Ölpreis xy = Risikofaktor für die Wirtschaft

Eine Gleichung mit Unbekannten

Für den Herbst geben sich die Wirtschaftsexperten verhalten optimistisch. Nur auf eine Frage wissen sie keine Antwort. Was passiert mit dem Ölpreis, insbesondere nach den jüngsten Ereignissen in den USA? Steigt er weiter? Wenn ja, bis wohin? Fällt er mittelfristig? Wenn ja, auf welchem Niveau beruhigt er sich? Und welche Auswirkungen hat seine Entwicklung auf die Konjunktur? Fragen, auf die es keine einheitlichen Antworten gibt.

Eigentlich können sich die Deutschen bequem zurücklehnen. Denn so schlecht wie es scheint, stellt sich die (wirtschaftliche) Lage gar nicht dar.

Null-Komma-Null

Zwar schaffte das Wachstum von April bis Ende Juni gerade mal eine Null vor und hinter dem Komma, doch – auch wenn es paradox klingt: die Exporte boomen, die Industrie hat volle Auftragsbücher dank der stabilen Weltkonjunktur und investiert. Selbst die ängstlichen Verbraucher riskieren den einen oder an deren Euro mehr als sonst.

Auf eine Zahl aber starren alle gemeinsam: auf den Preis je Barrel (159 Liter) Rohöl. Mitte August 2005 stand er bei der Rekordhöhe von 67 Dollar pro Fass. Vor einem Jahr stöhnte die Welt über 48 Dollar für die gleiche Menge. Und fragte sich wo das noch enden soll? Das wissen wir jetzt auch noch nicht. Aber eines ist klar: wir werden noch viel mehr aushalten müssen.

Spekulierten die Verbraucher noch vor Jahresfrist über mögliche Benzinpreise von 1,30 Euro, sind diese längst Realität. Die Experten passen sich den Zeiten an und prognostizieren jetzt einen Benzinpreis von 1,40 Euro bei einem Ölpreis von 74 Dollar je Barrel. Manche wagen sich sogar auf die 100-Dollar-Grenze vor …

Die Gründe für diese Entwicklung haben sich seit dem letzten Jahr kaum verändert:

• Die Nachfrage boomt vor allem in China und Indien,

• USA und andere Länder stocken ihre Reserven auf,

• Angst vor Terroranschlägen.

• Spekulanten treiben den Preis.

• Die Fördermengen lassen sich kaum noch erhöhen.

Das bekannte Karussell dreht sich weiter: Die Verbraucherpreise steigen, die Konsumenten verfügen über noch weniger Geld und halten sich beim Kauf zurück. Die Unternehmen setzen weniger Ware ab …

Doch Fachleute bewerten die Situation optimistischer. Deutschland bezieht den Löwenanteil seines Öls aus stabilen Produzentenländer wie England und Norwegen und den früheren Staaten der Sowjetunion. Ein Lob haben die Deutschen noch aus einem anderen Grund verdient. Sie konnten den Energieaufwand für die industrielle Produktion und damit die Abhängigkeit vom Rohöl seit 1980 um ein Viertel senken. Damit haben sie Spielraum nach unten allerdings fast ausgereizt.

Der Spielraum für die Ölförderung nach oben ist ebenfalls begrenzt. Experten sehen den Tag näher rücken, an dem die Grenze für die tägliche Fördermenge erreicht sein wird. Zu diesem Zeitpunkt wird der Geologe und Geophysiker M. King Hubbert seine Peak-Oil-Theorie bestätigt sehen: Peak-Oil besagt, dass die Ölförderung auf ihrem Höhepunkt eine Zeit verweilen wird, um dann für immer zurück zu gehen – trotz steigender Nachfrage. Hubbert hat bereits 1956 vorhergesagt, dass die Erdölförderung in den USA in den siebziger Jahren ihre maximale Förderkapazität erreicht haben werde. 1970 war dies prompt der Fall; seitdem geht die Fördermenge zurück.

Zwar reden die Experten seit Jahren davon, dass die globalen Vorräte noch für 40 Jahre ausreichen. Wichtiger aber ist die tägliche Fördermenge. Und deren Höhepunkt sehen Fachleute bald erreicht. Die Zuwachsrate jedenfalls verlangsamt sich bereits. Selbst Russland, das bis vor kurzem mit einer zweistelligen Steigerung der Fördermengen aufwartete, meldet einen Stillstand der Expansion. Das verwundert Wirtschaftsexperten, da die immens hohen Ölpreise eigentlich die Förderung antreiben müssten. Das Versiegen alter Quellen rund um den Globus dürfte wohl der Hauptgrund für die verzögerte Förderung sein. Eine andere Erklärung gibt es nicht. Hat doch die Internationale Energieagentur (IEA) im vergangenen Jahr festgestellt, dass die weltweite Förderung um täglich vier Millionen Barrel ausgeweitet werden müsste, nur um die Menge stabil zu halten.

Ressourcen-Forscher Werner Zittel von der Beratungsfirma Bölkow Systemtechnik schätzt, dass die Förderspitze 2010 erreicht sein wird. Er glaubt, dass die Öl fördernden Unternehmen nicht bereit sein werden, intensiv zu investieren, um Vorräten in Ölsänden oder -schiefer abzubauen. Seiner Prognose nach kommen harte Einschnitte auf uns zu. Regenerative Energien bekämen dann die wirklich große Chance.

Alternative Chance

Zwar erlitten die Aktien der deutschen Firmen für erneuerbare Energien im Vorfeld der Wahlen Kursverluste, doch eigentlich wissen alle Parteien um die Notwendigkeit, alternative Wege zu gehen. Aktien von Firmen, die sich in diesen Zukunftstechnologien auf seriöse Weise profilieren können, werden auf längere Sicht ihre Chancen wahren. Die deutschen Wirtschaftslenker rechnen seit langem mit der unbekannten Größe „Ölpreis“ und stellen sich darauf ein.

Marlene Endruweit