Denn nur der Zahnarzt kann manchmal das Kleingedruckte richtig ordnen und deuten.

zm: Noch offen ist die Entwicklung der Regierungsversprechen bei der elektronischen Gesundheitskarte. Wird sie, wie angekündigt, 2006 pünktlich kommen?

Dr. Buchholz: Der Zeitplan ist vom Ministerium vorgegeben. Wir halten ihn für sehr ehrgeizig. Wenn wir so ein großes Projekt einführen, sollte man ihm Zeit geben. Nicht "quick and dirty" ist angesagt, sondern fundierte Arbeit, um reibungsloses Einführen zu gewährleisten. Wir stehen diesem Vorhaben insgesamt nicht abwehrend gegenüber, sondern arbeiten in den gemeinsamen Gremien intensiv an einer zielgerichteten Umsetzung. Natürlich mangelt es nicht an Interessenskonflikten zwischen den Leistungsträgern und den Krankenkassen. Trotzdem sind wir in den Beratungen auf einem guten Weg. Ganz konkret: Ich glaube, dass eine gewisse Form der E-Karte 2006 zur Verfügung stehen wird, mit der man in Teilen arbeiten kann. Doch mit einer flächendeckenden Einführung 2006 ist auch nach Rücksprache mit Fachleuten nicht zu rechnen. Die finanziellen Belastungen sind durch Finanzierungsvereinbarungen zwischen den Beteiligten festgeschrieben. Für die Zahnärzteschaft und die anderen Beteiligten ist eine Refinanzierung bestimmter Investitionskosten gesichert. Die Kosten-Nutzen-Analyse hat in einem ersten Gutachten dargelegt, dass der Nutzen auf Seiten der Zahnärzteschaft weniger als ein Prozent beträgt. Im Augenblick wird eine weitere Kosten-Nutzen-Analyse ausgeschrieben. Auf das Ergebnis, was in meinen Augen nicht viel anders aussehen kann, bin ich sehr gespannt. Entsprechend werden wir reagieren. Wir werden außerdem sehr darauf achten, ob der Datenschutz in allen Bereichen gewährleistet ist und es nicht zu einem Missbrauch von Daten der Patienten kommen kann.

zm: Stichwort Bundestagswahl: Bürgerversicherung oder Gesundheitsprämie. Wie werden sich die beiden Systeme auf das Gesundheitswesen, insbesondere auch auf die Versorgung in der Zahnmedizin auswirken?

Dr. Fedderwitz: Ich bin ziemlich sicher, dass die Strukturen nichts anderes bringen werden als einen Kompromiss. Das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. Ein Blick in die Schweiz zeigt, dass wir dort auch eine Mixtur von Bürgerversicherungs- und Gesundheitsprämien in Teilen haben. Und das funktioniert. Das wird in Deutschland natürlich wieder nur überbürokratisiert und deshalb wahrscheinlich nicht mehr so effektiv sein. Wir müssen uns Gedanken machen, wie auch künftig der "attraktive" Patient, nämlich der GKV-Versicherte, mit einem mehr auf Kostenerstattung und Festzuschussmodellen beruhenden System in der Zahnmedizin zurecht kommt.

zm: Was wäre ein mutiger Schritt nach vorn für die künftige Versorgung?

Dr. Fedderwitz: Es müssen durch Festzuschüsse - hilfsweise im Übergang durch Mehrkostenregelungen - betriebswirtschaftliche Konditionen geschaffen werden, die dem Kollegen draußen auch ermöglichen, eine vernünftige, innovative Zahnarztpraxis zu führen.

Dr. Buchholz: Die Zukunft braucht kein von Bürokratie überbordetes Verhältnis zwischen Zahnarzt und Patient, sondern mehr Entscheidungsfreiheit für beide.

Dr. Eßer: Wir sind uns da sehr einig, dass wir - obwohl Körperschaft und KZBV - sehr intensiv für Deregulierung im Gesundheitswesen und für wettbewerbliche Strukturen mit allen Konsequenzen eintreten. Heute ist der Zahnarzt ein Unternehmer, der alle Risiken trägt, aber keine unternehmerischen Chancen hat. Dieses Ungleichgewicht muss beseitigt werden, wenn Zahnheilkunde dauerhaft auf hohem Qualitätsniveau erbracht werden soll. Ich glaube, dass die Zahnärzte mutig genug sind, den Weg in den Wettbewerb zu gehen.

zm: Mit der gesetzlichen Umstrukturierung hat die Zahnärzteschaft intensive Diskussionen über ihre Ausrichtung führen müssen wie schon lange nicht mehr. Inzwischen hat sich die innenpolitische Unruhe ein bisschen gelegt. Wie läuft nach Ihren ersten Erfahrungen die gemeinsame Arbeit mit den anderen berufspolitischen Organisationen?

Dr. Fedderwitz: Mit der Bundeszahnärztekammer gestaltet sich die Zusammenarbeit gut. In der Arbeit mit den anderen Organisationen muss ich konstatieren, dass man offensichtlich von der KZBV - zumindest im vertragszahnärztlichen Bereich - die standespolitische Meinungsführerschaft erwartet - und sie deshalb auch bekommen wird.

zm: Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führten Claudia Kluckhuhn und Egbert Maibach-Nagel.

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