Medizin und Wissenschaft

Eine Frage der Ethik

„Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu.“ Kants Kategorischer Imperativ gilt nach wie vor. Doch überschreitet der medizinische Fortschritt heute technische und moralische Grenzen, die gestern noch unüberwindbar schienen. Ethischer Sachverstand ist also verstärkt gefragt. Medizinethiker überprüfen daher zunehmend bestehende Normen auf ihre Gültigkeit und beraten Gesellschaft, Ärzte und Patienten. Von der Stammzellenforschung bis zur Sterbehilfe.

Am 31. März starb die Koma-Patientin Terri Schiavo. Insgesamt 15 Jahre lag die hirngeschädigte Frau im Wachkoma und wurde künstlich ernährt bevor man ihr auf Wunsch des Ehemanns die Magensonde entfernte. Der Fall ging um die ganze Welt: Darf man einen Menschen, der keine Aussicht auf sein früheres Leben hat, bewusst sterben, gar verdursten lassen? Befürworter und Gegner der Sterbehilfe lieferten sich erbitterte Gefechte, in den Medien wurde der Fall wochenlang heiß diskutiert.

Sterbehilfe ja oder nein – nicht nur bei dieser Frage kochen die Emotionen hoch. Forscher entschlüsseln die menschliche DNS, Ärzte transplantieren Herzen und können klinisch Tote wieder zum Leben erwecken. Vom Klonen über Patientenverfügungen bis hin zu Gentests und Schönheits-OPs – die Liste heikler Themen an der Schnittstelle zwischen Ethik, Recht, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Verantwortung ist lang.

Fragen zur Moral lassen sich immer weniger auf allgemeingültiger Ebene diskutieren. Zu rasant eilt die medizinische Forschung voran. Und zu brenzlig sind die Konsequenzen, die die geforderten Entscheidungen mit sich bringen. Zweifellos eröffnet der Fortschritt neue Chancen und Perspektiven in der Behandlung. Doch das Dilemma bleibt: Wo liegt jenseits des medizinisch Machbaren die Grenze dessen, was wir ethisch verantworten können?

Verschobene Grenzen

Wurden früher die Handlungsvorschriften aus gottgegebenen Werten ableitet, ändert sich der soziale Rahmen heute permanent. Und mit den immer neuen Möglichkeiten, die der Fortschritt bringt, wandeln sich auch die Normen. Deshalb muss die Gesellschaft die bestehenden Normen ständig auf ihre Gültigkeit überprüfen.

Allein der gute Wille reicht allerdings nicht. Ethischer Sachverstand ist gefordert. Genau diese Kompetenz bringen die Ethikräte und Ethikzentren ein. Sie stoßen eine ethische Reflexion über die Grenzen von Medizin und Technik an, um einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Handlungsmöglichkeiten zu fördern. Denn theoretische Erkenntnisse werden heutzutage unablässig technisch umgesetzt und dringen in sämtliche Lebensbereiche vor – die Grenze zwischen Grundlagenforschung und Anwendung verschwimmt immer mehr. Eine intensive Beurteilung dieser Prozesse ist deshalb unentbehrlich. Sowohl innerhalb der scientific community als auch in der gesamten Gesellschaft. Die Ethikräte und -kommissionen betrachten es dabei als ihre genuine Aufgabe, diese Urteilsbildung zu begleiten und zu unterstützen. Wichtigste Plattform: der Nationale Ethikrat, 2001 von der Regierung Schröder errichtet. Der Rat versteht sich als „nationales Forum des Dialogs über ethische Fragen in den Lebenswissenschaften“. Er soll den interdisziplinären Diskurs von Naturwissenschaften, Medizin, Theologie und Philosophie, Sozial- und Rechtswissenschaften bündeln und zu ethischen Fragen und den Folgen für Individuum und Gesellschaft Stellung nehmen. Etwa zum Thema Biobanken: Müssen Patienten und Spender darüber informiert werden, wenn genetische Daten oder Körpermaterialien, wie Blut und Sperma, nicht für gezielte therapeutische und diagnostische Methoden, sondern für andere Zwecke weiter verwendet werden? Oder zur Patientenverfügung: Aktuell legte der Rat nahe, dass die Patientenverfügung für den Arzt wie für das Pflegepersonal verbindlich sein und dass Reichweite und Verbindlichkeit nicht auf bestimmte Phasen der Krankheit beschränkt werden sollten.

Heil oder Horror

Aber interessieren sich Praktiker überhaupt für derart abgehobene Diskussionen? Die Antwort ist eindeutig: Ja. Denn in ihrem Alltag werden Ärzte ständig mit ethischen Problemen konfrontiert. Ganz hautnah. Eine 15-Jährige will sich die Brust vergrößern lassen. Der ehemalige Chef der Jungen Union lehnt es ab, alten Menschen eine neue Hüfte zu bezahlen. Ein kinderloses Paar wünscht nach zwei vergeblichen Versuchen zum dritten Mal eine In-vitro-Befruchtung. Eine Frau will abtreiben, weil ihr Baby das Down-Syndrom haben wird. Wo hört das Heil auf und wo fängt der Horror an?

Um Ärzte zu unterstützen, haben viele Kliniken so genannte Ethical Boards eingerichtet, in denen ein informeller Kreis aus Ärzten und Krankenhausseelsorgern brisante Entscheidungen aus der Praxis diskutiert. Dort wird beispielsweise auch besprochen, wie sich der Arzt in solchen Situationen verhält: Trete ich im Patientengespräch als wohlwollende Vaterfigur auf oder berate ich partnerschaftlich? Mit wem konferiere ich, mit Fachkollegen oder mit den Betroffenen?

Aus allgemeinen ethischen Forderungen lassen sich nämlich oft keine konkreten Handlungsanweisungen ableiten. Hier helfen speziell die ärztlichen Berufsordnungen weiter. Sie enthalten nicht nur allgemeine Verpflichtungen zur Berufsausübung des Arztes, sondern konkrete Richtlinien und Empfehlungen. Darüber hinaus bewerten unabhängige Ethikkommissionen an den medizinischen Fakultäten und Ärztekammern Projekte von der Grundlagenforschung an Menschen bis zur Arzneimittelforschung. Das Uni-Fach Medizinethik soll die angehenden Ärzte ebenfalls besser auf die gestiegenen Anforderungen des Berufs vorbereiten. Trotz der Empfehlungen und Richtlinien bleibt der Konflikt natürlich nach wie vor bestehen: Entscheiden muss der Arzt in der Regel allein. Bleibt zu hoffen, dass er dies künftig im Konsens mit der Gesellschaft tut. Und die Last der Verantwortung nicht weiter alleine trägt.