Benignes Prostatasyndrom

Frühe Vorsicht verhindert langes Nachsehen

Viele Männer beachten ihre Prostata erst, wenn das Organ wichtige Funktionen beeinträchtigt. Für weniger aggressive Interventionen ist es dann oft zu spät. Funktionelle Veränderungen sollten früh untersucht werden, empfehlen aktuelle Studien. Neue Erkenntnisse gibt es auch über nicht invasiv wachsende Prostatatumoren und Möglichkeiten einer gezielteren Suche nach bösartigen Veränderungen der Prostata.

Im Vergleich zum bösartigen, metastasierenden Prostatakarzinom wird dem gutartigen, nur funktionell behindernden „benignen“ Prostatasyndrom (BPS, früher BPH = benigne Prostatahypertrophie) in der Regel wenig Beachtung geschenkt. Das ist nicht vernünftig: Auch ein BPS in den noch nicht fortgeschrittenen Stadien, in denen impulsiver und häufiger Harndrang das Bild bestimmen, kann die Lebensqualität des betroffenen Mannes nachhaltig mindern. In späten Stadien kann sogar über Monate ein Dauerkatheter nötig sein und ein operativer Eingriff unumgänglich werden.

Ab 45 ist Aufmerksamkeit geboten

Nach einer neueren epidemiologischen Erhebung sind 4,89 Millionen Männer im Alter von über 50 Jahren vom BPS betroffen. Wie der Urologe Gerd Popa aus Ludwigshafen in München erläuterte, vergehen im Durchschnitt fünf Jahre, bevor das Leiden für die Erkrankten spürbar wird. Während dieser Zeit nehmen die zunächst diskreten Symptome ganz allmählich zu. Wie Popa betont, verschlechtert sich bei 30 Prozent dieser Patienten das BPS spürbar von Jahr zu Jahr, wobei der häufige, impulsive Harndrang sowie der abgeschwächte Harnstrahl das Krankheitsbild dominiert.

Wenn die Symptomatik so deutlich geworden ist und auch das partnerschaftliche oder familiäre Umfeld des Patienten betrifft, besteht Therapiebedarf. Die Behandlung verfolgt zwei Ziele: Verbesserung der Symptomatik und Verzögerung einer eventuell zur Operation zwingenden Verschlechterung. Eine mögliche Medikation sind Alpha-Blocker oder Alpha-Reduktase-Hemmer. Sie sind vor allem beim zweiten Therapieziel wirksam, eine Operation zu verzögern. Das wird jedoch oftmals mit erheblichen Nebenwirkungen erkauft. Für die Verbesserung der Symptomatik werden heute fast nur noch Phytopharmaka empfohlen. Man sollte, so Popa, allerdings darauf achten, dass es sich um qualitativ gute Präparate handelt. Kriterien sind eine Zulassung nach dem neuen Arzneimittelrecht und die Bestätigung der Wirksamkeit durch Studien. Von Präparaten der Erfahrungsmedizin, die in Drogeriemärkten gehandelt werden, wird abgeraten.

Die Studiendaten

Mit einem Mittel der ersten Kategorie, das definierte Spezialextrakte aus der Sägepalme (Sabal) und der Brennnesselwurzel (Urtica) enthält, wurde nun eine Studie gerade zur frühen Symptomatik veröffentlicht, die vielen Männern Mut machen sollte. Die Studie wurde an einem kleinen Patientenkollektiv von 40 Männern doppelblind und prospektiv mit dem Präparat PRO 160/120 gegen Plazebo durchgeführt. Die Studie lief 24 Wochen, die Symptomatik wurde nach dem Internationalen Prostata Symptomen-Score (IPSS) bestimmt. Wie die Abbildung 1 verdeutlicht, nahm in der Verumgruppe die Zahl der Patienten mit schweren Symptomen in dem Maße ab, wie die Anzahl der Patienten mit einer nur noch leichten Symptomatik zunahm. In der Plazebogruppe sah man diesen Effekt während der ersten Studienphase nicht. Erst in der zweiten Phase bis zur 48. Woche, in der auch die Patienten aus der Plazebogruppe das Verum erhielten, fanden sich auch hier die typischen Verbesserungen. Die Ergebnisse der Studie sind statistisch hoch signifikant: In der Verumgruppe gab es eine geringere Anzahl von Patienten mit Nebenwirkungen als bei den Patienten unter Plazebo, was für die ausgezeichnete Verträglichkeit des eingesetzten Phytopharmakons spricht.

In der Diskussion dieser Ergebnisse kam ein Betroffener zu Wort, der schon seit mehr als 15 Jahren das Verum einnimmt. Er wollte aufgrund einer deutlichen familiären Belastung bereits im Alter von 45 Jahren diskrete Frühsymptome des BPS eindämmen. Dieser Patient wurde im Laufe der Jahre nicht nur fast beschwerdefrei, bei der allfälligen Vorsorgeuntersuchung auf Prostatakrebs stellte der aufgesuchte Urologe im Tastbefund und im Ultraschall auch eine „fast jugendliche“ Prostata fest. Dieser Einzelfall illustriert, dass sich – unter Einrechnung der ausgezeichneten Verträglichkeit – qualitativ hochwertige Phytopharmaka durchaus zur Prävention beziehungsweise zur Frühtherapie des BPS eignen.

Prostatatumoren – (k)ein Grund zur Panik

Noch immer – wie zu Zeiten des inzwischen legendären Prof. Julius Hackethal – tobt hinter den Kulissen ein Streit: „Stahl oder Strahl“ ist die Frage. Wann sollte man einen bösartigen Tumor der Prostata invasiv behandeln und wann ist einfaches Zuwarten, gegebenenfalls zusammen mit Anti-Androgen-Behandlung, gerechtfertigt? Nun legten der Urologe Peter C. Albertsen von der Universität Connecticut zusammen mit Wissenschaftlern der Universität von Montreal eine große retrospektive Kohortenstudie vor. Sie beobachtet die Krankengeschichten von 767 Patienten mit klinisch diagnostizierten Prostatatumoren über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren. Die Patienten wurden zwischen dem Januar 1971 und dem Dezember 1984 diagnostiziert. Zu diesem Zeitpunkt waren sie zwischen 55 und 74 Jahre alt. Die mittlere Nachbeobachtungszeit betrug 24 Jahre. Ausgeschlossen aus der Studie wurden alle Patienten, die zum Zeitpunkt der Diagnose an einem Tumor litten, der die Kapsel der Prostata bereits verlassen oder schon diagnostizierbare Metastasen abgesiedelt hatte. Das wichtigste Ergebnis: Die jährliche Mortalitätsrate der erfassten Patienten war stabil, was für eine konservative und gegen eine aggressive Therapie spricht. Für die ersten 15 Jahre Nachbeobachtung ließ sich über alle Patienten eine Mortalitätsrate von 33/1000 ermitteln, für die zweite Periode von 15 Jahren betrug diese Rate 18/1000. Patienten, deren Tumorgewebe noch gut differenziert war (Gleasson-Score 2 bis 4, Abbildung 2), hatten während der ersten 20 Jahre Beobachtungszeit mit 6/1000 eine ausgesprochen niedrige jährliche Sterberate, was deutlich gegen aggressive Therapiemaßnahmen bei solchen Patienten spricht.

Neuer Test für Screenings

Immer wieder werden für Männer ab 50 Jahren Screeninguntersuchungen auf maligne Veränderungen der Prostata gefordert. Die derzeitigen Tests auf das prostataspezifische Antigen (PSA) beziehungsweise das komplexe PSA (cPSA) sind jedoch für solche Screenings noch zu unspezifisch. Nun stellen Xiaoju Wang und Mitarbeiter von der Universität Michigan in Ann Arbor einen völlig neuartigen Test vor. Er basiert auf der Tatsache, dass Patienten mit Prostatamalignomen Antikörper gegen die Oberflächen der transformierten Gewebe bilden. Diese lassen sich mit modernen molekularbiologischen Methoden charakterisieren. Wie Abbildung 3 zeigt, unterscheidet sich die Signatur der Antikörper deutlich von dem Muster gesunder Patienten. Dieser Test hat bereits die ersten experimentellen Hürden überstanden. Eine Bewährung in der Praxis, durch die sich die Spezifität und Sensibilität – und damit die Eignung für Screenings – abschätzen lassen, steht noch aus. (Der Autor steht für Leseranfragen zu diesem Thema jederzeit unter keil@urbanvogel.de zur Verfügung).


 

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