Das erste Mal

Step by Step: ein Wegweiser zum Implantieren

Enossale Implantate zur Verankerung von Zahnersatz haben heute als Alternative zu konventionellen prothetischen Verfahren einen festen Platz im modernen Therapiespektrum. Immer mehr Patienten verlangen danach. Aber nicht jeder Zahnarzt beherrscht diese Methode. Der Beitrag soll den Einstieg in die Implantologie für das gesamte Praxisteam erleichtern.

Das Interesse von Patienten und Zahnärzten an der Implantologie wächst nach wie vor, nach vorsichtigen Schätzungen kann angenommen werden, dass im vergangenen Kalenderjahr in der Bundesrepublik Deutschland erstmals über 500 000 Zahnimplantate eingesetzt wurden. Diese steigende Nachfrage nach Implantaten und implantatgetragenem Zahnersatz spiegelt zweifellos ein gesteigertes Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung wider. Für viele Patienten steht demzufolge nicht mehr die grundlegende Wiederherstellung ihrer Kaufunktion im Vordergrund, vielmehr die objektiv überzeugende Therapielösung ihres Befundes. Die Bedürfnisse der Patienten und ihr Interesse an implantologisch-prothetischer Beratung und Versorgung werden von Seiten der Zahnärzte insgesamt mit einer sehr positiven Auseinandersetzung, einer Erfüllung der Aufklärungspflicht auch über implantologischprothetische Therapiealternativen und vor allem einem großen Fortbildungsinteresse beantwortet. Entsprechend verzeichnen die wissenschaftlichen Fachgesellschaften seit Jahren stetig wachsende Mitgliederzahlen.

Als interdisziplinäre Domäne, getragen von zahnärztlicher Chirurgie, Parodontologie und Prothetik, mit Bezügen zur Kieferorthopädie, gibt jede Einzeldisziplin der Implantologie ständig neue Impulse und beansprucht angemessene Berücksichtigung. Das Angebot an Möglichkeiten zur implantologischen Aus-, Fort- und Weiterbildung ist deshalb sehr vielfältig geworden, so dass eine Orientierung schon innerhalb der verschiedenen Fortbildungsarten schwer fällt. Sicherlich lässt die Nomenklatur zwischen Ausbildung, Fortbildung (strukturiert oder nicht strukturiert), Weiterbildung, Erwerb eines Tätigkeitsschwerpunkts, Spezialisierung und postgraduale Qualifizierung [Bergmann-Krauss B, Heidemann D: Glossar: Zahnärztliche Aus-, Fort- und Weiterbildung, Deutscher Zahnärzte Kalender, Sonderdruck. 62. Jahrgang, Deutscher Ärzte Verlag] eine Hierarchie erkennen. Die Einordnung des eigenen Kenntnisstands und des gewünschten Kenntniserwerbs in diese Logik sowie die inhaltliche Auswahl und zeitliche Planung der einzelnen Programme bereiten dem Einsteiger jedoch wahrscheinlich größere Schwierigkeiten als bei anderen Fächern und Themengebieten der Zahnheilkunde.

Im Rahmen von Einzelveranstaltungen (die „Mittwochnachmittag-Fortbildung“) können in der Regel nur isolierte Themen und Aspekte – unbetrachtet ihrer Qualität – beleuchtet werden. Für eine Kontaktaufnahme und Einführung in den Themenbereich Implantologie werden solche Veranstaltungen jedoch ausdrücklich empfohlen, um das eigene Interesse und den eigenen Fortbildungsbedarf zu prüfen. Nicht jeder Zahnarzt fühlt sich zum Implantologen berufen. Die ständige Weiterentwicklung in der Zahnheilkunde gibt jedem interessierten Kollegen hinreichend Möglichkeiten, gegebenenfalls ein anderes, vielleicht näher empfundenes Fach oder Themengebiet im Sinne einer Spezialisierung zu vertiefen.

Wird eine eigenständige implantologische Tätigkeit angestrebt, kann und soll der Einstieg schrittweise erfolgen. Eine fordernde oder ablehnende „ganz oder gar nicht“-Position oder die Befürchtung, einen hohen finanziellen und zeitlichen Aufwand ohne den gewünschten Erfolg zu betreiben, sind größtenteils unbegründet. Vielmehr sollte die Implantologie als Chance begriffen werden, die funktionelle und ästhetische Rehabilitation der eigenen Patienten – im wahrsten Sinne des Wortes – auf neue Pfeiler zu stellen und sich selbst ein neues Therapiespektrum zu eröffnen.

Die seit Jahresbeginn gültige befundorientierte Festzuschussregelung für Zahnersatz gibt durch die mögliche Bezuschussung implantologischer Leistungen sicherlich ein Signal, dem Patienten das Spektrum der Therapiealternativen (kosten-)transparenter darzustellen. Zusätzlich dämpfen die seither gültigen, befundbezogenen Einschränkungen der Indikationen für Teleskop- und Geschiebeprothetik im BEMA und die folgliche Liquidation nach GOZ die „Schmerzgrenze“ zu implantologischen Leistungen ein wenig ab. Auch wenn die Höhe der Bezuschussung je nach Indikationsgebiet sehr unterschiedlich ausfällt, und der erstattungsfähige Anteil besonders bei zahnlosen Patienten und Patienten mit stark reduziertem Restgebiss nur einen Bruchteil der Leistungen abdeckt, wird auf diese Weise dennoch die Budgetverantwortung gewahrt. Implantologische Leistungen werden so zum überwiegenden Teil weiterhin vom Patienten in Eigenleistung erbracht und nicht von der Solidargemeinschaft mitgetragen. Werden diese grundlegenden Sachverhalte, ebenso wie Lebensdauer- und Wirtschaftlichkeitsüberlegungen im Beratungsgespräch entscheidungsoffen erläutert, können sie die Therapieentscheidung des Patienten positiv beeinflussen. Das erfolgreiche Beratungsgespräch kann also durchaus als erste Hürde zur implantologischen Tätigkeit angesehen werden.

Der erste Patient

Häufig erfolgt der konkrete Einstieg in die Implantologie patientenbezogen auf einen oder sehr wenige Behandlungsfälle begrenzt. Grundvoraussetzung ist ein Beherrschen der implantologisch-prothetischen Versorgungskonzepte. Der Implantologie-Einsteiger muss in der Lage sein, den prothetischen Behandlungsaufwand und mögliche prothetische Komplikationen realistisch einzuschätzen und mit seinem Wissen und seinen Fertigkeiten abzugleichen. Behandlungsfälle, die aus prothetischer Sicht zu aufwändig sind, sind als Einstiegsfälle ungeeignet. Deshalb sollten bevorzugt zahnlose Patienten mit insgesamt gutem Knochenangebot und gutem Prothesenhalt im Oberkiefer zur Versorgung des Unterkiefers mit einer abnehmbaren Konstruktion ausgewählt werden. Auch Patienten mit teilbezahntem Kiefer, einer Schaltlücke im Seitenzahnbereich, einseitig oder beidseitig verkürzter Zahnreihe und ebenfalls gutem Knochenangebot sind geeignet. Grundsätzlich sollte davon abgesehen werden, das Versorgungsniveau des Patienten den Kenntnissen und Fähigkeiten des Behandlers anzupassen. Werden komplexe Behandlungsfälle an den Spezialisten überwiesen, gleichgültig, ob nur für chirurgische Leistungen oder für die vollständige Therapie, sollte der Überweisungsfall vom überweisenden Zahnarzt gewissenhaft geprüft und vorbereitet werden. Aus Erfahrungen der Autoren kommt es immer wieder vor, dass Patienten unzureichend aufgeklärt, mit nicht zutreffenden Informationen, unrealistischen Vorstellungen, fehlender Indikation oder als Resignationsfälle überwiesen werden. Eine produktive Zusammenarbeit kann hierdurch erschwert werden.

Die Planung der ersten implantologischprothetischen Behandlungsfälle erfolgt in der Regel auf dem Planungsmodell unter Berücksichtigung klinischer und radiologischer Befunde und fallbezogenem Studium der Literatur sowie ergänzender Medien. Möglicherweise kann sogar ein Spezialist zur Konsultation oder eine Studiengruppe zur Diskussion hinzugezogen werden. Für einen systematischen Einstieg sollte sich die Durchführung dieser ersten Behandlungsfälle auf die Implantationsplanung und die spätere prothetische Versorgung beschränken. In enger Zusammenarbeit mit seiner implantologischen Überweisungspraxis kann der Einsteiger seinen ersten Patientenfall behandeln. Dabei sollte die Aufgabenteilung Chirurgie-Prothetik von Beginn an, das heißt schon während der Planungsphase, unter gleichberechtigten Partnern stattfinden. Aus der Indikationsstellung für die geplante Implantatversorgung – der Schaffung prothetischer Pfeiler – ist der Anspruch abzuleiten, dass prothetische Kriterien, die Implantation nach idealen funktionellen und ästhetischen Gesichtspunkten, vom Chirurgen respektiert und berücksichtigt werden. Die „chirurgische“ Implantation ist als nicht mehr zeitgemäß anzusehen. Vielmehr muss das Ziel der interdisziplinären Zusammenarbeit von „Prothetiker“ und Chirurg die funktionelle und ästhetische Rehabilitation des Patienten sein. Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit muss auch der „Prothetiker“ in der Lage sein, die Möglichkeiten einer chirurgischen Umsetzung seiner prothetischen Vorstellung abzuwägen. Sind seine Vorstellungen einer idealen Planung auf Grund ungünstiger anatomischer Bedingungen chirurgisch nicht oder nur mit nicht vertretbarem Aufwand zu erfüllen, muss er die Planung zweckmäßig revidieren oder flexibel auf eine Planungsabweichung durch eine bereits geschaffene Implantatsituation reagieren. Diese Forderung impliziert auch die Fähigkeit, Zustände nach chirurgischen Komplikationen prothetisch kompensieren zu können. Diese beschriebenen Kenntnisse und Fertigkeiten, die unter dem Begriff Planungssicherheit zusammengefasst werden können, müssen zu Beginn der implantologischprothetischen Tätigkeit sicherlich zunächst mühsam erworben werden. Dem Implantologie-Einsteiger wird deshalb in diesem Stadium seiner Entwicklung empfohlen, gezielt Einzelveranstaltungen zu den Themen Implantationsplanung und implantologischprothetische Versorgungskonzepte zu besuchen. Eine Wissensvertiefung in der Parodontologie wird ebenfalls angeraten. Weiterhin sollte eine intensive Auseinandersetzung mit einem bevorzugten Implantatsystem und den hierzu verfügbaren prothetischen Aufbaukomponenten erfolgen. Bei der Auswahl des Implantatsystems ist sowohl auf eine ausführliche wissenschaftliche Dokumentation zu achten als auch auf die tatsächliche Langzeitverfügbarkeit aller Komponenten.

Ausrichtung der implantologischen Tätigkeit

Dem Step-by-step-Gedanken folgend, der diesem Artikel zu Grunde liegt, sollte sich die weitere Konzentration auf das Management der ersten Behandlungsfälle beschränken. Werden diese Fälle sicher beherrscht, soll der Einsteiger seinen Entwicklungsstand prüfen, seine individuellen Interessen, Stärken und Schwächen formulieren und selbstständig über seine Orientierung entscheiden. Eine gezielte, strukturierte Ausbildung sollte dann grundsätzlich im Rahmen einer integrierenden Fortbildungsreihe absolviert werden. In der Konsensuskonferenz Implantologie entschieden 1998 die wissenschaftlichen Gesellschaften DGI (Deutsche Gesellschaft für Implantologie im Zahn-, Mundund Kieferbereich) und DGZI (Deutsche Gesellschaft für zahnärztliche Implantologie) gemeinsam mit den Berufsverbänden BDIZ EDI (Bundesverband der niedergelassenen implantologisch tätigen Zahnärzte in Deutschland/European Association of Dental Implantologists) und BDO (Berufsverband der Oralchirurgen) und der DGMKG (Deutsche Gesellschaft für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie) über die Richtlinien zur implantologischen Ausbildung und Tätigkeit. Die von der Konsensuskonferenz bestätigten Kursprogramme gewährleisten die gleichberechtigte Berücksichtigung aller Teildisziplinen der Implantologie, eine vollständige, ausgewogene und systemunabhängige Zusammensetzung theoretischer und praktischer Lehrinhalte sowie vergleichbare Methoden der Leistungsüberprüfung und Zertifizierung zur Sicherung des Qualitätsniveaus. Durch strenge und gewissenhafte Auswahl der Referenten aus Universität und Praxis werden Relevanz und Aktualität der Themen sowie die Unabhängigkeit der Lehre gemäß den Leitlinien und Empfehlungen der Bundeszahnärztekammer zur zahnärztlichen Fortbildung sichergestellt, letztlich zur Sicherung der Unabhängigkeit in der freien Berufsausübung des Zahnarztes. Für den geneigten Kollegen bietet die Einrichtung von Masterstudiengängen auch in der Implantologie inzwischen die Möglichkeit, einen international anerkannten, universitären Postgraduate-Abschluss nach den Empfehlungen der Bologna-Erlärung von 1999 zu erwerben [Zahnärztliche Mitteilungen 15, 2005; Communiqué of the Conference of Ministers responsible for Higher Education: Realising the European Higher Education Area. Berlin, 19.9.2003; Beschlüsse der Kultusministerkonferenz (KMK): Ländergemeinsame Strukturvorgaben gemäß § 9 Abs. 2 HRG für die Akkreditierung von Bachelor- und Masterstudiengängen. 10.10.2003].

Auch das Internet spielt bei der Wissensvermittlung eine immer größere Rolle. Über die Einschreibung bei Online-Akademien können digitale Lehrunterlagen abgerufen oder Vorträge und Operationen live mitverfolgt werden.

Die möglichen Ziele reichen von der implantologisch gezielt fortgebildeten, allgemeinzahnärztlichen Tätigkeit über den Erwerb eines Tätigkeitsschwerpunktes bis hin zum Abschluss als „Master of Science in Implantology“ (die Titel variieren). Eine selbständige implantologische Tätigkeit kann dann unter den folgenden Voraussetzungen begonnen werden: Die präimplantologische Diagnostik und Planung sollte unter der speziellen Berücksichtigung der Anatomie des Kiefers und seiner umgebender Weichgewebe erfolgen. Die Feststellung der Eignung eines Patienten für eine Implantattherapie auf Grund seiner Anamnese, der erhobenen Diagnostik und ergänzender medizinischer Befunde sowie die sichere Indikationsstellung sollten ebenso wie das Aufklärungsgespräch routiniert beherrscht werden. Alle vorliegenden Befunde müssen auf Vollständigkeit und Richtigkeit überprüft werden, die Dokumentation muss rechtssicher sein. Die Entscheidung, ob die vorliegenden Unterlagen für die Durchführung der Therapie genügen, muss eigenverantwortlich getroffen werden. Der Behandler sollte mit dem antiseptischen Management chirurgischer Eingriffe, der Infektionsprophylaxe, den (parodontal-)chirurgischen Techniken, Techniken zur Knochenentnahme und gesteuerten Knochenregeneration, dem zu verwendenden Implantatsystem und den entsprechenden Aufbaukomponenten vertraut sein und sie richtig und sicher zum Erreichen des Therapiezieles einsetzen können. Zusätzlich sollte auch das Behandlungsteam in der Praxis mit dem neuen Therapieverfahren und seinen Komponenten vertraut gemacht werden. Eine spezielle Schulung durch einen Supervisor ist besonders empfehlenswert. Weiterhin sollte die Vorbereitung auf die ersten Implantationen in der eigenen Praxis dazu genutzt werden, die Notfallmaßnahmen – ebenfalls im Team – zu wiederholen und zu vertiefen.

Grundzüge der Planungsphase

Ziel der präimplantologischen Planung ist die Entscheidung über ein Versorgungskonzept, die hierfür notwendige beziehungsweise optimale Implantatanzahl und -dimension sowie die Positionierung unter idealen funktionellen und ästhetischen Kriterien, gegebenenfalls in Kombination mit augmentativen Maßnahmen. Zusätzlich zum Planungsmodell sind radiographische Aufnahmen unentbehrlich, um die knöcherne Situation und benachbarte, schonungspflichtige Strukturen zu beurteilen. Die radiologische Diagnostik spielt eine entscheidende Rolle zur Vermeidung von intraoperativen Komplikationen und zur langfristigen Gewährleistung des Therapieerfolges. Eine hinreichende Röntgendiagnostik wird in der Regel durch die Anfertigung eines Orthopantomogrammes erfüllt, die Verwendung einer Planungs- und Orientierungsschablone mit Referenzmarkierungen wird empfohlen. Zeigen klinische Untersuchung und Orthopantomogramm eine ungünstige Ausgangssituation durch ein vermindertes Knochenangebot, kann die Erhebung weiterer radiologischer Befunde (CT, Magnetresonanz- oder digitale Volumentomographie) hilfreich sein. Rechnergestützte, virtuelle Planungssysteme, die auf einer erweiterten Bild gebenden Diagnostik basieren, bieten besonders dem Implantologie-Einsteiger ein höheres Maß an Planungssicherheit.

Zahnloser Unterkiefer

Die implantatprothetische Versorgung des zahnlosen Unterkiefers kann als der ideale Einstiegsfall angesehen werden. Eine schleimhautgetragene, implantatunterstütze Prothese auf zwei intraforaminär inserierten Implantaten als minimales Versorgungskonzept kann mit überschaubarem chirurgischem Aufwand meist ohne die Notwendigkeit augmentativer Maßnahmen durchgeführt werden. Dieses Versorgungskonzept sieht eine lineare Abstützung der Prothese auf einer Stegkonstruktion oder Kugelbeziehungsweise Magnetankern vor. Eine Rotation dieser implantatgestützten Prothese um die lineare Achse ist möglich. Deshalb sollte für implantat-schleimhautgetragene Konstruktionen eine erweiterte Unterstützungsfläche auf vier intraforaminären Implantaten geschaffen werden.

Dabei ist aus biomechanischer Sicht eine näherungsweise quadranguläre Abstützung durch die gezielte Ausnutzung des intraforaminären Knochenangebotes bis nahe an die Begrenzungsstrukturen anzustreben. Die intraoperative Darstellung des Nervus mentalis muss beherrscht werden. Neben Kugelund Magnetankern können auch Teleskope zur Abstützung eingesetzt werden. Durch einen aufgeschraubten Steg, gegebenenfalls mit distaler Extension, können die Implantate primär verblockt werden. Für eine grazilere Gestaltung der Prothese oder eine weitgehend implantatgetragene, rationierte Suprakonstruktion können die schleimhautgetragenen Anteile reduziert werden. Eine festsitzende, rein implantatgetragene Suprakonstruktion kann bei vorhandenem intraforaminärem Knochenangebot auf fünf oder sechs Implantaten geplant werden. Ermöglicht die knöcherne Situation eine Implantatinsertion distal der Foramina mentalia über dem Canalis mandibularis, kann auf bis zu acht Implantaten eine maximale prothetische Versorgung durchgeführt werden.

Zahnloser Oberkiefer

Die implantatprothetische Versorgung des zahnlosen Oberkiefers muss auf Grund einer verminderten Knochenqualität durch eine weniger dichte Spongiosastruktur als eigenes Indikationsgebiet behandelt werden. Die Einheilphase der Implantate ist gegenüber dem Unterkiefer verlängert. Hier ist von einer Versorgung mit weniger als vier Implantaten grundsätzlich abzusehen. Neben der geforderten Implantatanzahl ist zusätzlich eine primäre Verblockung der Implantate über eine Stegkonstruktion zu empfehlen. Über diese biomechanischen Überlegungen hinaus müssen besonders bei der Entscheidung über abnehmbaren oder festsitzenden Zahnersatz ästhetische und funktionelle (phonetische) Kriterien kritischer überdacht werden. Im Oberkiefer müssen die Grundlagen eines ästhetisch rehabilitierenden Behandlungsergebnisses wie Zahn-Lippen-Relation, Lippenfülle und Vertikaldimension vor der Implantation berücksichtigt werden. Implantatposition, -anzahl und -angulation müssen nach diesen Kriterien festgelegt werden. Um diese Voraussetzungen zu erfüllen, muss im Oberkiefer erfahrungsgemäß in 70 bis 80 Prozent der Behandlungsfälle eine Knochenaugmentation durchgeführt werden. Bei ausgeprägtem zentripetalem Resorptionsmuster kann dann eine festsitzende Konstruktion auch mit einer erhöhten Implantatanzahl immer noch das ungünstigere Behandlungsergebnis erbringen. Behandlungsplanungen, die umfangreiche Knochenaugmentationen oder Sinusbodenaugmentationen beinhalten, sind als Spezialistenfälle anzusehen und für den Einsteiger absolut ungeeignet.

Teilbezahnter Kiefer

Der teilbezahnte Kiefer mit einseitig oder beidseitig verkürzter Zahnreihe ist bei gutem Knochenangebot als Einstiegsfall ähnlich gut geeignet wie der zahnlose Unterkiefer. Das Behandlungsziel sollte eine festsitzende Versorgung vorsehen. Die Art des Versorgungskonzeptes – rein implantatgetragene Konstruktion oder im Verbund mit benachbarten Zähnen – sowie die Art der Befestigung – verschraubt oder zementiert – muss individuell auf den Behandlungsfall bezogen abgewogen werden. Im stark reduzierten Restgebiss bereitet die heterogene Ausgangssituation häufig Schwierigkeiten, eine eindeutige Therapieempfehlung zu stellen. Die Pfeilerwertigkeit vorhandener, häufig vorgeschädigter Zähne muss ebenso individuell eingeschätzt werden wie die unterschiedlichen Resorptionsmuster, die aus dem vorangegangenen Zahnverlust resultieren. Diese Ausgangssituation kann dann mit Implantaten zur Pfeilervermehrung für eine verbesserte Abstützung und grazile Gestaltung der Suprakonstruktion ergänzt werden. Während festsitzende Lösungen häufig nur mit erheblichem Aufwand und in einigen Fällen überhaupt nicht umzusetzen sind, bieten herausnehmbare, zahn-implantatgetragene Brücken und Prothesen ebenfalls Möglichkeiten zur funktionellen Rehabilitation.

Das Einzelzahnimplantat im sichtbaren Bereich

Die Einzelzahnimplantation im Bereich der Front- und vorderen Seitenzähne wird – zu Recht – häufig als anspruchsvollstes Gebiet der Implantologie beschrieben. Bezüglich der Implantation im sichtbaren Bereich der Front- und vorderen Seitenzähne wird zusätzlich zur prothetischen Versorgung auch immer wieder die Bedeutung der zu erzielenden Weichgewebsästhetik betont. Der Schwierigkeitsgrad der vornehmlich parodontalchirurgischen Eingriffe ist hoch. Schon in der Planungsphase sollten das Ausmaß vorhandener Knochenresorptionen, Biotyp der Gingiva, Möglichkeiten zur papillenerhaltenden Schnittführung und ergänzende mukogingivalchirurgische Maßnahmen berücksichtigt werden. Die Insertion nach prothetischen Kriterien, das heißt nach idealen funktionellen und ästhetischen Gesichtspunkten, muss bei jedem ästhetisch orientierten Behandlungsansatz erfüllt sein. Deshalb muss bei der Einzelzahnimplantation im sichtbaren Bereich immer mit der Notwendigkeit einer Knochenaugmentation gerechnet werden. Diese Faktoren werden bei der Planung eines Einzelzahnimplantates häufig von Einsteigern unterschätzt, jedoch können selbst kleinste Fehler das Behandlungsergebnis sehr negativ beeinflussen. Die Einzelzahnimplantation kann als besondere Herausforderung angesehen werden, die nur mit einer umfangreichen Erfahrung zu meistern ist.

Fazit

Implantatgetragene Therapielösungen bieten sich bei vielen Patienten als Alternative zur konventionellen prothetischen Behandlung an. Häufig kann so ein verbessertes Ergebnis zur individuellen ästhetischen und funktionellen Rehabilitation des Patienten erziehlt werden. Besonders der Einsteiger soll ermutigt werden, sich selbst und seinen Patienten dieses Therapiespektrum zu eröffnen.

Prof. Dr. Murat Yildirim
Jochen Liebe, Zahnarzt
Klinik für Zahnärztliche Prothetik
Universitätsklinikum Aachen
Pauwelsstraße 30, 52074 Aachen
E-Mail: myildirim@ukaachen.de

1. Information / Beratungs-, Dokumentationspflicht

2. Mit der prothetischen Versorgung beginnen

3. Die ersten Behandlungsfälle für die chirurgischen

Leistungen überweisen

4. Für ein Implantatsystem entscheiden

5. Komponenten des gewählten Implantatsystems beherrschen

6. Fortbildungen besuchen und mindestens eine implantologische Fachzeitschrift regelmäßig lesen

7. Erste chirurgische Behandlungsfälle unter Supervision durchführen

8. Komplexe Behandlungsfälle eher an den Spezialisten überweisen

9. Planungssichere interdisziplinäre Zusammenarbeit im Team (Zahnarzt, Chirurg und Zahntechniker) fördern und pflegen

10. Studiengruppe bilden / beitreten und Behandlungsfälle in dieser Gruppe vorstellen und diskutieren

Weitere Bilder
Bilder schließen