Wieder begehrt: Deutsche Aktien

Aufwärtstrend

Seit drei Monaten klettern die Kurse deutscher Aktien. Die Profis sichern sich die günstigsten Werte. Auch private Anleger können von der Renaissance der deutschen Papiere profitieren. Mit etwas Mut und ausgestattet mit genügend Informationen, um Fehler zu vermeiden, bekommen sie ein Stück vom Kuchen.

Der Prophet im eigenen Land gilt nichts. Diese Binsenweisheit hat sich mal wieder bestätigt, als sich die heimischen Börsianer über den plötzlichen Aufschwung der deutscher Aktien wunderten. Dahinter verbergen sich ausländische Investoren sowie Fondsmanager, die den Anteil deutscher Aktien in ihren Depots deutlich erhöht haben.

Lobeshymne aus dem Ausland

Ihr Engagement ist einer der Gründe, warum der deutsche Aktenindex DAX im August knapp 5 000 Punkte erreichte. Sie begründen ihre Haltung damit, dass deutsche Firmenlenker in den letzten Jahren die Unternehmen erfolgreich umstrukturiert haben und so das Vertrauen der Anleger derzeit wieder gewinnen. Die Unternehmen sind profitabler geworden – nicht zuletzt, weil sie den Niedriglohnbereich ausgeweitet oder den Gewerkschaften flexible Lösungen abgetrotzt haben.

Dass das Lob aus dem Ausland hierzulande zunächst einmal kaum Gehör fand, versteht man vor allem im angelsächsischen Raum nicht. Nach Ansicht ausländischer Experten jammern die Deutschen auf hohem Niveau.

Danach scheint die Lage besser zu sein als die Stimmung. Deutschland ist Exportweltmeister. Die Unternehmen melden Rekordgewinne und sind dabei – noch – günstig bewertet. Für preisbewusste Käufer geradezu eine ideale Situation. Experten sagen stabile Konditionenen – unabhängig vom Wahlergebnis – voraus. Daran wird auch ein vorüber gehendes Tief des DAX nicht ändern. Börsianer betrachten solche Dellen vielmehr als Phase der Konsolidierung. Mut macht auch, dass die Unternehmen im ersten Quartale bereits 6,5 Prozent mehr in ihre Ausrüstung investiert haben als im Jahr zuvor.

Seit Beginn des Jahres legte der DAX um knapp 700 Punkte zu. Doch bis zu seinem absoluten Höchststand von 8 065 Punkten im März 2 000 ist es noch ein weiter Weg. Zwischendurch kommt es immer wieder zu Rückschlägen. Die meisten Anleger dürften allerdings einen sanften Anstieg einer schnell aufgeblähten Heißluftblase vorziehen.

Als dunkle Wolke am himmelblauen Anlegerhimmel droht jedoch ein Anstieg des Ölpreises. Experten glauben, dass die Konjunktur einen Anstieg um fünf bis zehn Dollar je Barrel verkraften kann.

Und noch ein weniger ernst zu nehmendes Argument spricht für ein gutes Börsenklima in Deutschland: Danach laufen die Jahre, die mit der Zahl fünf enden, traditionell für die Börse sehr gut. Börsenexperte Robert Rethfeld weiß, dass seit 1885 jedes Fünferjahr im Dow-Jones Kursgewinne gebracht hat. Außerdem glaubt er, dass 2005 schon deshalb ein gutes Börsenjahr wird, weil es ein Nachwahljahr zur amerikanischen Präsidentenwahl in 2004 ist. Und diese Jahre liefen immer besonders gut.

Ein bisschen Aberglaube passt zur Börse. Besser ist es, selbst die Kontrolle über die Entwicklung im Auge zu behalten. So lässt sich auf jede Veränderung entsprechend reagieren. Viel versprechender als die Investition in Zinspapiere sind Aktien mit guten Dividenden allemal.

Um sich als privater Anleger vor großen Abstürzen oder Enttäuschungen zu bewahren, sollte der Einstieg ins Aktiengeschäft sehr umsichtig geschehen. Es gibt mehrere Möglichkeiten. Entscheidend ist in jedem Fall die Risikobereitschaft des angehenden Aktionärs. Die heißeste Nummer ist der Kauf einzelner Aktien. Empfehlenswert ist diese Methode vor allem für Anleger, die sich wirklich gut mit der Börse und dem jeweiligen Unternehmen auskennen.

Wer nur kurzfristig in Aktien investieren will, für den eignen sich Zertifikate oder Fonds, die auf einem Index basieren. Diese Papiere bewegen sich wie der Markt. Um optimal von der guten Entwicklung der Unternehmen zu profitieren, kaufen clevere Anleger Zertifikate, bei denen die Dividenden eingerechnet werden.

Am sichersten erweist sich das Aktiengeschäft beim Kauf von Fondsanteilen. Fonds, die breit gestreut investieren, erlauben ein Engagement über längere Zeit. Die Risiken verteilen sich auf verschiedene Aktien. Um die richtige Gewichtung, Kauf und Verkauf kümmern sich die Fondsmanager. Von ihrem Können und Geschick hängt in erster Linie der Erfolg eines Fonds ab.

Die glorreichen 30

Eine Methode, das Riesenangebot zu sortieren und auszuwählen ist es, sich für Aktien aus einem Index zu entscheiden. Deutschlands wichtigster ist der Dax. Er fasst die 30 Unternehmen zusammen, die den größten Börsenwert aufweisen und mit denen die größten Umsätze an der Börse getätigt werden. Die darin enthaltenen Namen beten interessierte Anleger wie eine Litanei herunter. Dazu gehören unter anderen die Versicherer Allianz und Münchner Rück, die Chemieriesen Bayer und BASF, die Autobauer BMW, DaimlerChrysler und Volkswagen, die Geldhäuser Deutsche Bank und HypoVereinsbank und die Deutsche Börse selbst. Für Anleger, die zwar den Kitzel des Börsengeschäfts gerne mit erleben, das Risiko aber dennoch begrenzen wollen, eignen sich die großen Namen. Über sie gibt es viele Informationen und ihre Mitgliedschaft im Dax spricht für eine gewisse Qualität. Abgesehen von Siemens haben Unternehmen wie DaimlerChrysler, Deutsche Bank, Bayer und BASF mit guten Zahlen überrascht. Trotz der hohen Rohstoffpreise stiegen die Prognosen für die Gewinnschätzungen des Dax um zwei Prozent.

Ein weiteres positives Zeichen setzt die Entwicklung des Euro. Seit Anfang des Jahres gibt er gegenüber dem Dollar nach und erleichtert so den Exporteuren das Geschäft mit dem Ausland. Die deutschen Waren werden billiger. Die Dax-Unternehmen setzen zwei Drittel ihrer Produktion im Ausland ab.

Für eine gute Entwicklung der Dax-Werte spricht auch, dass das Interesse an Rentenpapieren allmählich nachlässt. Experten erwarten eine Erholung der Konjunktur und gehen davon aus, dass die Europäische Notenbank die Zinsen nicht weiter senken wird. Eine Delle in der Kursentwicklung an der Börse könnte es vielleicht im September geben. Doch alle Zeichen deuten darauf hin, dass es längerfristig aufwärts geht. Dafür spricht auch das relativ niedrige Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der Dax-Werte.

Hoffnung auf steigende Kurse machen sich die Experten des Anleger-Magazins „Börse-Online“ unter anderem für die Autobranche. Ohne Skandale wie bei VW schaffte BMW ein Spitzenergebnis von 16,5 Prozent mehr Umsatz im Juli. Sie setzen bei DaimlerChrysler beispielsweise auf die Fähigkeiten von Chrysler-Sanierer Dieter Zetsche. Allein schon der Abgang von Jürgen Schrempp reichte für einen Jubelschrei der Aktionäre. Sein Nachfolger will nun der alten Traditionsmarke Daimler zu neuem Glanz verhelfen.

Neu orientiert hat sich auch das Software-Haus SAP, nachdem der amerikanische Bereich neu aufgestellt worden ist. Im März 2000 erreichte die Aktie ihren bisherigen Höchststand von 286 Euro. Jetzt (Mitte August 2005) liegt sie bei knapp 140 Euro. Manche Fondsmanager halten nach wie vor der T-Aktie einen sicheren Platz in ihrem Depot. Sie schätzen ihr Engagement in Osteuropa und halten sie für niedrig bewertet. Letzteres gilt auch für die Chemieriesen Bayer und BASF.

Voraussetzung für eine gute Entwicklung ist allerdings eine Fortsetzung der begonnenen Reformen.

Börsianer suchen überall nach Hinweisen für die Entwicklung der Kurse. Da muss auch die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 herhalten. Den Kickern von Jürgen Klinsmann sitzen also nicht nur die Fans auf dem Platz im Nacken; auch die Jongleure auf dem Börsenparkett hoffen auf viele Tore der deutschen Mannschaft. Denn dann freuen sich die Fans und das Portmonnee sitzt wieder lockerer.

Anleger, die gerne auch etwas Geld einsetzen wollen aber sich nicht an einzelne Aktien herantrauen, können unter verschiedenen interessanten, auf den Dax spezialisierten Fonds wählen. Laut „Finanztest“ am besten abgeschnitten hat der Adig Fondak. Dort besetzt er seit sieben Monaten den ersten Platz. Als erfolgreich hat sich für ihn die Strategie erwiesen, in der heißen Technologie-Phase auf langweilige Old-Economy-Werte zu setzen. Ihm folgt der DWS Select-Invest. Sein Manager hält sich nicht strikt an die Dax-Werte. Der Index dient ihm eher als Orientierung.

Die zweite Liga holt auf – rasant

Den Vogel abgeschossen in diesem Jahr aber haben die Werte, die dem Dax auf den nächsten 50 Plätzen folgen: der Mdax. Anleger schätzen diese Unternehmen besonders, weil sie sich als dividendenstark erwiesen haben. Seit etwa fünf Jahren laufen diese Werte aus traditionellen Bereichen besser als der Dax. Allein in den ersten sieben Monaten legte der MDax um 22,7 Prozent zu. Vielleicht ist es für einen Einstieg jetzt schon zu spät, warnen Fondsmanager. Ein anderer erinnert sich aber daran, dass man unter Kollegen dieselben Bedenken auch schon vor einem halben Jahr geäußert hat.

Zu den interessanten Werten gehört der Groß- und Einzelhändler für Medikamente Celesio. Er betreibt seinen Handel europaweit und verkauft in rund 1 900 eigenen Apotheken. Eher im Ausland als zu Hause geben die Konsumenten Geld für Designerkleidung aus. Davon profitiert zum Beispiel Hugo Boss. Besonders bei der Jugend, die über reichlich Taschengeld verfügt, erfreut sich Puma, der ewige Konkurrent von Adidas, großer Beliebtheit dank der coolen Kleidung. Ebenfalls in die Auszählung reihen sich Werte wie Krones, Heidelberger Druck, Rheinmetall oder Vossloh ein.

Private Anleger, die noch in den MDax investieren wollen, überlegen sich diesen Schritt genau. Denn der Zug ist zum Teil schon abgefahren. Zertifikate oder Fonds eignen sich höchstens als Ergänzung für das Depot. Spannender können sich die Technik-Werte im TecDax entwickeln. Hierbei handelt es sich um Werte aus dem Chip-, Software- und Solarbereich. Allerdings eignet sich der Einstieg nur für Börsianer, die Spaß am Risiko finden.

Andere wiederum reizen die Werte des SDax. Die hier versammelten so genannten Small Caps sind kleinere Unternehmen mit eher geringem Börsenwert. Zu ihnen gehören Neue-Markt-Vertreter wie comdirect oder EMTV, aber auch traditionelle Firmen wie Gildemeister, Escada, Villeroy&Boch, Zapf-Puppen oder Spezialfirmen wie Masterflex. Geeignet ist dieses Feld aber nur für Zocker, die ein gutes Bauchgefühl dafür haben, ob ein Wert zu teuer oder unterbewertet ist.

INFO

Stichwort: Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV)

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist die Kennzahl, die das Verhältnis des geschätzten Gewinns je Aktie zu ihrem aktuellen Marktkurs darstellt. Das KGV ist eine wichtige Kennzahl zur Beurteilung der Ertragskraft und -entwicklung eines Unternehmens im Vergleich zu einem oder mehreren anderen. (Auch Price-Earning-Ratio PER genannt). Je niedriger das KGV einer Aktie ist, desto preiswürdiger erscheint sie auf den ersten Blick. Wachstumsaktien weisen meist ein höheres KGV auf.

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