Behandlung von Hochrisikokindern in Wesel

Bessere Bedingungen für benachteiligte Kids

Kinder mit hohem Kariesrisiko werden von ihrer Familie meist nicht genügend betreut. Damit sie dieselben Gesundheitschancen erhalten wie Kids mit besseren Startbedingungen, hat die Zahnärztekammer Nordrhein im Kreis Wesel eine Kooperation zwischen niedergelassenen Zahnärzten und dem ÖGD ins Leben gerufen.

Insgesamt 40 Zahnärzte engagieren sich bislang im Netzwerk. Sie alle wollen helfen, Kinder mit hohem Kariesrisiko auf ein gutes orales Gesundheitsniveau zu bringen. „Wir haben uns eine schwierige Aufgabe gestellt“, gibt Dr. Rüdiger Butz, Vizepräsident der Kammer Nordrhein, unumwunden zu. Schwierig, weil die Zahnärzte nicht nur die Zahnbehandlung durchführen, sondern auch eine Verhaltensänderung bewirken müssen.

Soziale Kompetenz gefragt

Neben fachlicher Kompetenz sind solide sozialpädagogische, psychologische und kommunikative Kenntnisse gefragt. Und doch: „Wenn wir Zahnärzte uns selbstverantwortlich handelnde Patienten wünschen, müssen wir auch einen gesellschaftlichen Beitrag dazu leisten“, argumentiert Prof. Dr. Michael Noack, Direktor der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie, Köln, und Mitbegründer der Initiative. Um die Hochrisikokinder überhaupt zielgenau zu erreichen und zu betreuen, ist eine enge Zusammenarbeit mit den Kollegen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) notwendig. Eine spezielle Fortbildung seitens der Kammer garantiert bei Zahnärzten und Assistentinnen das Know-how in der individualprophylaktischen Betreuung.

Doch das Problem besteht nicht allein darin, die Risikokinder zu erreichen. Weitaus schwieriger ist der Umgang mit den Kids in der Gruppen- und in der Individualprophylaxe. „Zwei Fragen sind dabei von Bedeutung“, erklärt Dr. Wolfgang Micheelis vom Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ), das die Studie begleitet: „Was kann in beiden Präventivbereichen jeweils geleistet werden, und wo liegen die Schnittstellen?“

Mithilfe der Gruppenprophylaxe erfasst der ÖGD die Kinder mit erhöhtem Kariesrisiko. Um dieses Risiko deutlich abzusenken, sieht das auf drei Jahre angelegte Projekt folgende Maßnahmen vor:

• Der ÖGD leitet die Hochrisikokinder an ein Netzwerk speziell geschulter Praxen

• Sanierungsphase

• Individualprophylaxe

• Rückkehr in die Gruppenprophylaxe

Die gleichbleibend unterversorgte Gruppe wird herausgefiltert. Parameter ist der DMFS. Das bedeutet, dass mindestens zwei Untersuchungen im Abstand x erfolgen müssen, um die unterversorgten Kinder zu identifizieren. Ist die Behandlung abgeschlossen, wird die Kariessanierung dokumentiert. Von der anschließenden Betreuung in der Praxis bis zur nächsten Gruppenuntersuchung befindet sich das Kind in der Individualprophylaxe, danach geht es zurück in die Gruppenprophylaxe.

Mit einem Schreiben, das die ÖGDZahnärzte bei der Gruppenuntersuchung austeilen, wollen die Initiatoren die Eltern der Risikokinder direkt einbinden und ihnen dadurch die Ängste und Probleme im Hinblick auf die Therapie nehmen.

Kommt man an die Eltern nicht heran, sei es wichtig nachzuhaken und die Gründe für das Abblocken herauszufinden, so Butz. Zwei Kernelemente soll das Schreiben enthalten – die Sachinformation und die gesundheitserzieherische Motivation:

1. Schuleingangsuntersuchung durchgeführt, 2. Zahnschäden gefunden, 3. Bei Nichtbehandlung: früher oder später auftretende Schmerzen, 4. Familienzahnarzt vorhanden?, 5. Geschulte Zahnärzte mit Geschick und Gespür für Kinder als Anlaufstelle, 6. Schmerzfreie Behandlungstherapien, 7. Vorbeugung neuer Zahnschäden, 8. Keine Extra-Kosten für die Behandlung, 9. Keine Praxisgebühr, 10. Direkter telefonischer Kontakt möglich.

Ziel der Interventionssstudie ist es also, Kinder mit hohem Kariesrisiko direkt anzusprechen und ein in sich geschlossenes Lenkungssystem aufzubauen, bei dem ÖGD und niedergelassene Zahnärzteschaft eng verzahnt sind. Beide Seiten können ihre Rollenvorteile in das Projekt einbringen: Die ÖGD-Zahnärzte ermöglichen den Kontakt zu den Hochrisikokindern, die niedergelassenen Netzwerkzahnärzte übernehmen die Sanierung und Intensivbetreuung.

INFO

Immer noch Handlungsbedarf

Die orale Gesundheit der Kinder hat sich in Deutschland deutlich gebessert, das belegt die DMS-III von 1999. Dennoch gibt es viel zu tun:

• Etwa 22 Prozent der Kinder bis zum zwölften Lebensjahr haben 61 Prozent aller Zähne mit Karieserfahrung. Davon hat eine Hochrisikogruppe von acht Prozent 30 Prozent aller akut erkrankten Zähne. Diese Kinder korrelieren mit spezifischen Sozial- und Verhaltensdaten und sind zahnmedizinisch und familiär unterbetreut.

• Jetzt haben die Initiatoren bei der Euregio den Antrag gestellt , das Projekt zu finanzieren. Stimmt sie zu, wird von Groningen bis Mönchengladbach das Netzwerk für Zahnheilkunde nach Weseler Vorbild aufgebaut.