Mitmachen ist gefragt

MobiTED: der neue Weg der interaktiven Fortbildung

Heute ist Abschlussvorlesung. Mit Klausur, Prothetik, achtes Semester. Alle sind versammelt, nur ein Student fehlt. In dem kleinen Hörsaal der Erlanger Universitätszahnklinik in der Glückstraße 11 knistert die Luft vor Spannung. Denn – heute ist alles anders. Diesmal heißt es nicht, Kreuze richtig zu platzieren – sondern Drücken ist angesagt.

Schon am Eingang steht eine Kiste mit kleinen Geräten, die man oberflächlich als Fernbedienung eines Fernsehers identifizieren möchte. Daneben dann der Laptop, den Oberarzt Dr. Stephan Eitner bedient. Eine Liste dokumentiert die Vor- und Nachnamen der Studenten sowie die ausgehändigten Gerätenummern.

Gelernt haben sie viel, sogar in Gruppen, machmal zu viert, in den letzten Tagen nur zu zweit. Die Nervosität ist groß. Denn diese Klausur ist anders. Anders als die Studenten das bislang gewohnt waren. Die Assistenten der Abteilung gehen durch die Reihen: Alles o.k. Es geht los. Auf der großen Leinwand erscheinen Abbildungen mit Befunden. Dann daneben die möglichen Antworten. Die Studenten sind konzentriert und drücken ... Sie drücken die Zahl, die ihrer Meinung nach die richtige Antwort ergibt. Eine kleine Zahlenleiste der Sendernummern am unteren Rand der Bildübertragungsfläche und ein Zählwerk dokumentieren personenbezogen die eingegangenen Antworten. Es zeigt an, dass ein Gerät gerade eine Antwort „abgeschickt“ hat. Es dauert einen Augenblick, die Spannung steigt ... Der Rechner arbeitet mit systematischer Akribie ... Da, eine Grafik baut sich an der großen Leinwand langsam auf, das Bild wackelt noch und zuckt ehe es schließlich deutlich steht und die ganze Wahrheit verrät. Die einzelnen Fragen erscheinen, hier und da ist ein Aufatmen zu hören, das die spannungsgeladene Luft zerreist. Ein Student flucht leise, ein anderer murmelt: „wusste ich es doch!“

Ein Tastendruck entscheidet über den Semesterschein

Die nächste Frage erscheint, und mit diesem Procerede geht es Schlag auf Schlag. Fragen zur Unverträglichkeit von Zahnersatz, zur Immunreaktion, ob Immigranten häufiger an Unverträglichkeiten leiden oder nicht, wenn ja, warum. Wie behandelt man Geschmacksstörungen? Mit Zink oder Zinn? Wie viele Patienten sind psychisch krank? Und wie viele sind davon therapiepflichtig? Die Balkengrafik zeigt sofort, welche Frage schwierig ist, welche leicht. 96 Prozent aller anwesenden Studenten wussten, dass jeder vierte Patient psychische Krankheitssymptome zeigt, aber nur etwa zwölf Prozent davon therapiebedürftig sind, und zwar besonders die männlichen Angstpatienten. Wie diagnostiziert man die psychischen Komponenten, nach welchem Zeitraum kann man erst definitiv von einer Prothesenunverträglichkeit sprechen, wie diagnostiziert man die Taktilität der Zunge? Diese und viele weitere Fragen stehen auf dem Testatprogramm. Einige Fragen werden zu 100 Prozent richtig gelöst, so das Balkendiagramm, das gleich farbig nach Männlein und Weiblein sortiert hat, manchmal scheitert ein Testling an der Mehrdeutigkeit der Frage-/Antwortstellung.

Ab und an wird nur „aus dem hohlen Bauch heraus“ geantwortet beziehungsweise gedrückt. Auch das kann der Abstimmungsmonitor genau beweisen, denn das Programm ist clever.

Knapp 50 Minuten wird auf diese Weise geprüft. Und sofort gibt es die Lösung dazu. Meine Vermutung, dass sich ein Student durch die ihm schon bekannte falsche Antwort bei den weiteren Fragen aus der Ruhe bringen lässt, wird nach der Klausur widerlegt. „Ich finde das prima, da weiß ich doch gleich, woran ich bin“, sagt eine Studentin im Gespräch mit den zm, aber die richtigen Antworten motivieren noch mehr, Demotivation kommt aus Zeitmangel gar nicht erst auf.

Die Assistenten scheinen ebenso zufrieden, erspart ihnen dieses Verfahren doch die langwierigen Korrekturen, die sonst auf die Wochenenden geschoben werden müssten. Die Universität Erlangen arbeitet inzwischen seit etwa eineinhalb Jahren mit dem mobi-TED System, das nach dem positiven Start in einigen Medizinischen Abteilungen (die Kinderheilkunde verwendet die Geräte in jeder Vorlesung) auch im September 2004 in die Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik durch Initiative von Prof. Wichmann und sein Team Einzug gehalten hat. Das System wird durch die Stiftung Lehre an der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zu 50 Prozent im Rahmen des großen Projektes „Interaktive Lehre in der interdisziplinären mund-, kiefer-, gesichtschirurgischen und zahnärztlich-prothetischen Studentenausbildung am Patienten unter besonderer Berücksichtigung der dentalen Implantologie“ finanziert.

Motivationsfördernd und zeitsparend

Nach der ersten Startphase im letzten Wintersemester wurde das Projekt nun im Sommersemester 2005 mit insgesamt 102 Studenten durchgeführt. Die Akzeptanz bei den Studenten ist sehr hoch, wie auch schon die einzelnen Meinungen der Studenten zeigten. Immerhin hilft es den jungen Menschen dabei, Hemmschwellen abzubauen, die sie zum Beispiel daran hindern würden, coram publico aufzuzeigen, eine Frage zu beantworten oder mehr. Die Anonymität ist durch dieses Verfahren gegenüber den Kommilitonen gewahrt, den Ausbildern gegenüber, in Abhängigkeit von der Systemeinstellung, jedoch nicht. Diese kennen auch bei mobiTED ihre „Pappenheimer“ genau, denn jedes Gerät ist über eine Nummer einem Studenten namentlich zugeordnet. Das Verfahren begünstigt den Zeitfaktor, sehr viele Themen können in einem kurzen Zeitrahmen abgefragt werden. Der Zeittakt für die einzelnen Fragen kann seitens der Ausbilder individuell eingestellt werden, ein Abschreiben ist unmöglich. Die einzige Täuschungsmöglichkeit wäre, dass Student Thomas M. für seine Freundin Diana H. die Tasten drückt. Er läuft allerdings Gefahr dabei, dass Diana dann die Klausur mit seinem Gerät in den Sand setzt. „Das kommt so gut wie nicht vor“, geben die Erlanger Assistenten Auskunft.

Vorerst wurden an der Erlanger Zahnklinik 60 Geräte angeschafft, dazu gehört eine entsprechende Software und das Knowhow eines EDV-begabten Mitarbeiters. Zum Zeitpunkt der Anschaffung mussten 12 000 Euro bezahlt werden. Die Software kann auf jeden Rechner der Klinik installiert werden, allerdings begann man erst mit den Mitarbeitern, die das auch wünschten, um mit dieser neuen Methode zu arbeiten. Ein großer Vorteil ist, so wie oben schon beschrieben, dass der Student beim Verlassen des Hörsaales bereits weiß, wo er steht. Anstatt nach der Vorlesung oder Klausur in den Biergarten zu gehen, muss er wieder an den Schreibtisch, wenn das Ergebnis nicht zu seiner Zufriedenheit ausgefallen ist. Die Klausurergebnisse werden dann im Abteilungssekretariat im Anschluss an das Testat ausgedruckt und können von den Studenten am Folgetag abgeholt werden.

Fortbildung für Zahnärzte auch am Drücker

Aber nicht nur für die Studentenausbildung kann dieses System eingesetzt werden, Prof. Wichmann und sein Oberarzt Dr. Stephan Eitner verwenden die Geräte auch in der zahnärztlichen Fortbildung sowie bei den von ihnen geleiteten APW-Kursen. Gerade hier ist es sinnvoll, die Anonymität zu wahren, um die mögliche Blamage einer „unpassenden“ Antwort unter den Zahnarztkollegen zu vermeiden. Große Furore machten Dr. Gerd Basting und sein Team mit diesem interaktiven Verfahren bei der Durchführung des Deutschen Zahnärztetages 2004 in Berlin.

Hier war erstmalig in einem großen Plenum mit Unterstützung des Quintessenz-Verlages die Zuhörerschaft während der Fortbildungsvorträge mit einbezogen worden – mit großem Erfolg, wie an anderer Stelle in den zm berichtet wurde. Eine anschließende Auswertung der Fragen und Antworten ermöglicht eine Richtungsweisung für zukünftige Veranstaltungen. Ebenso kann festgestellt werden, wie am Beispiel der Erlanger Vorlesung zu sehen war, wenn einige Teilbereiche von nahezu allen Studenten nicht ausreichend beantwortet wurden. Ein Zeichen, dass das Thema in der kommenden Vorlesung noch einmal „auf den Tisch“ muss. Alles in einem – im Zeitalter der Computer-Technik ist diese „technisierte“ Vorlesung eine gute Motivationsmöglichkeit, die Zeit im Hörsaal und auch am Schreibtisch des Ausbildungspersonal spart und dabei noch großen Spaß macht. 

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