2000 Jahre Gesundheit und Krankheit

Stadtluft macht krank

Von wegen „Stadtluft macht frei“. Stadtluft macht krank. Davon waren jedenfalls die Menschen im 18. Jahrhundert überzeugt. Denn Stadt und Gesundheit – das passte einfach nicht zusammen. Beengte Verhältnisse, schmutzige Luft und verdreckte Gassen brachten Seuchen, Tod und Leid. Erst vor gut hundert Jahren änderte sich die Wahrnehmung: Verwaltung und Ämter sorgten für eine bessere Hygiene und eine gesundheitliche Versorgung der Armen. Sanitäre Reformen machten die Städte wieder zu einem sicheren Ort. Den langen Weg dorthin zeigt eine Ausstellung am Beispiel der Stadt Köln.

„Die gossen stinken von dem uisgeschotten unflat uis den spoilsteinen und anderswahe“, beschreibt ein Kölner Kaufmann im 16. Jahrhundert seine Heimatstadt. Der Sommer ist heiß und trocken, der Gestank in den Gassen unerträglich. Herrenlose, tollwütige Hunde streunen umher, Schweine kreuzen den Weg. Die von den Römern angelegten Abwasserkanäle liegen längst brach, stattdessen nutzt die Allgemeinheit Kloaken und Abtritte oder kippt den Unrat einfach auf die Straße.

Vergeblich versucht die Obrigkeit, den schlechten hygienischen Bedingungen entgegenzuwirken. Erlasse, wie das Verbot, Blut- und Schlachtabfälle einfach auf den Wegen zu entsorgen, fruchten nichts. Die Ratsherren sind machtlos ob der katastrophalen Zustände und riegeln einzelne Gassen deshalb einfach ab. Die Folge: Pest und Pocken wüten immer wieder in Köln, mindestens 27 Seuchenausbrüche sind zwischen 1350 und 1600 belegt.

Im Dezember 1349, kurz vor dem Jahreswechsel, erreicht der Schwarze Tod Köln. Seemänner aus der tunesischen Handelsniederlassung Caffa, dem heutigen Feodosia auf der Krim, schleppen die Krankheit in Europa ein. Von dort verbreitet sie sich immer weiter. Wo sie auftritt, verursacht sie ein Massensterben zuvor völlig unbekannten Ausmaßes. Schätzungsweise 20 bis 25 Millionen Menschen, rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung Europas, kommen durch den „Schwarzen Tod“ um. Besonders die Armen sind von der „Pestilenz“ betroffen – aber Krankheit und Tod machen freilich auch vor den Türen der besseren Kreise nicht Halt.

„So konnte, wer durch die Stadt gegangen wäre, unzählige Leichen liegen sehen. Dann ließen sie Bahren kommen oder legten, wenn es an diesen fehlte, ihre Toten auf ein bloßes Brett. Auch geschah es, dass auf einer Bahre zwei oder drei davongetragen wurden, und nicht einmal, sondern viele Male hätte man zählen können, wo dieselbe Bahre die Leichen des Mannes und der Frau oder zweier und dreier Brüder und des Vaters und seines Kindes trug“ (Giovanni Boccaccio im Dekameron, 1348).

Was nach der Epidemie in Köln passiert, bleibt weitgehend im Dunkeln. Die Kölner Annalen verraten lediglich eine „stervede van den druissen“, ein Sterben an den Drüsen. Die große Romwallfahrt 1350 lässt jedoch darauf schließen, das man in Köln hoffte, mit Frömmigkeit dem Grauen zu entgehen.

Medizinisch sind die Ärzte hilflos. Im vormikrobiologischen Zeitalter ahnt man noch nichts von den wahren Erregern der immer wiederkehrenden Epidemien – nur dass die Hygiene eine wichtige Rolle spielt, wissen die Mediziner. Die Seuchen, so glauben sie, entstünden durch so genannte Miasmen, also durch giftige Dünste, die von verunreinigten Gewässern und dem Schmutz aufstiegen. Die Miasmentheorie ist von der Antike bis Ende des 19. Jahrhunderts im Bewusstsein der Zeitgenossen tief verankert.

Gefragt ist Lebensqualität

Das Landleben wird im 18. Jahrhundert zum Inbegriff des natürlichen Lebens – die Stadt hingegen zur Stätte des körperlichen und sittlichen Verfalls. Erst nach 1890 kehren sich die Verhältnisse wieder um. Köln wächst rasant. Allein von 1816 bis 1850 verdoppelt sich die Bevölkerung. Sie steigt bis 1871 auf knapp 130 000 Einwohner und hat damit eine höhere Dichte als Berlin. Die Industrialisierung ändert das ganze Leben dramatisch. Der schnelle technische Wandel löst jahrhundertealte Traditionen ab und zwingt zum Umdenken: Immer mehr Müll fällt an, die Fabrikschlote qualmen, die Wohnungen sind dunkel, Essen und Trinken zum Teil verkeimt und verwurmt. Die katastrophalen Zustände bilden den perfekten Nährboden für eine gefährliche Epidemie: die Cholera. Wieder trifft es die Stadt unvorbereitet, doch immer weniger Menschen finden sich mit ihrem Schicksal ab: „In der Nacht 5ten v. M. (...) bekam meine Mutter heftige Krämpfe und erbrechen, ich sandte gegen 7 Uhr morgens gleich zum Doktor Steinhausen, ließ ihn durch meinen Bruder auf die Gefahr aufmerksam machen, da auch bereits der Herr Pastor anwesend sei – mein Bruder wurde jedoch mit der Antwort abgewiesen, er (...) könne nicht eher wie nachmittags um 2 kommen. Gegen 11 Uhr morgens kam jedoch der Dr. Leuffen und verordnete die sofortige Aufnahme in das Spital. Meine Mutter starb noch in der selben Nacht und würde vielleicht gerettet worden sein, wenn gleich ärztliche Hülfe erschienen wäre.“

Die Seuche bedroht nicht nur das Leben der Bevölkerung. Sie beschädigt auch das Image der Stadt und gefährdet den Standort, zum Beispiel für große Ausstellungen und Messen, gleich, ob die Gefahrenquelle im „siechhaften Ort“ oder in der Ansteckungsgefahr gesehen wird. Der Kampf gegen die Cholera setzt einen Prozess in Gang, an dessen Ende Köln Verantwortung für die Gesundheit seiner Einwohner übernimmt. Motor für die Reformen ist die neue Bürgerklasse: Sie will die Stadt komplett umgestalten. Die Infrastruktur soll allen Einwohnern ein gutes Leben ermöglichen und Stadt und Mensch gesund erhalten – die Assanierung, der Aufbau einer hygienetechnischen Infrastruktur, beginnt.

Umfassende Trinkwasser- und Nahrungsmittelkontrollen sollen die Versorgung mit gesundheitlich unbedenklichen Nahrungsmitteln gewährleisten, Wohnungsinspektionen ein zuträgliches Wohnklima schaffen, grüne Lungen für gute Luft sorgen. Die City wird über die mittelalterliche Stadtmauer erweitert. 1836 wird die Gasanstalt gegründet, das erste E-Werk geht ans Netz, Müllmänner reinigen die Straßen. Außerdem baut die Stadt endlich die Kanalisation aus. Die medizinische Forschung geht den Ursachen von Infektionskrankheiten auf den Grund. Um die vielen Menschen versorgen zu können, errichten die Städte Verwaltungen. Mit dem Gesundheitsamt und den städtischen Kliniken schafft Köln zwei bedeutsame Einrichtungen.

Die moderne Stadt

Doch nicht nur das Bild Kölns verändert sich: Auch die Einstellung zu den Aufgaben städtischer Gesundheitspolitik wird eine andere: Die moderne Stadt wird der Ort, wo viele grundlegende, ja sogar vorbildliche gesundheitpolitische Modelle für spätere sozialpolitische Maßnahmen entwickelt werden. Das kommunale Gesundheitswesen löst die ehrenamtliche Wohltätigkeit ab. Die Stadt übernimmt im Sinne der Sozialhygiene die Fürsorge für die Unterschichten und setzt Ärzte ein, die die Gesundheit der Schulkinder überwachen. Größtes Problem: die schlechte Ernährung. „Bei manchen blass aussehenden Kindern konnte auch diesmal eine unzweckmäßige, unregelmäßige und ungenügende Ernährung festgestellt werden“, notiert ein Schularzt. Ging es zuvor darum, Leiden zu lindern und zu heilen, versucht man jetzt, die Gesundheit zu erhalten und Krankheiten zu vermeiden. Der Gedanke der Prävention nimmt Gestalt an. Bis hin zu unseren Präventions- und Prophylaxekonzepten ist der Weg noch lang: So schlägt ein Stadtverordneter 1908 vor, „Schulkindern des Morgens eine Tasse Milch, eventuell mit Zubehör erfolgen zu lassen.“

INFO

Die Ausstellung „2000 Jahre Krankheit und Gesundheit in Köln“ läuft noch bis zum 6.11. im Kölnischen Stadtmuseum, Zeughausstr. 1-3, 50667 Köln, Tel.: 0221 221-25789,Fax: -24154 E-Mail: ksm@museenkoeln.de, Web: www.museenkoeln.de

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