IZZ-Presseforum zur Behandlung von Menschen mit Behinderungen

Mittendrin statt außen vor

Voll ins Schwarze getroffen hat das Informationszentrum Zahngesundheit Baden-Württemberg (IZZ) mit der Themenwahl des diesjährigen Presseforums in Heidelberg. Es ging um Anspruch und Wirklichkeit bei der zahnmedizinischen Versorgung von Menschen mit Behinderungen. Beeindruckt zeigten sich die rund 30 teilnehmenden Journalisten über die Sensibilität, mit der der zahnärztliche Berufstand mit dieser speziellen Patientengruppe umgeht.

Der baden-württembergische Kammerpräsident Dr. Udo Lenke führte den Journalisten deutlich vor Augen, dass die zahnmedizinische Versorgung von Menschen mit Behinderungen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei. Es gelte, Strukturen im gesellschaftlichen Alltag zu schaffen, die diese Menschen nicht ausgrenzten und isolierten, sondern ihrer besonderen Lebensund Arbeitsweise gerecht würden. Für Zahnärzte stelle der Umgang mit dieser Patientengruppe eine besondere Herausforderung dar. 

Weitere Problemfelder sah Lenke in der Tatsache, dass nicht alle Praxen behindertengerecht ausgestattet seien oder dass eine unzureichende Ausbildung in Studium oder postgradualer Fortbildung über den Umgang mit Behinderten vorherrsche. Ganz wichtig sei eine fächerübergreifende Kooperation zwischen Medizinern, Zahnmedizinern, Betreuern, sozialen und karitativen Einrichtungen und Behörden. Ebenso wichtig sei die Zusammenarbeit mit dem gesamten Praxisteam.  

Die Kammer Baden-Württemberg hat im Bereich der Versorgung Behinderter bereits viele effektive Schritte eingeleitet. So werden von der Landesarbeitsgemeinschaft für Zahngesundheit Erzieher und Lehrer in Schulen und Kindergärten sowie Pfleger und Betreuer von Behinderteneinrichtungen ausgebildet. Ein spezielles Konzept, das vom Arbeitskreis für Alterszahnheilkunde und Behindertenbehandlung des Kammervorstandes ausgearbeitet wurde, sieht unter anderem den Ausbau der Zusammenarbeit mit den Dachverbänden der Trägerorganisationen von Einrichtungen von Behindertenhilfe oder Gespräche mit den Verantwortlichen der Krankenkassen oder dem Sozialministerium vor. Hinzu kommen Fortbildungsveranstaltungen, ein spezielles Handbuch der Mundhygiene und ein im Internet abrufbarer Praxisführer.  

Prof. Dr. Andreas Schulte von der gastgebenden Poliklinik für Zahnerhaltungskunde Heidelberg, ging auf zahnerhaltende Maßnahmen ein. Er machte in seinem Referat deutlich, dass gerade für Menschen mit Behinderungen eine optimale Fluoridbersorgung sehr wichtig sei. Aus zahnmedizinischer Sicht werde der Schweregrad einer Behinderung durch die Beeinträchtigung der Fähigkeit mitbestimmt, eine angemessene Mundhygiene betreiben zu können, was Schulte an vielen konkreten Beispielen der Presse aufzeigte.

Mit besonderer Spannung verfolgten die Pressevertreter das Referat von Dr. Guido Elsässer, der als niedergelassener Zahnarzt schwerpunktmäßig Behindertentherapie durchführt. Anhand von Fallsbeispielen per Video wurden die verschiedenartigen Probleme rund um die Behandlung behinderter Menschen sehr anschaulich vor Augen geführt. Die Erfahrungen von Christa Bauer, Mutter einer geistig behinderten erwachsenen Tochter, rundeten diese Eindrücke ab.

Das Presseseminar gab einen Rundumschlag um das gesamte Themenfeld. So referierte Prof. Dr. Peter Cichon, Witten-Herdecke, ausführlich über parodontologische Besonderheiten bei Menschen mit Behinderungen. Schwierigkeiten bei der Therapie bereiteten vor allem die mediakmentös verursachte Gingivavermehrung infolge von Phenotoin bei der Behandlung zerebraler Krampfanfälle oder die ausgedehnten gingivalen Entzündungen und parodontalen Destruktionen bei Down- Syndrom-Patienten.

Weitere Referate zu chirurgischen und prothetischen Maßnahmen kamen ebenso zur Sprache wie die Frühförderung von Kindern mit Behinderungen aus Sicht der Kieferorthopädie in Zusammenarbeit mit der Logopädie.  

Die gesundheitspolitische Sichtweise skizzierte Dr. Ulrich Noll, Zahnarzt und gleichzeitig Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion. Sein Votum: In der Behindertenpolitik müsse ein Paradigmenwechsel stattfinden, und zwar weg von der Überbetreuung und hin zu einer Sichtweise, die den behinderten Menschen integriert statt isoliert.  

Alles in allem ist es dem IZZ mit dieser Veranstaltung anschaulich gelungen, die Presse für das sperrige Thema zu sensibilisieren und den behinderten zahnärztlichen Patienten sowie ihren Behandlern eine besondere Plattform zu bieten mit dem Tenor: Mittendrin statt außen vor. 

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