Angst und Depressionen

Alarmierende Entwicklung

Depressionen sind die unsichtbare Todesursache Europas, sagt EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou. Das klingt dramatisch. Tatsächlich verursachen psychische Probleme im Berufsleben immer mehr Arbeitsausfälle. Das belegen Erhebungen mehrerer Krankenkassen.

Mit knapp zehn Prozent nehmen psychische Erkrankungen in der Krankheitsstatistik der 2,6 Millionen erwerbstätigen DAK-Versicherten Rang vier ein. Das bedeutet einen Anstieg um 42 Prozent seit dem Jahr 2000. Wie dem kürzlich vorgestellten DAK-Gesundheitsreport mit dem Schwerpunkt Angst und Depressionen zu entnehmen ist, gingen mehr Fehltage nur noch auf das Konto von Rückenschmerzen, Atemwegserkrankungen und Verletzungen. Einzelbeobachtung oder allgemeiner Trend? Die neuesten Zahlen der AOK deuten auf letzteres hin. Dort waren psychische Störungen mit 7,8 Prozent ebenfalls die vierthäufigste Krankheitsursache. Gleiches gilt für die BKK mit 7,5 Prozent.

Die seelische Gesundheit ist laut DAK-Report insbesondere im Gesundheitswesen, der Öffentlichen Verwaltung sowie bei Organisationen und Verbänden schlechter als in anderen Berufszweigen. Die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen lagen hier im Jahr 2004 um 55 Prozent (Gesundheitswesen), 42 Prozent (Öffentliche Verwaltung) und 40 Prozent (Organisationen und Verbände) über dem Bundesdurchschnitt. Für die Wirtschaftszweige Bildung, Kultur, Medien sowie Banken und Versicherungen, die hinsichtlich ihres Gesamtkrankenstandes unter dem Bundesdurchschnitt liegen, wurden ebenfalls überdurchschnittlich viele psychisch bedingte Arbeitsausfälle festgestellt.

Sinkende Krankenstände

Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen häufen sich. Gleichzeitig befindet sich der Krankenstand der DAK-Versicherten mit 3,2 Prozent auf einem sehr niedrigen Niveau. Auch hier herrscht wieder Übereinstimmung mit AOK und BKK. Sie meldeten für das Jahr 2004 Krankenstände von 4,5 und 3,7 Prozent. Für die AOK ist das der niedrigste Stand seit zehn Jahren. Wie erklärt sich der Trend zu sinkenden Krankenständen? Dr. Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der DAK, führt ihn unter anderem auf die Angst vor Arbeitslosigkeit, Veränderungen in den Tätigkeits- und Produktionsstrukturen, die verstärkte Entlassung von Personen mit hoher Morbidität sowie verringerte Arztbesuche aufgrund der Praxisgebühr und erfolgreiche Maßnahmen zur Gesundheitsförderung zurück.

Volkskrankheiten der Zukunft

Die dynamische Entwicklung von Angststörungen und Depressionen in Deutschland bewertet DAK-Chef Rebscher als alarmierend. Für ihn sind sie die „Volkskrankheiten der Zukunft“. Auf internationaler Ebene kommt man zu ähnlichen Ergebnissen. Die WHO geht davon aus, dass depressive Erkrankungen im Jahr 2020 weltweit den zweiten Rang unter den Behinderungen auslösenden Krankheiten einnehmen könnten. Um den Ursachen für die Verschlechterung der seelischen Gesundheit ihrer Versicherten auf den Grund zu gehen, befragte die DAK Psychotherapeuten und Forscher sowie Vertreter von Kostenträgern und Unternehmen. Die Ergebnisse der Befragung ließen sich, so Rebscher, wie folgt zusammenfassen: „Es ist zu vermuten, dass die Veränderungen in der Arbeitswelt, der Zeitdruck, die Arbeitsplatzverdichtung und die Arbeitsplatzunsicherheit mit dieser Entwicklung in Zusammenhang stehen.“ Um der Besorgnis erregenden Zunahme psychisch bedingter Arbeitsausfälle entgegenzuwirken, müsse das Problem gesundheitspolitisch in den Fokus gerückt werden. Prävention und Versorgungsoptimierung spielten dabei eine zentrale Rolle, sagte Rebscher.

Um der dynamischen Entwicklung psychischer Erkrankungen entgegenzuwirken, hat die DAK verschiedene Pilotprojekte gestartet. Dazu gehören Infoveranstaltungen, in denen Versicherte über Krankheitsbilder und deren Behandlung aufgeklärt werden. Wie eine Bevölkerungsumfrage der DAK im Februar 2005 zeigte, sind Anstrengungen in diesem Bereich nach wie vor notwendig. Denn obwohl 82 Prozent der Befragten psychische Erkrankungen nicht mehr als Tabuthema empfanden, hätten immer noch 56 Prozent Hemmungen, deswegen am Arbeitsplatz zu fehlen. Auch die AOK setzt auf präventive Maßnahmen: „Besonders positive Impulse können von der betrieblichen Gesundheitsförderung ausgehen“, meint Dr. Barbara Marnach, Ärztin bei der AOK. Mängel im Arbeitsklima ließen sich schon durch die Schulung von Führungskräften oder Entspannungskurse für alle Mitarbeiter erheblich verringern, so Marnach.

Die Herausforderung annehmen

Die Weichen für eine Verbesserung der seelischen Gesundheit müssen nach Ansicht der DAK auch im Versorgungsbereich gestellt werden. Aus dem Gesundheitsreport geht hervor, dass sich viele Betroffene erst spät für eine Therapie entschieden hatten. Mehr als 70 Prozent gaben an, eigeninitiativ professionelle Hilfe gesucht zu haben, nur ein geringer Teil wurde vom Hausarzt zu einer Therapie motiviert. „Die angemessene Behandlung psychisch kranker Menschen stellt eine Herausforderung dar, der das Gesundheitssystem offenbar nicht in gleichem Maße nachkommt, wie etwa bei der Versorgung somatischer Erkrankungen“, lautet die Schlussfolgerung des Reports. Die DAK hat aus diesem Grund vereinzelt damit begonnen, die psychologische Qualifikation von Hausärzten stärker zu fördern. Nicht ausreichend, heißt es zu diesen Maßnahmen aus Richtung der Psychotherapeuten. Sie erwarten von allen Akteuren im Gesundheitssystem mehr Engagement. „Der Fokus ist noch nicht genügend auf das Problemfeld psychische Erkrankungen gelenkt worden. Betroffene Patienten müssen besser aufgeklärt werden und intensiver partizipieren können. Außerdem sollte die Lotsenfunktion des Hausarztes durch obligatorische psychologische Schulungen gestärkt werden“, fordert Timo Harfst von der Bundespsychotherapeutenkammer in Berlin. In der Verantwortung sind seiner Ansicht nach also Kassen, Hausarztverbände und der Gesetzgeber. Erforderlich sei zudem ein Ausbau der Behandlungskapazitäten, vor allem im Osten der Republik.

In puncto Gegenmaßnahmen wurde auf Anfrage beim BMGS auf das Präventionsgesetz hingewiesen. Die Akteure vor Ort könnten selbst entscheiden, zu welchem Zweck sie die dadurch bereitstehenden Mittel verwenden wollten. Dies sei natürlich auch zur Förderung der seelischen Gesundheit möglich, hieß es aus der Pressestelle. Auf europäischer Ebene hat man die Herausforderung – zumindest auf dem Papier – erkannt und angenommen. Markos Kyprianou, EUKommissar für Gesundheit, bezeichnete psychische Erkrankungen auf einer WHOKonferenz zu diesem Thema als „Europas unsichtbare Todesursache“. Jedes Jahr kämen mehr Menschen durch Selbstmord ums Leben als in Autounfällen. Um dem entgegenzuwirken, verabschiedeten die europäischen Gesundheitsminister im Januar in Helsinki einen „Aktionsplan für psychische Gesundheit“, der unter anderem eine gute Primärversorgung und mehr finanzielle Mittel für diesen Bereich vorsieht.

Psychologische Kompetenz der Zahnärzte ausbauen

Für die Zahnmedizin spielt das Thema seelische Gesundheit ebenfalls eine wichtige Rolle. Schlechte Zähne können ein Anzeichen für psychische Probleme sein. Dabei muss der Zahnarzt aber differenzieren, sagt Prof. Dr. Stephan Doering, Professor für Psychosomatik in der Zahnheilkunde an der WWU Münster und Mitglied im Arbeitskreis Psychologie und Psychosomatik in der DGZMK: „Patienten mit schlechter Mundgesundheit sind nicht zwingend depressiv. Wenn sie aber außerdem niedergeschlagen sind und Schwierigkeiten bei Compliance und Anamnese auftreten, sollte der Zahnarzt aufmerksam werden.“ Oft ist das Erkennen der psychischen Störung für fachfremde Ärzte schwierig. Und selbst wenn die diagnostische Kompetenz vorhanden ist, stellt sich die Frage, wie man betroffenen Patienten am besten begegnet. Hier fehle es Zahnärzten oft an der richtigen Gesprächsführungstechnik, so Professor Doering. Er regt daher an, die psychologischen Kompetenzen von Zahnärzten schon im Studium stärker zu fördern oder sie durch postgraduelle Weiterbildung auszubauen.

INFO

Hilfe bei der Diagnose

Zur schnelleren Diagnose von Depressionen können schon einfache Screening-Fragebögen beitragen, die von Patienten im Wartezimmer ausgefüllt werden. Die Auswertung der Antworten lässt gezielte Rückschlüsse auf mögliche psychiatrische Erkrankungen zu. Von der WHO wurde ein fünf Punkte umfassender Fragebogen entwickelt, der unter http://www.who-5.org zur Verfügung steht.

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