Editorial

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Deutschlands Parteien sind wohl auch diesmal gut beraten, sich im Bundestagswahlkampf erst dann zurückzulehnen, wenn am 18. September die Wahllokale geschlossen, die Urnen versiegelt sind. Bis dahin werden Medien, Meinungsforscher und nicht zuletzt die Kandidaten selbst immer wieder neuen Stoff bieten, der so manchen Wähler in seiner Entscheidung schwanken lässt.

Auf Misstrauenskrücken gestützt kommt außerplanmäßig ein Blitzwahlkampf daher, der kaum Raum für sorgfältig geplante, nur noch abzufahrende Strategien lässt. Symptomatisch ist wohl auch deshalb eher der Eindruck von Wildwuchs, von einer gewissen Unbeherrschtheit innerhalb der Parteien.

Der Wähler ärgert sich, vor allem über das gegenseitige Unterschieben oder – noch schlimmer – sogar freiwillige Aufsuchen triefender Fettnäpfe. In all diesem Geplänkel vermisst die Bevölkerung klare Aussagen, profilierende Entscheidungen. Alles das fehlt, was wirklich geeignet erscheint, Deutschlands wachsende Probleme in den Griff zu bekommen.

Unsere europäischen Nachbarn staunen kopfschüttelnd über den amtierenden Exportweltmeister in ihrer Mitte. Der lamentiert lieber laut über Befindlichkeitsstörungen, weigert sich aber hartnäckig, dagegen etwas zu unternehmen.

„Nur Mut!“ würde das Ausland uns jammernden Deutschen am Liebsten zurufen, um uns endlich zum Handeln zu motivieren. Aber es fehlt an Leuten, die glaubwürdig die nötige Orientierung bieten.

Wie so etwas geht, hat dieser Tage ein anderes, weit älteres „Unternehmen“ überzeugend gezeigt. Die Katholische Kirche hat mit dem Weltjugendtag 2005 vorgemacht, dass man es versteht, Menschen zu bewegen. Eine ganze Million junger Leute, zugereist aus allen Teilen der Welt, traf sich auf einem Feld im rheinischen Kerpen, um gemeinsam zu feiern, sich selbst zu bestärken und gegenseitig zum Leben zu ermutigen.

Die Organisation war angesichts der riesigen Massen nahezu perfekt. Die Manager verstanden ihr „Geschäft“ und hatten keine Probleme, die Medien auf ihre Seite zu ziehen. Eine glanzvolle PR-Arbeit.

Vielleicht hat die Kirche ihr „Woodstock“ aber auch so erfolgreich umgesetzt, weil es sonst niemanden gibt, der den Menschen derzeit etwas wirklich Überzeugendes anbieten kann?

Wie man auch immer dazu stehen mag: Der Papst und sein weltweites „Unternehmen“ haben den Mut, in unserer modernen Welt unkonventionelle Wege zu gehen. Das macht sie in Augen der Katholiken „glaubwürdig“.

Vielleicht sollten Politiker daraus endlich etwas lernen.

Mit freundlichem Gruß

Egbert Maibach-Nagel
zm-Chefredakteur